Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden, von dem schätzungsweise drei Millionen Menschen in Deutschland täglich oder fast täglich betroffen sind. Eine spanische Studie ergab, dass in einer Kleinstadt fünf Prozent der Bevölkerung täglich oder fast täglich unter Kopfschmerzen litten, wobei Frauen mit einem Anteil von 90 Prozent deutlich häufiger betroffen waren. Das durchschnittliche Alter, in dem die chronischen Schmerzen einsetzten, lag bei 38 Jahren. In einem Viertel der Fälle vermuteten die Wissenschaftler einen übermäßigen und langfristigen Schmerzmittelkonsum als Ursache.
Kopfschmerzen: Eine vielschichtige Erkrankung
Kopfschmerzen werden nach Art, Dauer und Häufigkeit des Auftretens unterschieden. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) hat über 220 verschiedene Kopfschmerzformen definiert. In über 90 Prozent der Fälle handelt es sich um primäre oder nichtsymptomatische Kopfschmerzen, bei denen keine andere behandelbare Ursache vorliegt. Zu den häufigsten primären Kopfschmerzformen gehören episodische und chronische Spannungskopfschmerzen sowie Migräne. Seltener treten Clusterkopfschmerzen, paroxysmale Hemikranie, medikamenteninduzierte Kopfschmerzen, idiopathisch stechende Kopfschmerzen, Hemicrania continua, SUNCT-Syndrom, Hypnic Headache oder Trigeminusneuralgie auf. Die übrigen 8 Prozent entfallen auf sekundäre oder symptomatische Kopfschmerzen, Neuralgien und nicht klassifizierbare Kopfschmerzen.
Migräne: Wenn der Kopf pulsiert
Migräne ist mit einer Prävalenz von 10 bis 15 Prozent eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Sie kann bereits im Kindesalter auftreten, wobei vor der Pubertät Jungen und Mädchen gleichermaßen betroffen sind (Prävalenz 4-5%). Die höchste Inzidenz liegt zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr. Eine Sonderform ist die Migräne mit Aura, die bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen auftritt. Neben der episodischen Migräne gibt es auch eine chronische Verlaufsform.
Symptome der Migräne
Migräne zeichnet sich durch mittelstarke bis starke, überwiegend einseitige Kopfschmerzen aus, die 4 bis 72 Stunden anhalten können. Typischerweise verstärken sich die Schmerzen bei körperlicher Anstrengung und werden von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. Betroffene suchen in der akuten Migräneattacke Ruhe und Dunkelheit/Schlaf auf. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Verlauf einer Migräneattacke
Eine typische Migräneattacke kann in bis zu vier Phasen unterteilt werden:
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- Prodromalphase: Diese Phase geht der eigentlichen Kopfschmerzattacke um 0 bis 48 Stunden voraus. Viele Patienten berichten über Heißhunger, Stimmungsänderungen sowie vermehrtes Wasserlassen.
- Aura: Bei einer Migräne mit Aura treten vorübergehende neurologische Ausfälle wie Taubheit oder Lähmung von Extremitäten oder im Gesicht, Sprachstörungen oder Sehstörungen (Gesichtsfelddefekte, helle gezackte Figuren) auf. Die neurologischen Ausfälle entwickeln sich langsam über 5-20 Minuten und sollten nicht länger als 60 Minuten andauern.
- Kopfschmerzphase: Nach der Prodromalphase oder der Auraphase setzt der Kopfschmerz ein. Zwei Drittel der Patienten beschreiben ihn als heftigen, pochend-pulsierenden, halbseitigen Kopfschmerz. Der Schmerz kann aber auch beidseitig, im ganzen Kopf, hinter dem Auge, im Augenwinkel, am Hinterkopf oder im Nacken lokalisiert sein. Auch ein Seitenwechsel während der Attacke ist möglich.
- Postiktale Phase: Bis zu 24 Stunden nach einer Migräneattacke berichten Patienten über Nachwirkungen wie Müdigkeit, Erschöpfung und verminderte Belastbarkeit.
