Wie man den Tinnitus mit gezieltem Training des Musculus splenius capitis und des Musculus semispinalis capitis lindert

Ein anhaltendes Pfeifen, Brummen oder Summen im Ohr - Tinnitus ist für viele Menschen mehr als nur ein lästiges Geräusch. Er kann Schlafstörungen verursachen, die Konzentration beeinträchtigen und das allgemeine Wohlbefinden stark einschränken. Oft wird Tinnitus als medizinisches Rätsel empfunden, denn nicht immer lässt sich eine klare Ursache feststellen. Die gute Nachricht ist, dass es Möglichkeiten gibt, den Tinnitus durch gezieltes Training und physiotherapeutische Übungen zu lindern, insbesondere wenn er mit muskulären Verspannungen im Nacken- und Kieferbereich zusammenhängt.

Tinnitus und seine Ursachen

Tinnitus, auch Subjektiver Tinnitus oder Tinnitus Aurium, werden Ohrgeräusche genannt, denen kein reales Geräusch in der Außenwelt zugrunde liegt und bei denen die Medizin keine organische Ursache findet. Man vernimmt ihn als (oftmals störendes) Geräusch, das für einen längeren Zeitraum anhält. Tinnitus kann viele organische Ursachen haben. Fälle von Tinnitus mit organischer Ursache sind sehr selten (etwa 1%). Nicht organisch bedingter Tinnitus ist (wahrscheinlich) eine Fehlinterpretation des Gehirns von ohrnahen somatosensorischen Reizen (Spürwahrnehmungen) als akustische Reize (Hörwahrnehmungen).

Somatosensorisch beeinflusster Tinnitus

Die Physiotherapie bei Tinnitus setzt genau hier an: Sie betrachtet den Tinnitus nicht als rein audiologisches Problem, sondern im Zusammenhang mit muskulären Spannungen, Haltungsfehlern und Bewegungseinschränkungen. Insbesondere bei Menschen mit chronischen Nackenverspannungen, Kiefergelenksbeschwerden oder eingeschränkter Beweglichkeit der Halswirbelsäule lässt sich eine Verbindung zwischen Muskel-Skelett-System und Tinnitus nachweisen. In der Fachliteratur wird in solchen Fällen vom somatosensorisch beeinflussten Tinnitus gesprochen.

Ein typisches Beispiel: Wer viele Stunden täglich in leicht vorgebeugter Haltung am Schreibtisch verbringt, belastet dauerhaft die Nacken- und Schultermuskulatur. Die dadurch entstehenden Verspannungen können auf das empfindliche Gleichgewicht von Wirbeln, Muskeln und Nerven im Bereich der oberen Halswirbelsäule wirken - ein Bereich, der auch für die Reizverarbeitung im Hörsystem mitverantwortlich ist. Auch das Kiefergelenk spielt eine wichtige Rolle. Knirschen, Pressen oder eine Fehlstellung des Unterkiefers können Spannungen auf umliegende Strukturen übertragen, die wiederum das Ohr und das Gleichgewichtssystem beeinflussen.

Die Rolle der Nackenmuskulatur

Zwei kleine Muskeln mit schwer zu merkenden Namen spielen in der Entstehung von Tinnitus eine wichtige Rolle - davon ist der Orthopäde Christian Sturm überzeugt. Durch Zufall war der Orthopäde und Reha-Mediziner auf diese beiden Muskeln gestoßen, als er Kopfschmerzpatienten am Trapezius behandelte, einem großen Muskel am Nacken, der bis zum Schulterblatt reicht und oft Kopfschmerzen verursacht. Da die manuelle Therapie die benachbarten Muskeln mit einbezieht, drückte er auch auf die kleinen, tief liegenden Muskeln im Nacken. Mit seinem Griff löste er immer mal wieder ungeahnte Reaktionen aus: einen Tinnitus bei jemandem, der sonst nie Ohrgeräusche hörte.

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Den Mechanismus erklärt Christian Sturm so: Im Nacken liegen Muskeln und Nerven eng beieinander und nah an den Ausläufern des Stammhirns. Jeder Muskel sendet ununterbrochen elektrische Impulse ans Gehirn, um zu melden, was er macht. Wenn er dauerverkrampft ist - etwa durch Fehlhaltungen - sendet er viel mehr Signale. Diese Überaktivität kann quasi zu einem Kurzschluss führen, der auch in den benachbarten Schaltzentren im Stammhirn eine Überaktivität auslöst.

Muskeln und Körperhaltung als Tinnitus-Auslöser

Viele physiotherapeutische Ansätze konzentrieren sich bei Tinnitus zunächst auf die Halswirbelsäule und den Kieferbereich - völlig zu Recht, denn hier liegen oft die direkten Auslöser für muskulär bedingte Ohrgeräusche. Ein dauerhaft nach vorn geneigter Oberkörper oder ein „hängender“ Brustkorb wirken sich auf die Spannungslinien im gesamten Körper aus. Diese Veränderungen beeinflussen nicht nur Muskeln, sondern auch das vegetative Nervensystem, das wiederum für Reizfilterung und Entspannungsfähigkeit zuständig ist.

