Spastiken und Muskelkrämpfe können sehr schmerzhaft sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die Homöopathie bietet hier einen sanften und natürlichen Therapieansatz, der darauf abzielt, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und die Beschwerden zu lindern.
Was sind Spastiken und Muskelkrämpfe?
Muskelkrämpfe sind plötzliche, unwillkürliche Kontraktionen eines Muskels oder einer Muskelgruppe, die oft mit starken Schmerzen verbunden sind. Sie können durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, wie z.B. Elektrolytstörungen, Überanstrengung, Dehydration oder bestimmte Grunderkrankungen.
Spastiken hingegen sind durch eine erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet, die zu einer Steifigkeit und Verkrampfung der Muskeln führt. Sie treten häufig als Folge neurologischer Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Rückenmarkverletzungen oder Zerebralparese auf.
Homöopathische Behandlung von Spastiken und Muskelkrämpfen
Die Homöopathie betrachtet den Menschen als Ganzes und berücksichtigt bei der Behandlung sowohl die körperlichen als auch die seelischen Symptome. Ziel ist es, das individuell passende homöopathische Mittel zu finden, das die Selbstheilungskräfte des Körpers anregt und die Beschwerden auf sanfte Weise lindert.
Grundlagen der Homöopathie
Die Homöopathie basiert auf dem Ähnlichkeitsprinzip, das besagt, dass eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen bestimmte Symptome hervorruft, in verdünnter Form (Potenzierung) ähnliche Symptome bei einem Kranken heilen kann. Homöopathische Mittel werden aus natürlichen Substanzen gewonnen und in einem speziellen Verfahren potenziert, um ihre Wirksamkeit zu erhöhen.
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Auswahl des passenden homöopathischen Mittels
Die Wahl des geeigneten homöopathischen Mittels erfolgt nach einer ausführlichen Anamnese, bei der der Homöopath die individuellen Symptome, die Krankengeschichte und die Persönlichkeit des Patienten erfasst. Dabei werden sowohl die körperlichen Beschwerden als auch die emotionalen und geistigen Aspekte berücksichtigt.
Für die Wahl homöopathischer Mittel ist es zunächst einmal wichtig, möglichst viele und charakteristische Symptome und Besonderheiten des Patienten zu erfassen. Die Individualität des Krankheitsbildes des Patienten bestimmt die Auswahl des Mittels - es wird also nicht nach so genannter bewährter Indikation verschrieben (Bsp. bei Muskelkrämpfen nimmt man Mittel XY etc). Der Patient sollte genau berichten können, wie sich seine Symptome darstellen, seit wann sie bestehen, ob es Besserungen/Verschlechterungen durch bestimmte Maßnahmen gibt (Modalitäten), ob andere, begleitende Beschwerden mit den Symptomen der MS assoziiert sind, wie seine frühere Krankengeschichte vor Auftreten der MS verlief, und er sollte auch seine emotionale und geistige Verfassung beschreiben. Häufig bestand vor Ausbruch der MS eine anhaltende starke körperliche oder seelische Belastung. Informationen über solche Situationen können dem Therapeuten oft helfen, den Patienten in seinem individuellen Reaktionsmuster besser zu verstehen.
Beispiele für homöopathische Mittel bei Spastiken und Muskelkrämpfen
Es gibt eine Vielzahl von homöopathischen Mitteln, die bei Spastiken und Muskelkrämpfen eingesetzt werden können. Die Wahl des geeigneten Mittels hängt von den individuellen Symptomen und Umständen ab. Zu den häufig verwendeten Mitteln gehören:
- Magnesium carbonicum: Dieses Mittel wird oft bei Muskelkrämpfen eingesetzt, die mit Müdigkeit und Erschöpfung einhergehen. Elisabeth T. berichtet, dass Magnesium carbonicum ihr sehr gut hilft, wenn sie morgens unausgeruht und müde aufwacht.
- Lathyrus sativus: Dieses Mittel wird aus der Kicherplatterbse gewonnen und wird bei lähmungsartigen und krampfartigen Beschwerden eingesetzt. Es wirkt besonders auf das Rückenmark und die Muskulatur und kann bei Rückenmarkslähmung, Muskelabbau und Gangstörungen hilfreich sein.
- Secale cornutum: Dieses Mittel wird aus Mutterkorn gewonnen und wirkt auf Nerven und Muskulatur. Es kann bei Verkrampfungen der Muskulatur und Gefäße mit Taubheit, brennenden Schmerzen und Störungen des Gehens angezeigt sein.
- Causticum Hahnemanni: Diese Kalkverbindung wird bei fortschreitender Schwäche bis hin zu einem lähmungsartigen Zustand eingesetzt. Sie kann bei Lähmung der Stimmbänder, Zungenmuskulatur, Augenlider, des Gesichtes, der Schließmuskeln oder der Extremitäten hilfreich sein.
- Cuprum metallicum (Kupfer): Bei Krämpfen aller Art eingesetzt. Heftige, krampfartige Hustenanfälle, die schlagartig beginnen und ca. Typische Symptome: Beim Husten zuckt und versteift sich der ganze Körper, Daumen/Zeigefinger verkrampfen während der Hustenanfälle, Atemnot, der Brustkorb fühlt sich an wie eingeschnürt, Gesicht rot bis bläulich verfärbt. Lautes Schleimrasseln, der Schleim löst sich nur schwer.
