Konversionsneurose: Definition, Ursachen, Symptome und Therapie

Die Konversionsneurose, auch bekannt als dissoziative Störung oder Hysterie, ist eine psychische Störung, bei der psychische Konflikte und Belastungen in körperliche Symptome umgewandelt werden. Diese Symptome können vielfältig sein und neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder Krampfanfälle imitieren, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden kann.

Einführung in die Konversionsneurose

Die Konversionsneurose ist ein faszinierendes und komplexes Phänomen, das seit Jahrhunderten in der Medizin und Psychologie diskutiert wird. Bereits in der Antike wurden ähnliche Symptome als "hysterisch" bezeichnet und fälschlicherweise mit einer "Wanderung" der Gebärmutter im Körper in Verbindung gebracht. Erst Sigmund Freud und Josef Breuer erkannten im späten 19. Jahrhundert die psychischen Ursachen der Hysterie und entwickelten die Theorie der Konversion.

Definition und Klassifikation

Die Konversionsneurose gehört zu den dissoziativen Störungen, die durch eine Störung der normalerweise integrierten Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Wahrnehmung gekennzeichnet sind. Die ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision) verwendet die Begriffe dissoziative Störung und Konversionsstörung synonym.

Im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, 5. Ausgabe) wird zwischen einer akuten Episode (Symptome bestehen seit weniger als 6 Monaten) und einer andauernden Episode (Symptome bestehen seit 6 Monaten oder länger) unterschieden.

Ursachen der Konversionsneurose

Die Konversionsneurose wird als ursächlich psychogen angesehen, d.h. sie entsteht aufgrund von psychischen Faktoren. Traumatisierende Ereignisse, unlösbare Konflikte oder gestörte Beziehungen können eine Konversionsneurose auslösen. Die Symptome verkörpern häufig das Konzept der betroffenen Person, wie sich eine körperliche Krankheit manifestieren müsste.

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Psychodynamische Aspekte

Aus psychodynamischer Sicht spielen folgende Aspekte eine Rolle bei der Entstehung der Konversionsneurose:

  • Konversion: Die Umsetzung eines Konfliktes und seiner Bestandteile in eine Körpersprache.
  • Identifikation: Unbewusste Imitation körperlicher und psychischer Leiden, häufig mit konkreten kranken Patienten oder stereotypen Vorstellungen von Krankheit.
  • Verdrängung: Abwehr von unbewussten Konflikten und Affekten.
  • Dissoziation: Abspaltung von Bewusstsein, bei der ein oder mehrere Bereiche mentaler Prozesse vom Bewusstsein getrennt werden und unabhängig voneinander ablaufen.
  • Emotionalisierung: Verstärkung von Emotionen.
  • Inszenierung: Unbewusste Inszenierung von Erlebens- und Verhaltensweisen, um für sich und andere anders zu erscheinen als man ist.

Die Ursachen konversionsneurotischer Symptombildungen können demnach auf eine nicht bewältigte ödipale Problematik, eine strukturelle Ich-Störung und ein labiles Selbstwertgefühl zurückgeführt werden.

Symptome der Konversionsneurose

Die Symptome der Konversionsneurose sind vielfältig und können sowohl motorische, sensorische als auch dissoziative Phänomene umfassen.

Motorische Symptome

  • Dissoziative Bewegungsstörungen: Vollständiger oder teilweiser Verlust der Bewegungsfähigkeit eines oder mehrerer Körperglieder, ähnlich wie bei Ataxie, Apraxie, Akinesie, Aphonie, Dysarthrie, Dyskinesie oder Lähmungen.
  • Dissoziative Krampfanfälle: Ähnlichkeit mit epileptischen Anfällen, jedoch ohne Zungenbiss, Verletzungen beim Sturz oder Urininkontinenz. Ein Bewusstseinsverlust fehlt oder es findet sich stattdessen ein stupor- oder tranceähnlicher Zustand.

Sensorische Symptome

  • Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen: Teilweiser oder vollständiger Verlust der normalen Hautempfindungen an Körperteilen oder am ganzen Körper (Hypo-, Hyper- oder Parästhesien).
  • Seh-, Hör- oder Riechverluste: Typischerweise selten vollständig. Bei Sehbeeinträchtigungen wird häufig eine Gesichtsfeldeinschränkung im Sinne eines "Tunnelsehens" oder ein Verlust der Sehschärfe angegeben.