Ursachen der Migräne
Früher wurde Migräne den psychosomatischen oder hysterischen Erkrankungen zugeordnet. Mittlerweile sind jedoch biologische Grundlagen bis hin zu spezifischen Gendefekten identifiziert worden. Wahrscheinlich liegen genetisch festgelegte Instabilitäten von Ionenkanälen an Nervenzellen oder Energiepumpen an Gliazellen zugrunde. Dies erklärt, warum Migräneattacken episodisch auftreten. Zum Migränekopfschmerz kommt es durch Aktivierung von schmerzmodulierenden Systemen im Mittelhirn, die Einfluss auf Nervenkerne im Hirnstammbereich nehmen. Dies führt zu einer Aktivierung autonomer Nervenfasern und zu einer Erweiterung von Blutgefäßen an der harten Hirnhaut und der Hirnbasis. Über Schmerzfasern in den Gefäßwänden wird dies über Fasern des N. trigeminus als pulsierender Schmerz wahrgenommen. Die Auslösung von Aurasymptomen wird durch eine elektrische Reizung der Hirnoberfläche verursacht, die zu einer Entladung von Nervenzellen führt.
Auslöser von Migräneattacken
Verschiedene Faktoren können eine Migräneattacke auslösen, darunter Umweltfaktoren wie Lärm, Kälte oder Aufenthalte in Höhenlagen, weibliche Geschlechtshormone (Menstruation, Eisprung, Antibabypille), bestimmte Nahrungsmittel (Rotwein, Schokolade, Käse), Medikamente, psychische Faktoren wie Entlastung nach Stress und Erwartungsangst oder auch Hunger.
Behandlung der Migräne
Zur Akuttherapie stehen neben nicht-Migräne-spezifischen Schmerzmitteln auch Migräne-spezifische Medikamente zur Verfügung. Bei der Einnahme von herkömmlichen Schmerzmitteln ist auf eine ausreichend hohe Dosierung sowie gut und schnell vom Körper resorbierbare Darreichungsformen wie Brausetabletten oder Granulate zu achten. Mittlerweile sind verschiedene spezifische Migräne-Medikamente zugelassen, die individuell verordnet werden müssen. Eine Migräneprophylaxe sollte bei häufigen und schweren Migräneattacken erfolgen.
Kriterien für eine Migräneprophylaxe:
- Drei oder mehr Migräneattacken pro Monat
- Migräneattacken, die regelmäßig länger als 24 Stunden anhalten
- Attacken, die auf eine adäquate Therapie nicht ansprechen oder es zu nicht tolerablen Nebenwirkungen der Therapie kommt
- Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerzmitteln an mehr als 10 Tagen im Monat
- Komplizierte Migräneattacken mit lang anhaltenden Auren
Für die Migräneprophylaxe werden Medikamente eingesetzt, die ursprünglich für die Behandlung anderer Krankheiten entwickelt wurden. Auch hier ist eine gründliche Analyse und individuelle Beratung erforderlich. Nichtmedikamentös sind moderater Ausdauersport, Entspannungstechniken und Akupunktur hilfreich. Ziel der Prophylaxe ist eine Reduktion der Attackenfrequenz um 50 Prozent bei optimaler Verträglichkeit.
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Diagnose der Migräne
Neben einer ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte, insbesondere mit der Frage nach anderen Kopfschmerzformen (auch in der Familie), findet eine gründliche neurologische und psychiatrische Untersuchung statt. An Zusatzuntersuchungen werden ein EEG und eine Ultraschalluntersuchung der Hals- und Hirngefäße durchgeführt. Zusätzlich werden bestimmte Laborwerte überprüft. Eine Kernspintomographie des Kopfes ist notwendig, um symptomatische Kopfschmerzursachen auszuschließen/nachzuweisen. In manchen Fällen kann eine Analyse des Nervenwassers zum Ausschluss anderer Ursachen erforderlich sein, insbesondere wenn es sich um eine erste Migräneattacke handelt.
Spannungskopfschmerz: Dumpf-drückende Beschwerden
Der episodische Spannungskopfschmerz ist die häufigste Kopfschmerzform überhaupt. Sowohl beim episodischen als auch beim chronischen Spannungskopfschmerz kommt es zu dumpf-drückenden Schmerzen, die beidseits vorne am Kopf, am Hinterkopf oder auch im ganzen Kopf lokalisiert werden. Oft wird die Beschreibung eines "engen Bandes um den Kopf" oder eines "zu engen Hutes" benutzt. Auch ein "Gefühl der Benommenheit" kann auftreten. Begleitsymptome wie Übelkeit und Licht- oder Lärmempfindlichkeit sind eher selten. Eine tageszeitliche Bindung der Kopfschmerzen ist in der Regel nicht zu beobachten. Körperliche Anstrengung verschlimmert den Spannungskopfschmerz nur unwesentlich, so dass in den allermeisten Fällen auch die Arbeitsfähigkeit nicht oder nicht wesentlich eingeschränkt ist. Eine erhöhte Druck- und Schmerzempfindlichkeit der Hals- und Nackenmuskulatur sowie der Kopfhaut wird von vielen Patienten berichtet und ist am ehesten durch eine Aktivierung von Schmerzrezeptoren in diesem Bereich verursacht.