Physiotherapeutische Übungen zur Linderung von Tinnitus

Liegt dem Tinnitus ein funktionelles oder muskuläres Problem zugrunde, lassen sich durch gezielte physiotherapeutische Übungen oft spürbare Verbesserungen erzielen. Viele der Übungen aus der Physiotherapie lassen sich mit etwas Anleitung auch zu Hause durchführen. Wichtig ist dabei: Die Übungen sollen bewusst und kontrolliert ausgeführt werden - hektische oder zu kräftige Bewegungen können eher kontraproduktiv sein.

Übungen für Nacken und Schultern

  1. Dehnung der seitlichen Nackenmuskulatur: Setze Dich aufrecht auf einen Stuhl. Neige den Kopf langsam zur rechten Seite, bis ein leichtes Ziehen auf der linken Halsseite spürbar ist. Die Schultern bleiben unten. Halte die Position für 30 Sekunden.

  2. Kieferübung: Öffne langsam den Mund, ohne zu reißen. Beobachte dabei, ob der Kiefer gerade bleibt oder zur Seite ausweicht. Wiederhole die Öffnung 10 Mal, achte auf einen gleichmäßigen Bewegungsablauf.

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  3. Dehnung der Brustmuskulatur: Stelle Dich in einen offenen Türrahmen, lege beide Unterarme im 90°-Winkel an die Seiten des Rahmens. Tritt mit einem Fuß nach vorne und lehne Dich leicht in die Öffnung. Spüre die Dehnung in der Brustmuskulatur. Halte die Position für 20-30 Sekunden.

  4. Entspannung der Nackenmuskulatur: Lege Dich auf den Rücken, die Beine sind aufgestellt oder auf einem Hocker abgelegt. Platziere ein kleines zusammengerolltes Handtuch unter den Nacken, um die natürliche Krümmung zu unterstützen. Nun atme ruhig und tief in den Bauch - und beobachte dabei, wie sich Schultern und Nacken mit jeder Ausatmung sinken lassen.

  5. Rotation der Halswirbelsäule: Gehe in den Vierfüßlerstand (Hände unter den Schultern, Knie unter den Hüften). Lege die linke Hand hinter den Kopf. Drehe den Oberkörper nun langsam zur linken Seite auf, der Blick folgt dem Ellbogen. Kehre in die Ausgangsposition zurück. Wiederhole die Bewegung 8-10 Mal, dann wechsle die Seite.

  6. Gleichgewichtsübung: Stelle Dich gerade hin, die Füße hüftbreit. Verlagere das Gewicht auf ein Bein, beuge leicht das Standbein. Hebe das andere Bein nach hinten, während der Oberkörper nach vorne geht - so, dass Du eine Linie von Kopf bis Fuß bildest. Die Arme können zur Seite gestreckt werden. Halte die Position für 10-20 Sekunden, atme ruhig. Dann wechsle das Bein.

Mobilisierung der Kaumuskulatur

  1. Kiefergelenksmobilisation: Die Fingerkuppen deiner Mittelfinger liegen auf den Kiefergelenksknöpfchen direkt vor dem Ohr und üben einen leichten Druck auf diese aus. Durch die gleichzeitige Bewegung des Unterkiefers kommt es zu einer Mobilisation und Masse in diesem Bereich.

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  2. Kaumuskulaturmassage: Die Fingerkuppen von Zeige- Mittel- und Ringfinger liegen auf dem hinteren Teil deiner Wangen, ca. 1-2 Finger reit vor den Ohrläppchen auf der Kaumuskulatur.

  3. Kinn-Gegendruck-Übung: Halte dein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. Nun öffnest du deinen Mund unter Gegendruck des Daumens.

  4. Hinterkopf-Druckpunkt-Aktivierung: Stelle deine Daumenkuppen von unten kommend auf die Knochenvorsprünge hinter den Ohren, die restlichen Finger umfassen deinen Hinterkopf.

Weitere Übungen und Tipps

  • Mini-Kugel-Massage: Setz dich bequem hin und nimm die Mini-Kugel zu Hand. Hier kannst du langsam und mit viel Druck spiralförmig über die Wange rollen. Du rollst nicht hinten und nicht ganz links, sondern genau dazwischen auf dem Muskelstrang.

  • Dehnung des Unterkiefers: Setze dich aufrecht hin und nimm die rechte Hand zum Unterkiefer. Halte diese Dehnung für etwa zwei Minuten. Öffne dabei den Mund immer weiter. Es kann sein, dass sich deine Ohrgeräusche oder dein Ohrsausen dabei verändern. Anschließend kannst du die Dehnung noch einmal machen und dabei deine Kopfhaltung variieren: Ziehe dein Kinn zum Brustkorb heran und schaue bei der Dehnung der linken Nackenseite deine linke Hand an.