Dissoziative Symptome

  • Dissoziative Amnesie: Verlust der Erinnerung für meist wichtige aktuelle Ereignisse, die nicht durch eine organische psychische Störung bedingt ist. Die Amnesie bezieht sich meist auf traumatische Ereignisse und ist in der Regel unvollständig und selektiv.
  • Dissoziative Fugue: Plötzliche, unerwartete Entfernung von zuhause oder vom Arbeitsplatz, verbunden mit der Unfähigkeit, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Das Verhalten des Patienten kann während dieser Zeit auf unabhängige Beobachter vollständig normal wirken.
  • Dissoziativer Stupor: Beträchtliche Verringerung oder das Fehlen von willkürlichen Bewegungen und normalen Reaktionen auf äußere Reize.
  • Trance- und Besessenheitszustände: Zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung.
  • Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung): Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen.
  • Depersonalisations- und Derealisationssyndrom: Andauernde oder wiederkehrende Erfahrungen, sich von den eigenen geistigen Prozessen oder vom eigenen Körper losgelöst oder sich wie ein außenstehender Beobachter der eigenen geistigen Prozesse oder des eigenen Körpers zu fühlen.

Weitere Symptome

  • Auffällig ist häufig der geringe Leidensdruck im Kontrast zur Schwere der Symptomatik ("la belle indifferencé").
  • Hohe Fluktuation der Symptomatik, auch in Abhängigkeit belastender oder entlastender Umgebungseinflüsse oder durch Beobachtung.

Diagnose der Konversionsneurose

Die Diagnose der Konversionsneurose basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls zusätzlichen neurologischen Untersuchungen, um organische Ursachen auszuschließen.

Diagnostische Kriterien

  • Kein Nachweis einer körperlichen Krankheit, welche die Symptome erklären könnte.
  • Die Symptomatik ist unwillentlich und unbewusst generiert.
  • Ein überzeugender zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Auftreten der dissoziativen Symptome und belastenden Ereignissen.
  • Der Funktionsverlust ist offensichtlich Ausdruck emotionaler Konflikte oder Bedürfnisse.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, die Konversionsneurose von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können, wie z.B.:

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  • Neurologische Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose, Schlaganfall, Epilepsie)
  • Somatisierungsstörungen
  • Vorgetäuschte Störungen (Simulation)
  • Angststörungen
  • Depressionen

Therapie der Konversionsneurose

Die Therapie der Konversionsneurose ist multimodal und umfasst in der Regel psychotherapeutische, bewegungstherapeutische und gegebenenfalls medikamentöse Behandlungen.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Verfahren haben sich bei der Behandlung diverser funktioneller Störungen als hilfreich erwiesen. Das methodische Vorgehen leitet sich jeweils von einem Fokus auf Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, wiederholten interaktionellen Störungen oder Traumafolgestörungen ab.

  • Psychoanalyse oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Geeignet bei chronifizierten Konversionsstörungen und wenn eine basale Störung (Ich-Störung) dominiert.
  • Verhaltenstherapie: Kann helfen, psychische Auslöser zu erkennen und den Betroffenen aus seiner selbst geschaffenen Isolation in die Realität zurückzuholen.
  • Körperpsychotherapie: Förderung von körperlicher Wahrnehmung und Bewegung.

Bewegungstherapie

Bewegungstherapeutische Behandlungen, die speziell auf die Pathophysiologie funktioneller Störungen ausgerichtet sind, können ebenfalls hilfreich sein.

Medikamentöse Behandlung

Begleitend kann eine Behandlung der Konversionsstörung mit Medikamenten möglich sein, insbesondere wenn komorbide psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen vorliegen.

Weitere Therapieansätze

  • Erklärende Gespräche: Vermittlung eines zeitgemäßen Krankheitsverständnisses und Erklärungsmodells, das die Annahme der Diagnose begünstigt und das Kohärenzgefühl fördert.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Einbeziehung von Neurologen, Psychiatern, Psychotherapeuten und anderen Fachkräften.

Prognose der Konversionsneurose

Funktionelle neurologische Störungen haben unter den Bedingungen des aktuellen klinischen Managements insgesamt eine schlechte Prognose. Dissoziative Anfälle zum Beispiel treten mehrere Jahre nach Diagnosestellung bei 60-80 % der Betroffenen weiter auf. Eine Langzeitbeobachtung von Patienten mit funktionellen Paresen ergab, dass die Symptomatik bei der Hälfte der Patienten nach 12-16 Jahren unverändert oder verschlimmert war. Eine frühzeitige und niederschwellige Therapie ist daher zwingend erforderlich.

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