Die Behandlung von neuropathischen Schmerzen stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Konventionelle Schmerzmittel bieten oft unzureichende Linderung, während Opioide mit dem Risiko von Abhängigkeit und Nebenwirkungen verbunden sind. In diesem Kontext rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Fokus als alternative oder ergänzende Therapieoption. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Vorteile von Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie (SFN), einer spezifischen Form der Polyneuropathie, und betrachtet sowohl klinische Evidenz als auch persönliche Erfahrungen von Patienten.
Einführung in die Small-Fiber-Neuropathie
Small-Fiber-Neuropathie (SFN) ist eine Erkrankung, die die kleinen, unmyelinisierten oder schwach myelinisierten Nervenfasern betrifft. Diese Nervenfasern sind für die Übertragung von Schmerz-, Temperatur- und autonomen Signalen verantwortlich. Eine Schädigung dieser Fasern kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter neuropathische Schmerzen, Empfindlichkeitsstörungen und autonome Dysfunktion. Die Diagnose erfolgt durch eine Anamnese, eine körperliche Untersuchung und Tests wie die Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeitstests (ENG). Polyneuropathie wird häufig nach der zugrunde liegenden Ursache klassifiziert, wie zum Beispiel diabetische oder alkoholbedingte Polyneuropathie.
Symptome der Small-Fiber-Neuropathie
Die Symptome der Small-Fiber-Neuropathie können vielfältig sein und variieren je nach betroffenem Bereich und Schweregrad der Schädigung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Schmerzen: Brennende, stechende oder kribbelnde Schmerzen, insbesondere in den Händen und Füßen.
- Taubheitsgefühl und Kribbeln: Ein Taubheitsgefühl oder ein Kribbeln, oft als „Ameisenlaufen“ beschrieben.
- Empfindlichkeitsstörungen: Erhöhte oder reduzierte Empfindlichkeit gegenüber Berührungen, Schmerzen oder Temperaturunterschieden.
- Autonome Symptome: Störungen der Schweißproduktion, Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Verdauung.
Cannabinoide und das Endocannabinoid-System
Cannabis enthält eine Vielzahl von chemischen Verbindungen, darunter Cannabinoide wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Diese Cannabinoide interagieren mit dem Endocannabinoid-System (ECS) des Körpers, einem komplexen Netzwerk von Rezeptoren, Enzymen und Endocannabinoiden, das eine wichtige Rolle bei der Regulation verschiedener physiologischer Prozesse spielt, darunter Schmerzempfindung, Entzündung, Stimmung und Schlaf. Das Endocannabinoid-System (ECS) kommt im Gehirn und Nervensystem aller Säugetiere vor.
Wirkmechanismen von Cannabinoiden bei neuropathischen Schmerzen
Cannabinoide können auf verschiedene Weise zur Linderung neuropathischer Schmerzen beitragen:
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- Schmerzlinderung: THC wirkt schmerzlindernd, indem es an CB1-Rezeptoren im Gehirn und Nervensystem bindet und die Schmerzwahrnehmung reduziert.
- Entzündungshemmung: CBD wirkt entzündungshemmend, indem es die Aktivität von Entzündungszellen reduziert und die Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen hemmt.
- Neuroprotektion: CBD kann Nervenzellen vor Schäden schützen, indem es antioxidative und antiapoptotische Eigenschaften besitzt.
- Muskelentspannung: Einige Cannabinoide können Muskelverspannungen lösen und dadurch Schmerzen lindern.
Erfahrungen mit Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie
Die Erfahrungen von Patienten mit Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie sind vielfältig. Einige berichten von einer deutlichen Schmerzlinderung, verbesserter Schlafqualität und gesteigerter Lebensqualität, während andere keine oder nur geringe Auswirkungen verspüren.
Erfahrungsbericht von Dirk D.