Die episodische und die chronische Form des Spannungskopfschmerzes werden unterschiedlich behandelt. Wichtig für die richtige Zuordnung ist die Häufigkeit des Auftretens. Tritt der Kopfschmerz an weniger als 15 Tagen pro Monat auf, wird er als episodischer Spannungskopfschmerz bezeichnet. Bei Auftreten von Spannungskopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat oder häufiger als an 180 Tagen pro Jahr handelt es sich um einen chronischen Spannungskopfschmerz. Meist entwickelt sich der chronische Spannungskopfschmerz aus einem bereits bestehenden episodischen Spannungskopfschmerz.
Bei verschiedenen Erkrankungen im Bereich des Kopfes oder auch z. B. bei Bluthochdruck können Kopfschmerzen auftreten, die vom Charakter wie Spannungskopfschmerz aussehen. Zu diesen Erkrankungen gehören Entzündungen in den Nasennebenhöhlen, Blutungen im Gehirn oder in der weichen Hirnhaut, Thrombosen in den gehirnversorgenden Gefäßen oder auch ein Einriss in einer zum Gehirn führenden Arterie. Diese sog. sekundären Kopfschmerzformen müssen ausgeschlossen werden, bevor die Diagnose eines Spannungskopfschmerzes im eigentlichen Sinne gestellt werden darf.
Wahrscheinlich liegt die Ursache eines Spannungskopfschmerzes sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gehirns. Die sogenannte zentrale Komponente ist eine signifikant reduzierte Schmerzschwelle im Sinne einer "Sollwert-Verstellung". Hinzu kommen möglicherweise periphere Mechanismen in der Hals- und Nackenmuskulatur. Allerdings ist der initiale Mechanismus der Schmerzentstehung bisher nicht geklärt.
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Der episodische Spannungskopfschmerz kann mit sogenannten Antirheumatika behandelt werden. Wichtig ist, dass eine zu häufige Medikamenteneinnahme vermieden wird, um keinen medikamenteninduzierten Kopfschmerz auszulösen. Der chronische Spannungskopfschmerz wird mit der Gabe trizyklischer Antidepressiva in niedrigen Dosierungen behandelt. Beim Spannungskopfschmerz sind unterstützende nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Ausdauersportarten und das Erlernen von Entspannungsverfahren wie z.B. der progressiven Relaxation nach Jacobson außerdem wichtige therapeutische Säulen. Die Wirkung von Akupunktur ist umso besser, je kürzer ein Spannungskopfschmerz besteht.
Medikamenteninduzierter Kopfschmerz (MIKS): Die Kopfschmerzfalle
Die Betroffenen haben meist dumpf-drückende, seltener pulsierende Ganzkopfschmerzen, die sich nach mindestens dreimonatiger, jedoch meist jahrelanger und regelmäßiger Einnahme von Medikamenten, insbesondere Kopfschmerzmitteln entwickeln. Der Kopfschmerz ähnelt im Charakter dem Spannungskopfschmerz. Ursache ist der Medikamentenübergebrauch. Wahrscheinlich kommt es zu einer Veränderung der Schmerzmittelrezeptoren, deren Zahl und Aktivität durch den konstanten Schmerzmittelkonsum verändert wird. Besonders betroffen sind Patienten, die nichtverschreibungspflichtige Kombinationspräparate einnehmen. Auch die übermäßige Einnahme von Triptanen kann zu einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz führen. Hier tritt der medikamenteninduzierten Kopfschmerz meist bereits nach 1 bis 2 Jahren auf. Auffallend ist, dass Kopfschmerzpatienten, die aus anderen Gründen Schmerzmittel regelmäßig einnehmen müssen, ebenfalls einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz entwickeln können. Menschen, die keine Kopfschmerzvorgeschichte haben, sind nicht so gefährdet. Es scheint also eine durch die bestehende Kopfschmerzerkrankung vorhandene verstärkte Empfindlichkeit für das Entwickeln eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes zu geben. Die einzig sinnvolle Therapie liegt im Entzug der eingenommenen Substanzen. In leichteren Fällen kann dieser ambulant gelingen. In Abhängigkeit von der Situation kann aber auch ein stationärer Aufenthalt sinnvoller sein.
