Die Zertifizierung eines Hirntumorzentrums ist ein komplexer Prozess, der darauf abzielt, die Qualität der Versorgung von Patienten mit Tumoren des Nervensystems zu verbessern. Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) spielt hierbei eine zentrale Rolle, indem sie Kriterien festlegt und die Einhaltung dieser Kriterien durch Audits überprüft. Dieser Artikel beleuchtet die Voraussetzungen für eine Zertifizierung als Hirntumorzentrum, den Ablauf des Zertifizierungsprozesses und die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit.
Grundlagen der Zertifizierung
Grundsätzlich sind Neuroonkologische Zentren unter dem Dach eines DKG-zertifizierten Onkologischen Zentrums angesiedelt. Unter bestimmten Voraussetzungen ist die Zertifizierung eines Neuroonkologischen Zentrums ohne ein zertifiziertes Onkologisches Zentrum möglich. Die Zertifizierungsanforderungen sind im „Erhebungsbogen Neuroonkologische Zentren“ und dem Datenblatt (Excel-Vorlage) festgelegt. Die Ausführungsregelungen für die Zertifizierung sind u.a. im Dokument „Basisinformation Zertifizierung“ enthalten, welches bei der Planung eines Zentrums zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt eingehend zu analysieren ist.
Erhebungsbogen und Datenblatt
Der "Erhebungsbogen Neuroonkologische Zentren" und das dazugehörige Datenblatt bilden die Grundlage für die Zertifizierung. In dem Erhebungsbogen beschreiben die in der Vorbereitung zur Zertifizierung befindlichen Zentren, wie die einzelnen Fachlichen Anforderungen in dem Zentrum umgesetzt sind. Das Datenblatt ist eine offizielle Anlage des Erhebungsbogens. In einem ersten Bewertungsschritt wird das Datenblatt formal durch OnkoZert bewertet. Einreichung Erhebungsbogen inkl. Offizielle Anlagen zum Erhebungsbogen können neben dem Datenblatt (Excel-Vorlage) auch weitere ausgewiesene Dokumente umfassen. Obligat sind z.B. Stammblätter und bei Onkologischen Zentren der Zertrechner sowie ggf. die Anlage Tumorentität (Nachweisstufen „T“ und „S“). Im Einzelfall können der Ausschlussfrist auch spezielle Stellungnahmen unterliegen, die von OnkoZert ausdrücklich angefordert werden (z.B.
Änderungen und Anpassungen
Die Zertifizierungsanforderungen werden regelmäßig überprüft und angepasst. So wurde beispielsweise in der IDC-Liste eine Anpassung der Kodierung der Meningiome vorgenommen. Weiterhin wurden bei der Kennzahl 2a die Plausibilitätsgrenze gestrichen und der Zähler der Kennzahl angepasst. In der Kennzahl 2b wurde der Nenner spezifiziert. Zähler und der Nenner der Kennzahl 8 wurden angepasst. Diese Änderungen sind wichtig, um die Aktualität und Aussagekraft der Zertifizierung zu gewährleisten.
Voraussetzungen für die Zertifizierung
Um als Hirntumorzentrum zertifiziert zu werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Diese betreffen sowohl die Struktur des Zentrums als auch die Qualität der Behandlung.
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Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das bedeutet, dass verschiedene Fachrichtungen eng zusammenarbeiten müssen, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Die enge, patientenorientierte Betreuung - auch unterstützt durch Psychoonkologen und Neuropsychologen - ist ebenfalls eine Voraussetzung für die Zertifizierung durch die DKG. Zudem muss das pflegerische und ärztliche Team regelmäßig Fortbildungen durchlaufen.
