Migräne ist eine komplexe, multifaktorielle neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise jeder zehnte Mensch in Deutschland betroffen ist. Die Diagnostik ist oft herausfordernd und die Therapie vielfältig, wobei viele Patienten ahnungslos sind und erst durch gezielte Nachfragen des Zahnarztes auf ihre Symptome aufmerksam werden. Ein mögliches Symptom bei Bruxismus, dem Knirschen und Pressen der Zähne, sind Kopfschmerzen. Bruxismus wird zum 14. als krankheitswertig eingeschätzt. Ob Kopfschmerzen tatsächlich durch Zähneknirschen verursacht werden, ist zwar denkbar, aber nicht konkret nachzuweisen.
Bruxismus und seine Folgen
Bruxismus bezeichnet das Knirschen und Pressen der Zähne, oft unbewusst, besonders im Schlaf. Bei Kindern und Jugendlichen geht dies üblicherweise nicht mit Schmerzen einher, während es bei Erwachsenen häufig Ausdruck unangepasster Stressbewältigung ist. Gehäuft findet sich Bruxismus im Schlaf, bei dem jedoch kein schmerzbedingter Schutz vor Überlastung des Kau- und Zahnapparates besteht. Dadurch können hohe Kräfte lange auf das Kausystem einwirken. Vermehrtes Zähneknirschen und Pressen führen zu Veränderungen an der Zunge (die Abdrücke der Zähne werden deutlich sichtbar), leistenartigen Vernarbungen in der Wange sowie Defekten der Zahnhartsubstanz.
Bruxismus wird den kraniomandibulären Dysfunktionen (CMD) eingeordnet, einer Sammelbezeichnung für Störungen der Muskel- bzw. Kiefergelenksfunktion verschiedener Ursachen. Zu den Ursachen zählen schädigender Zahnkontakt sowie nonfunktionales Reiben und Verbeißen der Zähne, was sich auf die Okklusion, also das Zusammenbeißen der Zähne des Ober- und Unterkiefers, auswirkt. Psychosoziale Faktoren wie Stress und Schlafstörungen können ebenfalls Trigger von Bruxismus sein.
Die Folgen von Bruxismus können vielfältig sein. Durch die hohen Kräfte, die auf eine Vielzahl der Zähne verteilt werden, kann es zu Zahnschädigungen kommen. Diese Kräfte können sich auch auf einzelne Zähne konzentrieren und die Zahnsubstanz belasten. Lang andauernde Muskelkontraktionen können die lokale Blutversorgung reduzieren, was zu einem Anstieg von Stoffwechselendprodukten in den Zellen führt und Schmerzen verursacht.
Die Aufbissschiene als Therapieansatz
Häufig werden bei Bruxismus sogenannte Aufbissschienen angeboten, die in der Nacht getragen werden, um die Zähne besser zu schützen. Die Anpassung einer Aufbissschiene ist ein gängiges Verfahren. Eine Aufbissschiene ist eine passgenaue, transparente Kunststoffschiene, die individuell angefertigt wird. Sie bringt den Kiefer sanft in eine physiologisch günstige Position, um Fehlbelastungen auszugleichen und Schmerzen zu reduzieren. Der Einsatz einer Aufbissschiene ist Bestandteil der initialen Schienentherapie, die zuallererst zum Ziel hat, bestehende Beschwerden aufgrund einer Fehlbelastung der Kiefergelenke und Zähne zu lindern.
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Arten von Aufbissschienen
Es gibt verschiedene Arten von Aufbissschienen, darunter:
- Knirscherschienen: Sie dienen hauptsächlich dem Schutz der Zähne vor Bruxismus (Zähneknirschen und -pressen).
- CMD-Aufbissschienen: Sie helfen nicht nur bei Bruxismus, sondern auch bei Kieferfehlstellungen und Kiefergelenksbeschwerden.
- Okklusionsschienen: Sie korrigieren das Auftreffen der Kiefer mit Hilfe einer speziellen CMD-Schiene und therapieren so die Fehlbelastung.
- Miniplastschienen: Nicht adjustierte Schienen.
- Adjustierte Schienen:
Man unterscheidet auch zwischen weichen und harten Aufbissschienen.
Wirkung der Aufbissschiene
Eine Aufbissschiene erfüllt mehrere therapeutisch wichtige Funktionen:
- Korrektur der Okklusion: Sie bringt den Unterkiefer in eine gesunde Position, wodurch Fehlbelastungen vermieden werden.