Trigeminoautonome Kopfschmerzen (TAK): Seltene, aber heftige Schmerzen
Die ICHD-3 fasst in Kap. 3 die trigeminoautonomen Kopfschmerzerkrankungen (TAK) zusammen. Sie sind alle äußerst selten und durch streng einseitige Kopfschmerzen mit ipsilateralen autonomen Symptomen wie konjunktivale Injektion, Lakrimation oder Rhinorrhö charakterisiert. An eine TAK sollte bei frontal, orbital und temporal lokalisierten Schmerzen, ipsilateralen autonomen Begleitsymptomen und einer „Agitation“ während der Attacke gedacht werden. Bei Auftreten mindestens 2 dieser Symptome ist eine TAK sehr wahrscheinlich. Die einzelnen Subtypen unterscheiden sich v. a. hinsichtlich der Dauer und Frequenz einzelner Attacken sowie der Therapie. Noch am häufigsten in dieser Gruppe ist der Clusterkopfschmerz, gefolgt von der Hemicrania continua (HC) und der weit selteneren paroxysmalen Hemikranie, sowie dem SUNCT-/SUNA-Syndrom.
Clusterkopfschmerz: Bohrende Schmerzen im Cluster
Bereits im 17. Jahrhundert wurde über Patienten mit Clusterkopfschmerzen (CK) berichtet. Die Prävalenz beträgt in Deutschland ca. 0,1 %. Die Erkrankung tritt bei Männern häufiger als bei Frauen auf (2.5:1). Circa 20 % weisen einen chronischen Verlauf (cCK) auf, der sich bei einem Drittel der Patienten aus einem eCK entwickelt hat. Das durchschnittliche Erkrankungsalter für den eCK liegt bei 28 Jahren, der primäre cCK tritt im Mittel im Alter von 37 Jahren auf. Das Risiko zu erkranken ist für Verwandte 1. Grades 14- bis 48-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Die einzelne Clusterepisode dauert im Mittel 8,6 Wochen an. Bei Episoden über mehr als 12 Monate ohne schmerzfreie Intervalle über mindestens 4 Wochen liegt ein cCK vor. CK-Episoden treten überwiegend einmal jährlich auf, meist etwa zur selben Jahreszeit mit saisonaler Häufung im Frühjahr oder im Herbst. Charakteristisch ist eine tageszeitliche Bindung der Attacken zu den immer selben Uhrzeiten und nächtliche Attacken ca. eine Stunde nach dem Einschlafen sowie in den frühen Morgenstunden. Als Trigger für Attacken gelten der Aufenthalt in großer Höhe (Flugreisen), Alkohol und die Einnahme von Nitropräparaten.
Der Charakter der Schmerzen wird in den meisten Fällen als bohrend und stechend („wie ein glühendes Messer“) angegeben, die Intensität als unerträglich stark, wobei das Schmerzmaximum innerhalb einer Attacke in wenigen Minuten erreicht wird. Das Schmerzmaximum liegt meist retroorbital und temporal, aber auch die Nacken- und Hinterhauptpartie kann gerade zu Beginn der Attacke betroffen sein. Innerhalb der Attacke sind die Beschwerden streng einseitig, ein Seitenwechsel findet während einer Episode praktisch nie statt. Wegweisend sind ipsilaterale autonome Symptome. Am häufigsten sind als Ausdruck einer parasympathischen Aktivierung eine Lakrimation und konjunktivale Injektion, seltener auch eine nasale Kongestion oder eine Rhinorrhö zu nennen. Als Ausdruck einer vorübergehenden Hemmung der sympathischen Aktivierung kommt es zum Horner-Syndrom, das die einzelne Attacke auch überdauern kann. Migränetypische Symptome können ebenfalls auftreten und schließen einen CK nicht aus. Auraphänomene mit in erster Linie visuellen Symptomen bis hin zu halbseitigen Sensibilitätsstörungen oder auch Lähmungserscheinungen werden von 14 % der CK-Patienten berichtet.