Dirk D., ein Fibromyalgie-Patient, erhielt im Februar 2019 die Bewilligung seiner Krankenkasse für die Kostenübernahme zur Behandlung mit cannabinoidhaltigen Medikamenten. Er hatte zuvor positive Erfahrungen mit Cannabis gemacht, nachdem er 2011 einen doppelten Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule erlitten hatte. Eine Bekannte brachte ihm Gras mit, und er spürte eine deutliche Schmerzreduktion und eine muskelentspannende Wirkung. Im Sommer 2017 begab er sich in die Hände eines Schmerztherapeuten und berichtete von seinen Erfahrungen mit Cannabis. Trotz der positiven Erfahrungen entsprach die Medikation nicht der Standardbehandlung bei Fibromyalgie, und es gab nur sehr eingeschränkt aussagekräftige Studien. Nach mehreren Monaten der Einnahme von Arzneimitteln ohne wesentliche Verbesserung der Schmerzen diskutierte er mit seinen Ärzten über einen offiziellen Einsatz von Cannabispräparaten und einen Antrag zur Kostenübernahme bei der Krankenkasse. Zunächst wurde der Antrag von seiner privaten Krankenversicherung abgelehnt, später jedoch von seiner gesetzlichen Krankenversicherung bewilligt, nachdem er Widerspruch eingelegt und mit einer Klage gedroht hatte.
Wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis bei Polyneuropathie
Obwohl die Forschungslage zur Wirksamkeit von Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie noch begrenzt ist, gibt es einige vielversprechende Studien, die darauf hindeuten, dass Cannabis eine unterstützende Rolle bei der Behandlung von Polyneuropathie spielen kann, indem es Schmerzen lindert, die Nerven beruhigt und Entzündungen reduziert.
Studienüberblick
- Abrams, D. I., et al. (2007): Diese Studie zeigt, dass Cannabis die neuropathischen Schmerzen bei HIV-bedingter Polyneuropathie signifikant reduzieren kann und eine effektive Ergänzung zur Schmerztherapie darstellt (Neurology, 68(7), 515-521).
- Wallace, M., et al. (2015): Diese Untersuchung fand heraus, dass inhalatives Cannabis Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie signifikant reduzieren kann und dabei nur geringe Nebenwirkungen hat (Journal of Pain, 16(7), 616-627).
- Russo, E. B. (2011): Russo beschreibt die entzündungshemmende Wirkung von Terpenen wie Beta-Caryophyllen und deren potenziellen Nutzen bei chronischen Schmerz- und Nervenerkrankungen (British Journal of Pharmacology, 163(7), 1344-1364).
- Weitere Studien: Eine weitere Studie untersuchte, wie die Signalwege der CB1-Cannabinoid-, TRPV1-Vanilloid- und NMDA-Glutamatrezeptoren im Gehirn zusammenwirken, um die Symptome von neuropathischen Schmerzen zu regulieren. Die Forscher konnten zeigen, dass die Interaktion dieser Rezeptoren eine Schlüsselrolle in der Schmerzwahrnehmung spielt.
Einschränkungen der aktuellen Forschung
Es ist wichtig zu beachten, dass die aktuelle Forschungslage zur Wirksamkeit von Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie noch einige Einschränkungen aufweist. Viele Studien sind klein und haben methodische Schwächen. Zudem gibt es eine große Variabilität in den verwendeten Cannabisprodukten und Dosierungen, was die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert. Zwar ist die Studienlage noch nicht eindeutig, aber dennoch weisen viele Studienergebnisse auf den hohen therapeutischen Nutzen von Cannabinoiden hin.
Amyloidosen und Neuropathie
Amyloidosen sind Erkrankungen, bei denen sich unlösliche Proteinfibrillen extrazellulär in Organsystemen ablagern. Das Nervensystem kann früh und schwer betroffen sein. Die Transthyretin-Amyloidose (ATTR) tritt in 2 Formen auf: 1) als hereditäre autosomal-dominante Variante (ATTRv) mit amyloidogener Mutation im TTR-Gen und 2) als Wildtypform (ATTRwt) ohne Mutation im TTR-Gen. Die ATTRv-Form zeigt ein heterogenes klinisches Spektrum mit sensomotorischer Polyneuropathie, autonomer Dysfunktion, restriktiver Kardiomyopathie sowie okulären und zentralnervösen Manifestationen. Typischerweise manifestiert sich die ATTRv-Amyloidose mit einer rasch progredienten, führend axonalen Polyneuropathie. In frühen Krankheitsstadien treten distale, symmetrische und im Verlauf aufsteigende sensible Symptome auf, v. a. neuropathische Schmerzen (meist brennend), Taubheitsgefühle und vermindertes Temperaturempfinden. Wundheilungsstörungen mit Ulzerationen, die an das diabetische Fußsyndrom erinnern, sind bei Early-Onset-Patienten schon im frühen Verlauf häufig. Im späteren Verlauf sind neben den kleinen, dünn myelinisierten und unmyelinisierten Fasern dickere myelinisierte sensible und motorische Fasern betroffen. Eine Small Fiber Dysfunktion kann durch verschiedene Testungen (z. B. quantitative sensorische Testung, Sudoscan) ermittelt werden.
