Multiple Sklerose und Epilepsie: Ein komplexer Zusammenhang

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist und weltweit Millionen Menschen betrifft. Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die ebenfalls das Gehirn betrifft. Obwohl epileptische Anfälle bei MS-Patienten mit etwa 3 % nicht sehr häufig vorkommen, treten sie doch etwas häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen MS und Epilepsie, untersucht mögliche Ursachen und Behandlungsansätze und gibt Hinweise für Betroffene.

Was ist Epilepsie?

Epileptische Anfälle entstehen durch eine vorübergehende Störung von Nervenzellen in der Hirnrinde. Dabei senden die Nervenzellen plötzlich und gleichzeitig Signale aus, die andere Nervenzellen zwingen, sich diesem Rhythmus unterzuordnen. Diese unkontrollierte Entladung kann sich auf unterschiedliche Weise äußern, abhängig von der Anzahl der beteiligten Nervenzellen und ihrer Lage im Gehirn.

Die Ausprägungen epileptischer Anfälle sind vielfältig. Sie reichen von kurzen, unbemerkten Aussetzern oder leichtem Muskelzucken über Kribbeln bis hin zu Dämmerzuständen oder Zuckungen einer Gesichtshälfte. Ein großer, generalisierter Anfall (Grand Mal) führt zu plötzlichem Bewusstseinsverlust, Verkrampfungen, Zuckungen, Stürzen, Zungenbissen und unkontrolliertem Urinverlust. Solche Anfälle enden meist nach wenigen Minuten von selbst, bergen aber ein hohes Verletzungsrisiko.

Von Epilepsie spricht man, wenn Anfälle nicht nur vereinzelt auftreten, sondern eine Neigung des Gehirns zu epileptischen Anfällen besteht. Verschiedene Faktoren, wie Schlafmangel oder Stoffwechselstörungen, können einzelne Anfälle auslösen, ohne dass eine Epilepsie vorliegt.

Der Zusammenhang zwischen MS und Epilepsie

Da MS eine Erkrankung des Gehirns ist, stellt sich die Frage, ob ein Zusammenhang zu Epilepsie besteht. Schwedische Forscher werteten die Daten des schwedischen MS-Registers aus und verglichen sie mit Daten gleichaltriger Personen ohne MS. Dabei stellten sie fest, dass das Risiko, an Epilepsie zu erkranken, für Personen ohne MS bei 1,4 % lag, während es für Menschen mit MS 3,5 % betrug.

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Die Studie ergab, dass MS das Risiko für Epilepsie erhöht. Zwischen den Verlaufsformen der MS gab es Unterschiede: Patienten mit schubförmiger MS hatten ein geringeres Risiko als Patienten mit progressiver MS (2,2 % bzw. 5,5 %). Mit zunehmender Krankheitsdauer stieg das Epilepsie-Risiko auf bis zu 5,9 % bei Patienten, die 34 Jahre oder länger mit MS lebten. Die Forscher schlussfolgerten, dass eine MS-Erkrankung das Risiko für Epilepsie erhöht und dass es eine direkte Verbindung zwischen der Schwere der Erkrankung (gemessen am EDSS-Wert) und Epilepsie gibt.

Obwohl MS-Patienten doppelt so häufig an Epilepsie erkranken wie der gesunde Durchschnittsbürger, ist die Erkrankung auch unter MS-Patienten mit durchschnittlich 3 % bis 4 % eher selten.

Mögliche Ursachen für Epilepsie bei MS

Verschiedene Erkrankungen des Gehirns können Epilepsie auslösen, so auch die MS. Die genauen Mechanismen, die zu epileptischen Anfällen bei MS-Patienten führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Entzündungen im Gehirn eine Rolle spielen könnten.