Ein zertifiziertes Onkologisches Zentrum ist eine interdisziplinäre Behandlungseinheit, die Fachabteilungsgrenzen überschreitet und es so schafft, verschiedene Experten und Fachleute in der Behandlung eines Patienten an einen Tisch zu bekommen. Interdisziplinarität, Qualität, Behandlung nach Leitlinien, Stärkung der Patientenverantwortung und -information sind die wesentlichen Elemente dieses Zentrums. In mehrmals wöchentlich stattfindenden Tumorkonferenzen wird die erforderliche individuelle Behandlung der Erkrankung in einem interdisziplinären Expertenteam besprochen. Es können auch histopathologische Bildbefunde direkt per Videokonferenz in die Tumorkonferenz zugeschaltet werden.
Fachliche Anforderungen
Die Fachlichen Anforderungen an ein Zentrum sind in den organspezifischen Erhebungsbögen festgelegt. Anhand der von dem Zentrum im Erhebungsbogen gemachten Angaben wird von den Fachexperten die Erfüllung der Fachlichen Anforderungen über Einsichtnahme von diversen Unterlagen und Gesprächen mit den Mitarbeitern überprüft. Werden in dem Zertifizierungsaudit Abweichungen gegenüber den Fachlichen Anforderungen festgestellt, dann sind diese innerhalb einer Frist (max. 3 Monate) durch das Zentrum zu beheben. Die Behebung der jeweiligen Abweichung wird von dem Fachexperten bewertet.
Qualitätsmanagement
Nach positiver Rückmeldung durch den Ausschuss Zertifikatserteilung kann das Zertifikat erteilt werden, vorausgesetzt der Nachweis über die erfolgreiche Zertifizierung des Qualitätsmanagementsystem liegt ebenfalls vor.
Spezifische Anforderungen
Die erfolgreiche Behandlung von Tumoren im Hirn, Rückenmark, Hirnanhangsdrüse sowie den Hirn- und Rückenmarksnerven mithilfe verschiedenster operativer Techniken gehört zu den wesentlichen Voraussetzungen zur Zertifizierung durch die DKG.
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Ablauf des Zertifizierungsprozesses
Der Zertifizierungsprozess gliedert sich in mehrere Schritte, von der Antragsstellung bis zur Zertifikatserteilung.
Antragstellung und Vorbereitung
Für die Einleitung eines Zertifizierungsverfahrens benötigt OnkoZert definierte Informationen von dem an einer Zertifizierung interessierten Zentrum. Mit der Bearbeitung des Abschnittes „Einleitung der Erstzertifizierung“ im Anfrageformular wird von Seiten des Zentrums die Zertifizierung formell bei OnkoZert beantragt. Die Zertifizierung des Moduls Neuroonkologie ist mindestens vier Monate vor dem geplanten Überwachungs-/Wiederholaudit bei OnkoZert anzufragen. Die Anfrage nach Erweiterung eines bereits DKG-zertifizierten Onkologischen Zentrums wird über einen Vertreter des Onkologischen Zentrums gestellt (Anfrageformular Neuroonkologische Zentren ist einzureichen). Empfohlen wird eine Erstzertifizierung des Neuroonkologischen Zentrums im Rahmen der jährlichen Überwachungs-/Wiederholaudits des Onkologischen Zentrums. Die Antragsstellung sollte mind.
Bewertung und Audit
Im Anschluss werden die Fachexperten benannt und die Termine für das Audit abgestimmt. Der von dem Zentrum bearbeitete Erhebungsbogen wird bei OnkoZert eingereicht und von dem Fachexperten hinsichtlich Erfüllung der Fachlichen Anforderungen bewertet. In der von dem Fachexperten schriftlich erstellten Bewertung wird eine Empfehlung hinsichtlich Einleitung des Zertifizierungsverfahrens ausgesprochen. Die Bewertung kann mit Auflagen für die Einleitung des Zertifizierungsverfahrens verbunden sein.
Die Fachexperten begehen in dem Zertifizierungsaudit die verschiedenen Bereiche des Zentrums. Auch finden Begehungen der externen Kooperationspartner statt.