Die Diagnose wird anhand der Schilderung der Attacken und deren charakteristischem Verlauf gestellt. Allerdings kann die Abgrenzung von der paroxysmalen Hemikranie bei kurzen Attacken schwierig sein. Hier hilft ein Behandlungsversuch mit Indometacin, das beim Clusterkopfschmerz nicht prophylaktisch wirkt. Da es v. a. bei mittelliniennahen kraniellen und zervikalen Pathologien zu klinisch von primären Verlaufsformen nicht unterscheidbaren sekundären/symptomatischen CK kommen kann, sollte jeder Patient zumindest einmal eine kranielle MRT einschließlich arterieller Gefäßdarstellung erhalten. Weitere Differenzialdiagnosen sind Karotisdissektionen, Sinusitiden oder andere Prozesse an der Schädelbasis.
Wegen des plötzlichen Beginns und der kurzen Attackendauer können nur rasch wirksame Substanzen eingesetzt werden. In Deutschland sind die subkutane Gabe von 6 mg Sumatriptan und 5 mg Zolmitriptan-Nasenspray zur Akuttherapie zugelassen. Bei langen Attacken kann auch Zolmitriptan 5 mg p. o. Effektiv und praktisch nebenwirkungsfrei ist die Inhalation von mindestens 7 bis maximal 15 l reinem Sauerstoff über eine Non-Rebreather-Maske. Die Ansprechrate liegt bei ca. Die Anwendung von 4 %iger Lidocainlösung im ipsilateralen Nasenloch führt bei 25-30 % der Patienten zu einer raschen Linderung der Kopfschmerzen.
Eine prophylaktische Therapie ist praktisch immer indiziert. Medikament der Wahl ist Verapamil retard in Dosierungen von mindestens 240 mg pro Tag. Meist werden allerdings höhere Dosen bis zu 720-960 mg pro Tag notwendig werden. Dies erfordert den erfahrenen Spezialisten und engmaschige Kontrollen von Blutdruck, Herzfrequenz und EKG. Zu Topiramat existieren eine Reihe von offenen Studien mit wenigen Patienten, die die Wirksamkeit der Substanz nahelegen. Im klinischen Alltag hat es sich in Tagesdosierungen von 75-200 mg als wirksam erwiesen. Die bislang einzige zugelassene Substanz zur prophylaktischen Behandlung von CK ist Lithiumcarbonat. Die notwendige Dosis liegt zwischen 600 und 1500 mg pro Tag, um einen therapeutisch wirksamen Plasmaspiegel zwischen 0,6-0,8 mmol/l zu erzielen. Oberhalb von 1,2 mmol/l muss mit deutlichen Nebenwirkungen gerechnet werden. Der CGRP-Antikörper Galcanezumab hat sich in kontrollierten Studien beim eCK in einer Dosis von 300 mg s.c. einmal pro Monat als wirksamer als Placebo erwiesen. Kortikosteroide eignen sich aufgrund ihrer Nebenwirkungen nicht für den langfristigen Einsatz. Da sie meist sehr zuverlässig und rasch wirken, können sie verordnet werden, bis der Wirkeintritt einer der anderen Prophylaktika erreicht ist. Die ipsilaterale Blockade des N. occipitalis major mit Kortikoiden bzw. Lokalanästhetika kann bei Therapieresistenz oder Unverträglichkeiten bzw. Kontraindikationen oraler Prophylaktika versucht werden. Die nichtinvasive und gut verträgliche transkutane Stimulation des N. vagus am Hals hat sich in einer kontrollierten Studie als wirksam in der Prophylaxe des cCK erwiesen.
Paroxysmale Hemikranie: Kurze, heftige Attacken
Die paroxysmale Hemikranie (PH) wurde erstmals 1974 beschrieben. Genaue epidemiologische Daten dieses äußerst seltenen Syndroms liegen nicht vor. Jüngere Daten zur Geschlechterverteilung zeigen eine ausgewogene Verteilung, ältere ein Überwiegen des weiblichen Geschlechts. Die Erkrankung beginnt meist in der 4. und 5. Lebensdekade mit einem in etwa 80 % chronischen Verlauf (CPH) mit anhaltenden Kopfschmerzattacken über ein Jahr und Remissionsphasen von weniger als 1 Monat. Remissionsphasen von ≥1 Monat definieren einen episodischen Verlauf (EPH). Bei der PH ist der Schmerz streng einseitig, v. a. aber nicht ausschließlich im Versorgungsgebiet des N. ophthalmicus. Patienten geben in 40 % eine okzipitale und in ca. 33 % eine nuchale Beteiligung an. Die Intensität der Attacken ist meist sehr stark und erreicht innerhalb weniger Minuten ihr Maximum. Der Charakter ist bohrend, schneidend oder klopfend. Die Attacken können bis zu 50-mal pro Tag auftreten, durchschnittlich liegt die Frequenz zwischen 7 und 13 ohne tages- oder jahreszeitliche Bindung. Am häufigsten wird eine Lakrimation (62-87 %) und Unruhe (50-80 %) berichtet, seltener sind eine konjunktivale Injektion, nasale Kongestion, Rhinorrhö, Ptosis oder ein Lidödem.