- Entspannung der Kaumuskulatur: Sie entlastet das Kiefergelenk, was Schmerzen und Verspannungen reduzieren kann.
- Schutz vor Zahnabrieb: Sie verhindert das nächtliche Zähneknirschen.
Durch die Entlastung von Kiefergelenk und Kaumuskulatur hilft die Schiene bei Zähneknirschen (Bruxismus), Kieferfehlstellungen und Beschwerden der Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Sie kann keine bleibende kieferorthopädische Korrektur bewirken, aber sie hilft, den Kiefer in eine entspannte Position zu bringen. Dadurch können Beschwerden gelindert und muskuläre Fehlsteuerungen korrigiert werden.
Anfertigung und Kosten
Die Herstellung von Zahnaufbissschienen mit einem 3D-Drucker bietet präzise und maßgeschneiderte Lösungen. Der Prozess beginnt mit einem digitalen Scan des Gebisses, der in eine CAD-Software übertragen wird. Dort wird das Modell der Schiene erstellt und optimiert. Anschließend wird das Design an den 3D-Drucker gesendet, der Schicht für Schicht eine passgenaue Aufbissschiene aus biokompatiblem Harz herstellt. Nach dem Druckprozess erfolgt eine Nachhärtung unter UV-Licht, um die Haltbarkeit zu gewährleisten.
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Die anfallenden Kosten sind abhängig vom verwendeten Material und den nötigen Diagnoseverfahren. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten für eine einfache Knirschschiene. Bei speziellen CMD-Aufbissschienen kann ein Eigenanteil anfallen. Für Patientinnen oder Patienten, die unter starkem, andauernden Zähneknirschen leiden (Bruxismus), ist eine ärztliche Verordnung ebenfalls möglich. Wer allerdings eine vom Standard abweichende Zahnschiene benötigt oder wünscht, muss meist zumindest eine Zuzahlung leisten.
Tragedauer und Pflege
Die Tragedauer hängt von der Schwere der Beschwerden ab. In vielen Fällen sind bereits nach wenigen Tagen erste Verbesserungen spürbar. Langfristig sollte die Schiene mehrere Monate getragen werden, um eine nachhaltige Entlastung des Kausystems zu erreichen. In den meisten Fällen wird die Schiene nachts getragen, um unbewusstes Knirschen und Pressen zu verhindern. Bei ausgeprägten Beschwerden kann sie auch tagsüber notwendig sein.
Die Schiene sollte täglich mit einer weichen Zahnbürste und milder Seife oder speziellen Reinigungstabletten gereinigt werden. Essen mit der Schiene ist in der Regel nicht empfohlen, da sie dafür nicht ausgelegt ist und beschädigt werden könnte.
CMD, Kopfschmerzen und Migräne
CMD beschreibt eine Fehlfunktion des Kausystems, die oft unbemerkt beginnt und sich schleichend zu einem komplexen Beschwerdebild entwickelt. Das Zusammenspiel zwischen Zähnen, Kiefergelenken, Kaumuskulatur und Nerven kann aus unterschiedlichen Gründen aus dem Gleichgewicht geraten. Dabei wird die Kaumuskulatur überlastet, was zu Verspannungen, Schmerzen im Kiefergelenk, Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenschmerzen führen kann. In manchen Fällen sind auch Ohrgeräusche (Tinnitus) oder Schwindel Begleiterscheinungen der CMD. Die Symptome einer CMD sind somit vielfältig und betreffen oft weit mehr als nur den Kieferbereich. Viele Betroffene leiden jahrelang unter Beschwerden, ohne die eigentliche Ursache zu kennen. Eines der häufigsten Symptome einer CMD sind Schmerzen im Kieferbereich. Diese können sich als dumpfer, ziehender Schmerz oder als plötzlich auftretende, stechende Beschwerden äußern. Die Schmerzen entstehen häufig durch eine Überlastung der Muskulatur oder eine Fehlstellung des Unterkiefers. Ein weiteres typisches Anzeichen einer CMD sind ungewöhnliche Geräusche im Kiefergelenk. Da das Kausystem eng mit anderen Muskelgruppen im Körper verbunden ist, kann eine CMD zu Muskelverspannungen führen, die sich auf den gesamten Kopf-, Nacken- und Schulterbereich auswirken. CMD ist oft mit chronischen Kopfschmerzen verbunden. Diese treten meist morgens nach dem Aufstehen oder nach längerem Kauen auf und können sich durch Stress verstärken. Die Ursache liegt in der überlasteten Kaumuskulatur, die über Nervenbahnen mit dem gesamten Kopfbereich verbunden ist. Da das Kiefergelenk in unmittelbarer Nähe des Innenohrs liegt, können CMD-Beschwerden auch die Ohren betreffen. Eine falsche Kieferstellung oder muskuläre Dysbalancen können dazu führen, dass sich die Zahnstellung verändert. CMD kann die Schlafqualität erheblich beeinträchtigen. Die häufigste Ursache ist Bruxismus (Zähneknirschen oder -pressen), das oft unbewusst in der Nacht auftritt.