Zertifikatserteilung
Der Fachexperte ist lediglich befugt, eine Empfehlung über die Zertifikatserteilung auszusprechen. Die schlussendliche Zertifikatserteilung erfolgt durch den Ausschuss Zertifikatserteilung, der in der Regel der Empfehlung des Fachexperten folgt.
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Überwachungsaudits
Die Erfüllung der Fachlichen Anforderungen und die Weiterentwicklung des Zentrums werden jährlich stichprobenartig durch Fachexperten vor Ort überprüft. Von dem Zentrum ist im Vorfeld (ca. 4 Wochen) der aktualisierte Erhebungsbogen (incl. Anlagen) bei OnkoZert einzureichen. Schwerpunkt bei diesen Überwachungsaudits bilden u.a.
Bedeutung der Zertifizierung
Die Zertifizierung als Hirntumorzentrum bietet sowohl für die Patienten als auch für die behandelnden Einrichtungen zahlreiche Vorteile.
Vorteile für Patienten
Patient*innen, die sich unsicher sind, ob sie der Empfehlung ihrer Klinik folgen sollen, haben die Möglichkeit, eine zweite Meinung zum Beispiel in einem Zentrum mit einer Zertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft einzuholen. Zentren mit einer DKG-Zertifizierung bringen hier gute Voraussetzungen mit: Alle Zweitmeinungsfälle werden in der interdisziplinären Tumorkonferenz des Zentrums diskutiert. Außerdem müssen die Zentren nachweisen, dass sie über das nötige Wissen, die Erfahrung und die erforderliche Ausstattung (Technik, Personal) für die Behandlung von Krebspatienten verfügen.
In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass die Behandlung in zertifizierten Zentren ein Überlebensvorteil für die Betroffenen bedeutet.
Vorteile für Einrichtungen
Die Zertifizierung unterstreicht die starke Position des UKB innerhalb der deutschen Theranostik-Landschaft und bestätigt die Erfüllung aller erweiterten Qualitätsanforderungen. Die Zertifizierung belegt, dass sämtliche diagnostischen und therapeutischen Prozesse - von der molekularen Bildgebung über die Dosimetrie bis zur Radioligandentherapie - nach international anerkannten Qualitäts- und Standardisierungsvorgaben durchgeführt werden. Damit werden sowohl die Sicherheit und Präzision der Patientenversorgung als auch die Vergleichbarkeit in Forschung und klinischen Studien deutlich gestärkt.
Ein zertifiziertes Zentrum, welches in der Vergangenheit überdurchschnittlich gute Auditergebnisse erzielt hat, kann eine Reduktion des Auditzyklus (REDZYK) beantragen. Eine Reduktion des Auditzyklus bedeutet, dass alternativ zu einer Auditdurchführung vor Ort die Zertifizierungsanforderungen über eine Dokumentenprüfung betrachtet werden.
Herausforderungen und Perspektiven
Trotz der zahlreichen Vorteile gibt es auch Herausforderungen im Zertifizierungsprozess. Eine davon ist die Komplexität der Anforderungen und die Notwendigkeit, diese kontinuierlich an den aktuellen Stand der Wissenschaft anzupassen.
Umgang mit Komplexität
Um die Komplexität zu bewältigen, ist es wichtig, dass sich die Zentren frühzeitig mit den Zertifizierungsanforderungen auseinandersetzen und sich professionelle Unterstützung suchen. Insofern vor der Einleitung der Erstzertifizierung grundsätzliche Fragen zum Ablauf der Erstzertifizierung, Unklarheiten hinsichtlich der Erfüllung der Anforderungen oder strukturelle Fragestellungen bestehen, haben Sie die Möglichkeit ein Infotelefonat oder ein Vorgespräch zu beantragen.
Zukünftige Entwicklungen
Langfristig verfolgt die Nuklearmedizin das Ziel, das UKB als Referenzzentrum für Theranostik und radiopharmazeutische Forschung innerhalb des europäischen EARL-Netzwerks zu etablieren.
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