Homöopathie bei Multipler Sklerose (MS)
Norma Gäbler, Heilpraktikerin mit acht Jahren Praxistätigkeit mit überwiegend MS-Betroffenen, berichtet, dass viele MS-Patienten nach alternativen Behandlungsmethoden suchen, wenn die Diagnose noch frisch ist, die Basistherapie nicht den gewünschten Erfolg zeigt oder die Nebenwirkungen zu stark sind. Die klassische Homöopathie kann hier eine unterstützende Rolle spielen.
Zudem können die organotrope Homöotherapie vielfältiger Beschwerden sowie die gezielte Nosodentherapie für den Homöopathen sinnvoll sein.
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Homöopathie bei neurogener Blasenfunktionsstörung
In der Neuro-Urologie des SPZ wurden bereits sehr gute Erfahrungen gemacht bei der Behandlung und Vorbeugung von Harnwegsinfekten von querschnittgelähmten Patienten. Zudem berichten Betroffene über verbesserte Darmfunktion und weniger Spastik (Muskelkrämpfe). Prominenter Befürworter dieser Methode ist der verunfallte ehemalige Skirennfahrer Silvano Beltrametti, dessen Harnwegsinfektion sich durch die homöopathische Behandlung durch Dr. Mohinder Singh Jus von der SHI Homöopathie Schule in Zug laufend verbessert hat.
Begleitende Maßnahmen
Neben der homöopathischen Behandlung können auch begleitende Maßnahmen wie Physiotherapie, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und eine gesunde Lebensweise dazu beitragen, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Alle Maßnahmen, die den Patienten stabilisieren, (gesunde Ernährung, Bewegung, gesunde Lebensweise, ausreichend Schlaf, im weitesten Sinn auch Beziehungen, Liebes- und Sexualleben) sind erwünscht und unterstützenswert.
Wichtige Hinweise
Während der homöopathischen Behandlung sollte kein Kaffee getrunken werden und jegliche menthol- oder pfefferminzhaltigen Produkte sowie Kontakt mit Kampfer gemieden werden (antidotierende Wirkung = die Mittelwirkung kann beeinträchtigt oder aufgehoben werden!).
Es darf niemals ein schulmedizinisches Medikament eigenmächtig abgesetzt und/oder durch ein Homöopathikum ersetzt werden.
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Bei akuten Beschwerden wie z.B. Sehnerventzündung häufig schnelle Besserung ohne Erstverschlechterung!
Weitere homöopathische Mittel und ihre Anwendungsgebiete
- Rhus toxicodendron: Dieses Mittel wird aus dem Giftsumach gewonnen und wird vor allem bei Erkrankungen der Sehnen und Bänder, im psychischen Bereich sowie bei Nervenleiden eingesetzt. Es kann bei steifen Gelenken, Hexenschuss, Arthrose und Hautausschlägen mit Bläschenbildung hilfreich sein.
- Spascupreel: Dieses Komplexmittel lindert krampfartige Beschwerden der Verdauungsorgane durch eine Kombination zahlreicher gut verträglicher Inhaltsstoffe wie Matricaria recutita (Kamille), Passiflora incarnata (Passionsblume) und Gelsemium sempervirens (gelber Jasmin).
- Pflügerplex® Cuprum 145 H: Dieses homöopathische Komplexmittel wird bei Muskelkrämpfen eingesetzt. Es enthält Cuprum metallicum (Kupfer) sowie weitere Inhaltsstoffe, die sich bei Krampfleiden bewährt haben.
Die Rolle des Therapeuten und die aktive Rolle des Patienten
Der Patient hat sowohl bei der Fallaufnahme als auch bei den Follow-ups zur Verlaufsanalyse eine wichtige und aktive Rolle. Je besser er seine körperlichen und emotionalen Beschwerden charakterisieren kann, desto leichter kann die Mittelfindung und Verlaufsanalyse für den Behandler sein.
Der Patient sollte nach Mittelgabe darauf achten, ob und wie sich seine Beschwerden verändern, verringern oder ganz verschwinden, ob sich bekannte Symptome kurzzeitig oder anhaltend verstärken oder neue, bisher unbekannte Symptome auftreten. Das Ganze sollte am besten schriftlich dokumentiert werden.
Eine gute Patientenführung durch den Therapeuten ist hier ganz wichtig!
Erstverschlimmerung und Spätverschlimmerung
Aufgrund des unterstützenden Charakters kann es, besonders bei den sogenannten Hochpotenzen (ab C200, LM- und Q-Potenzen), zu einer Erstverschlimmerung der Symptomatik kommen. Sie kann ein paar Tage nach Einnahmebeginn einsetzen und wird als positives Zeichen für die adäquate Reaktion des Körpers gewertet. Ein Ausbleiben der Erstverschlimmerung ist jedoch im Umkehrschluss kein Zeichen mangelnden Erfolges, da längst nicht alle Mittel diese Erstreaktion auslösen (Sulfur ist zum Beispiel bekannt für das vermehrte Auftreten einer Erstverschlimmerung).
Bei einer Einnahme über die erforderliche Zeit hinaus (die wohl einzige beschriebene Form der Überdosierung) können die ursprünglichen Symptome zurückkehren, was Hahnemann als „Spätverschlimmerung“ bezeichnete. Diese wird, anders als das erste Auftreten der Beschwerden, nicht behandelt. Stattdessen wird das Mittel nun abgesetzt.