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Differenzialdiagnose und Komorbiditäten
Eine diagnostische Herausforderung stellen komorbide Polyneuropathien anderer Genese dar, die gerade in höherem Alter nur schwierig abzugrenzen sind. Fehldiagnosen von ATTRv-Amyloidose-Patienten als „CIDP mimics“ sind in der Literatur mehrfach beschrieben. Therapierefraktäre CIDP-Verläufe sollten immer an eine ATTRv-Amyloidose denken lassen und bei Verdacht zur genetischen Testung veranlassen.
Praktische Anwendung von Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie
Wenn medizinisches Cannabis in Betracht gezogen wird, ist es wichtig, die verschiedenen Anwendungsformen, Dosierungen und potenziellen Nebenwirkungen zu berücksichtigen.
Anwendungsformen
Cannabis kann in verschiedenen Formen angewendet werden, darunter:
- Inhalation: Rauchen oder Verdampfen von Cannabisblüten oder -konzentraten.
- Orale Einnahme: Einnahme von Cannabisöl, Kapseln, Edibles oder Tinkturen.
- Topische Anwendung: Auftragen von Cannabiscremes oder -salben auf die Haut.
Dosierung
Die optimale Dosierung von Cannabis bei Small-Fiber-Neuropathie ist individuell unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Schwere der Symptome, die individuelle Empfindlichkeit gegenüber Cannabinoiden und die Art des verwendeten Cannabisprodukts. Hier ist es besonders wichtig, sich schrittweise an die individuell gut verträgliche Dosierung heranzutasten. Starte zunächst mit nur wenigen Tropfen Hanföl pro Tag und steigere dich langsam, bis du die gewünschte Wirkung erzielst.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Cannabis gehören Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit. In einigen Fällen können auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten, insbesondere mit solchen, die das Cytochrom-P450-Enzymsystem betreffen, das für den Abbau vieler Medikamente verantwortlich ist.
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Ärztliche Begleitung
Eine individuelle Dosierung und ärztliche Begleitung sind ratsam, um die optimale Wirkung und eine sichere Anwendung zu gewährleisten. Seit 2017 können Ärzte in Deutschland Cannabis-Präparate verschreiben. Diese Zulassung weicht jedoch von den strengen Standards der evidenzbasierten Medizin ab: Statt klar umrissener Indikationen liegt die Entscheidung beim behandelnden Arzt, ob Cannabis für einen Patienten geeignet ist.
Auswahl von Cannabisprodukten
Die Auswahl des richtigen Cannabisprodukts ist entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Es ist wichtig, Produkte von vertrauenswürdigen Herstellern zu wählen, die ihre Produkte auf Cannabinoidgehalt und Reinheit testen lassen. Die Kombination von CBD, moderatem THC und schmerzlindernden Terpenen wie Beta-Caryophyllen und Linalool kann die Schmerzempfindlichkeit senken und die Lebensqualität verbessern.
CBD-Öl
CBD-Öl oder -Kapseln können regelmäßig eingenommen werden, um eine konstante Wirkung zu erzielen und die Symptome zu kontrollieren. Üblicherweise werden für die orale Anwendung einige Tropfen CBD-Öl unter die Zunge geträufelt. Da für manche Menschen die Anwendung von CBD als klassisches Öl jedoch nicht so komfortabel ist - zum Beispiel weil ihnen der Geschmack nicht zusagt - haben wir spezielle Produkte entwickelt. Bei unserem CBD-Minzöl beispielsweise wird der intensive Hanfgeschmack mit natürlichem Minzöl ausgeglichen.
THC und CBD zur Inhalation
Die inhalative Anwendung von THC und CBD bietet bei akuten Schmerzschüben schnelle Linderung.
CBD-Öl und Creme
Bei akuten Nervenschmerzen bietet sich außerdem die Verwendung von höher dosiertem CBD-Öl mit 15% oder Creme zum Einreiben der schmerzenden Bereiche an.
Rechtliche Aspekte
Seit 2017 können Ärzte in Deutschland Cannabis-Präparate verschreiben. Laut Gesetz dürfen die Krankenkassen diese nur in „begründeten Einzelfällen“ verweigern. Sie legen die Vorschriften jedoch so aus, dass sie für jede Anfrage eine gutachterliche Stellungnahme des medizinischen Dienstes (MDK) anfordern.
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