Wegweisend für die Diagnose ist die Semiologie der Attacke, ein unauffälliger Untersuchungsbefund und das Ansprechen auf eine Prophylaxe mit Indometacin. Zum Ausschluss von symptomatischen Formen, z. B. bei Hypophysentumoren, sollte eine cMRT durchgeführt werden. Die PH muss insbesondere gegenüber dem CK abgegrenzt werden. Unter Umständen kann die Unterscheidung nur durch einen prophylaktischen Behandlungsversuch mit Indometacin erfolgen, welches bei der paroxysmalen Hemikranie fast immer zum Erfolg führt. Mittel der 1. Wahl ist Indometacin. Es wird langsam bis auf 3-mal 50 mg pro Tag, ggf. auch auf 200-300 mg pro Tag aufdosiert und sollte innerhalb weniger Tage zum Erfolg führen. Aufgrund der gastrointestinalen Nebenwirkungen sollte stets ein Protonenpumpenhemmer gegeben werden. Zudem sind Blutdruckkontrollen und Kontrollen der Nierenretentionswerte erforderlich. Für die Dauerbehandlung muss für jeden Patienten die niedrigste noch wirksame Dosis ermittelt werden.
SUNCT/SUNA-Syndrom: Kurz anhaltende, neuralgiforme Kopfschmerzen
In der ICHD-3 werden das SUNCT- und SUNA-Syndrom unter „Short-lasting unilateral neuralgiform headache attacks“ zusammengefasst. Bislang ungeklärt ist, ob das SUNA- und SUNCT-Syndrom unterschiedliche Krankheitsentitäten oder Varianten der gleichen Erkrankung darstellen. Die beiden Syndrome sind durch kurz anhaltende Attacken (1-600 Sekunden) moderater bis stärkster Intensität mit neuralgiformem Schmerzcharakter im Versorgungsgebiet des N. trigeminus gekennzeichnet. Beide Syndrome können episodisch oder chronisch verlaufen.
Hemicrania Continua: Einseitiger Dauerkopfschmerz
Die Hemicrania continua ist ein extrem seltenes Kopfschmerzsyndrom. Die Patienten leiden unter einem andauernden einseitigen Kopfschmerz von mittlerer bis hoher Intensität. Migräneähnliche Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit können gelegentlich hinzukommen. Bei etwa der Hälfte der Patienten können die Schmerzen durch eine Behandlung mit Indometacin, einem nichtsteroidalen Antirheumatikum, gelindert werden.
Chronische Kopfschmerzen: Eine therapeutische Herausforderung
Chronische Kopfschmerzen stellen eine große therapeutische Herausforderung dar. Ein Medikamentenübergebrauch sollte unbedingt erkannt und behandelt werden. Differenzialdiagnostisch muss auch an eine benigne intrakranielle Druckerhöhung oder andere sekundäre Ursachen gedacht werden. Neue Therapieverfahren stehen für die chronische Migräne zur Verfügung, neben monoklonalen Antikörpern gegen das „Calcitonin gene-related peptide“ (CGRP) oder dessen Rezeptor auch Neurostimulationsverfahren, welche ebenso bei chronischem Clusterkopfschmerz zum Einsatz kommen.
Multimodale Therapien: Ein ganzheitlicher Ansatz
Neben den medikamentösen und neuromodulatorischen Therapien ist die multimodale Kopfschmerzrehabilitation nicht zu vergessen. Um den Umgang mit der Schmerzproblematik zu verbessern, ist ein multimodaler Therapieansatz, welcher neben den Medikamenten auch aerobe Aktivität, aktive Entspannung, Akupunktur und aktive Copingstrategien beinhaltet, anzustreben, um das biopsychosoziale Problem ganzheitlich anzugehen.
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