Zusammenhang zwischen CMD und Kopfschmerzen
CMD und Kopfschmerzen sind eng miteinander verknüpft, da der Kiefer durch verschiedene Mechanismen Einfluss auf den Kopfbereich nehmen kann.
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- Muskelverspannungen: CMD verursacht oft Muskelverspannungen im Kiefer- und Nackenbereich. Diese Verspannungen strahlen häufig in den Kopf aus und führen zu Kopfschmerzen. Langfristige Verspannungen in diesen Muskeln können sogar Migräneanfälle auslösen.
- Nervenreizungen: Das Kiefergelenk liegt in der Nähe wichtiger Nerven, die für die Kopf- und Gesichtsmuskulatur zuständig sind. Wenn CMD zu einer Überbeanspruchung des Kiefergelenks führt, können diese Nerven gereizt werden und Kopfschmerzen verursachen.
- Fehlstellungen im Kiefer: Zahnfehlstellungen oder ein asymmetrischer Biss können CMD begünstigen und das Gleichgewicht im Kausystem stören. Diese Dysbalance überträgt sich auf die gesamte Kopf- und Nackenregion, was zu einer Überbelastung der Muskulatur und Migräne führen kann.
Kopfschmerzen, die durch CMD ausgelöst werden, zeigen sich oft in bestimmten Regionen und werden durch bestimmte Aktivitäten verstärkt. Typische Anzeichen sind Spannungskopfschmerzen, Migräneanfälle, Kieferschmerzen und Knacken, sowie Nacken- und Schulterverspannungen.
Behandlung von CMD-bedingten Kopfschmerzen
Ein ganzheitlicher Ansatz, der auf die Ursachen abzielt, ist entscheidend. Bewährte Therapieoptionen sind:
- Aufbissschienen: Eine individuell angepasste Aufbissschiene entlastet das Kiefergelenk und verhindert, dass die Zähne nachts aufeinandergepresst werden. Sie schützt die Zähne vor Abrieb und hilft, die Muskulatur zu entspannen, was Kopfschmerzen lindern kann.
- Physiotherapie und Entspannungsübungen: Physiotherapie ist besonders hilfreich, um die Muskulatur im Kiefer- und Nackenbereich zu lockern. Therapeuten können gezielte Übungen zeigen, die den Muskeltonus senken und Verspannungen lösen. Auch einfache Entspannungsübungen wie progressive Muskelentspannung oder Atemtechniken können den Stress reduzieren, der oft CMD-Symptome verstärkt.
- Kieferorthopädische Maßnahmen: Wenn eine Zahnfehlstellung die Ursache für CMD ist, kann eine kieferorthopädische Behandlung helfen, den Biss zu korrigieren und die Spannung im Kiefer zu reduzieren.
- Stressmanagement und Psychotherapie: Stress ist ein häufiger Auslöser und Verstärker von CMD. Durch Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder Atemübungen lässt sich der Stresspegel senken und die Muskelspannung verringern.
Alternativen und ergänzende Therapien
Neben der Aufbissschiene gibt es weitere Therapieansätze, die bei Bruxismus und CMD in Betracht gezogen werden können:
- Botox-Injektionen: Botox wird gezielt in den Masseter-Muskel injiziert, der seitlich am Kiefer liegt und für die Kaubewegung zuständig ist. Dies kann bei Zähneknirschen und Kiefergelenkschmerzen (TMJ) helfen.
- Entspannungsfördernde Verfahren: Körperliche Entspannung kann eine psychische Ruhefindung anstreben.
- Technische Hilfsmittel: Über technische Hilfsmittel können bspw. unter Umständen Muskelverspannungen gelöst werden.
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