  • Achte auf deine Haltung: Wenn ich im Auto darauf achte, den Kopf zurück und nach oben zu schieben, merke ich sofort eine Veränderung!

Was tun, wenn der Tinnitus nach der Therapie lauter wird?

Ein Punkt, der viele Betroffene verunsichert, ist die Beobachtung, dass der Tinnitus nach der Physiotherapie lauter erscheint - zumindest vorübergehend. Was dabei passiert: Durch die gezielte Bewegung und Reizsetzung wird das Nervensystem „wachgerüttelt“. Bisher ungenutzte Muskeln werden aktiviert, verspannte Bereiche durchblutet, festgefahrene Haltungsmuster verändert. Solche Initialreaktionen sind aus der Physiotherapie bekannt und vergleichbar mit Muskelkater nach dem Sport. Wichtig ist: Die Veränderungen sollten vorübergehend sein - in der Regel verschwinden sie nach einigen Tagen wieder. In vielen Fällen genügt es, die Intensität oder Frequenz der Übungen anzupassen oder ergänzende Maßnahmen wie manuelle Techniken oder Atemübungen zu integrieren.

Ganzheitliche Betrachtung und weitere Therapieansätze

Tinnitus ist ein komplexes Symptom - und genau deshalb braucht es eine ganzheitliche Herangehensweise. Mit gezielten Übungen für Nacken, Kiefer, Rücken und Gleichgewichtssystem lässt sich die Spannungsbalance des Körpers positiv beeinflussen. Auch wenn nicht jeder Tinnitus durch Physiotherapie verschwindet, berichten viele Betroffene von einer spürbaren Erleichterung, einer Verbesserung der Körperwahrnehmung und einem Zugewinn an Lebensqualität.

Neben der Physiotherapie gibt es weitere Therapieansätze, die bei Tinnitus helfen können:

  • Beratende Begleitung (Counseling): In der aktuellen S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-, Nasen-Ohrenheilkunde zur Behandlung von Tinnitus (Stand 2021) werden verschiedene Therapieverfahren auf ihre Wirksamkeit überprüft und verglichen. Als einzige wirksame Maßnahme empfiehlt die offizielle Leitlinie eine beratende Begleitung (Counseling).

  • Tinnitus-spezifische kognitive Verhaltenstherapie: Die offizielle Leitlinie empfiehlt auch eine Tinnitus spezifische kognitive Verhaltenstherapie im Einzel- oder Gruppendesign. In der Kognitiven Verhaltenstherapie soll der Patient lernen, besser mit Tinnitus zu leben, ihn zu tolerieren.

  • Manuelle Therapie: Eigentlich sollte jeder, der unter einem Tinnitus leidet, manualmedizinisch untersucht werden. Stattdessen würden Ärzte, die dem Ohrgeräusch mit Physiotherapie und Muskelübungen zu Leibe rücken, immer noch schräg angesehen. Der Zusammenhang von Muskeln und Ohrton ist in der Medizin offiziell noch nicht anerkannt. Die manuelle Therapie stehe bisher nicht in den Leitlinien zum Tinnitus.

  • Hörtraining: Wie jeder Muskel und jedes Sinnesorgan lässt sich auch das Gehör zumindest in einem bestimmten Spektrum trainieren und damit verbessern. Eine einfache Übung dazu: Laut ein Buch beziehungsweise eine Zeitung zu lesen. So könnten Sie zum Beispiel mit einigen Blättern oder etwas Papier rascheln, sich auf die Geräusche Ihrer Schritte konzentrieren oder über verschiedene Oberflächen, die Geräusche erzeugen, mit den Händen und Fingernägeln streichen.

  • Medikamente: Laut dem Bundesgesundheitsministerium wird bei plötzlich einsetzendem Tinnitus häufig sofort eine Infusionstherapie, etwa mit Kochsalz, angeboten - vor allem, wenn der Tinnitus mit einem Hörsturz einhergeht. In manchen Fällen wird auch eine Infusion mit Hydroxyethylstärke (HES) gegeben. Bisher konnten Studien aber nicht belegen, dass Infusionen mit diesem Wirkstoff bei Tinnitus helfen.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Treten bei Ihnen störende Ohrgeräusche erstmals auf, sollten Sie das auf jeden Fall zuerst fachärztlich abklären lassen. Der HNO-Arzt ist hier der richtige Ansprechpartner. Ganz besonders gilt die dringende Empfehlung des sofortigen Besuchs eines HNO-Arztes bei einseitigem Tinnitus, denn dieser ist sehr häufig organisch bedingt und kann am besten im Frühstadium erfolgreich behandelt werden.

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