Eine Studie untersuchte, ob genetisch bedingte Variablen für Alzheimer (AD), Morbus Parkinson (MP), MS und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) mit Epilepsie in Verbindung gebracht werden können. Der Fokus lag dabei auf der genetisch generalisierten Epilepsie (GGE). Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten kausalen Zusammenhang zwischen genetisch vorhergesagter MS und GGE, was auf ein erhöhtes Risiko für GGE in Verbindung mit MS hindeutet. Bei AD, MP und ALS wurde kein signifikanter kausaler Zusammenhang gefunden.

Behandlung von Epilepsie bei MS

Epileptische Anfälle werden in der Regel medikamentös mit Antiepileptika (Antikonvulsiva) behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat umfangreiche Leitlinien für die Behandlung von Epilepsie erarbeitet. Eine antiepileptische Behandlung muss konsequent über Jahre eingehalten und vom Neurologen kontrolliert werden.

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Zu den gängigen Wirkstoffen zählen:

  • Carbamazepin
  • Valproinsäure
  • Gabapentin
  • Lamotrigin
  • Levetiracetam
  • Oxcarbazepin
  • Topiramat

Alle Antiepileptika greifen in das Zentralnervensystem (ZNS) ein. Sie hemmen die Erregbarkeit der Nervenzellen oder die Erregungsweiterleitung. Der genaue Wirkmechanismus ist bei den einzelnen Antiepileptika unterschiedlich.

Wichtig ist, dass eine antiepileptische Behandlung eine Langzeittherapie ist und nur nach Rücksprache mit dem Neurologen beendet werden darf.

Vorbeugende Maßnahmen und Verhaltensregeln

Auch wenn für die Mehrzahl epileptischer Anfälle kein eindeutiger Auslöser benannt werden kann, gibt es doch typische Situationen, die Betroffene meiden sollten. Dazu gehören:

  • Unregelmäßiger Schlaf: Betroffene sollten auf regelmäßigen und ausreichend Schlaf achten und Einschlaf- und Aufwachzeiten möglichst nicht verändern.
  • Flackerlicht: Flackerlicht (z. B. in Diskotheken) sollte gemieden werden.
  • Hyperventilation: Zu rasches Atmen (z. B. nach großen körperlichen Anstrengungen) sollte vermieden werden.
  • Alkohol: Alkohol in größeren Mengen ist grundsätzlich schädlich.
  • Gefährliche Situationen: Betroffene sollten sich nicht in Situationen bringen, die bei einem Anfall schwere Verletzungen oder Gefahren bergen. Dazu zählen z. B. Autofahren, Schwimmen in Gewässern ohne Aufsicht, Klettertouren im Gebirge, Arbeiten an gefährlichen Maschinen oder auf Leitern.

Solange Anfälle auftreten, ist das Führen eines Kraftfahrzeugs zur eigenen Sicherheit und der anderer Verkehrsteilnehmer nicht erlaubt. Bei länger beobachteter Anfallsfreiheit kann es - in Abhängigkeit von auslösenden Situationen, Häufigkeit und Art der Anfälle - wieder gestattet werden.

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Seltene Epilepsieformen und neue Therapieansätze

Bei manchen Formen der Epilepsie liegt ein seltener Gendefekt zugrunde. Mutationen im KCNA2-Gen können beispielsweise zu geschädigten Kaliumkanälen im Gehirn führen und eine frühkindliche Epilepsie verursachen. In manchen Fällen führt die Genmutation zu einer gesteigerten Aktivität des Kanals, in anderen zu einer eingeschränkten Aktivität.

Für diese seltenen Formen der Epilepsie werden neue Therapieansätze entwickelt. So wurde beispielsweise der Wirkstoff 4-Aminopyridin erfolgreich bei Patientinnen und Patienten mit einer gesteigerten Aktivität des Kaliumkanals eingesetzt. Dieser Wirkstoff hemmt die gesteigerte Kanalaktivität und kann die Anzahl der epileptischen Anfälle reduzieren oder sogar komplett verschwinden lassen.

Um behandelnden Ärzten die Entscheidung zu erleichtern, ob der Wirkstoff bei einem Patienten mit neu diagnostiziertem KCNA2-Gendefekt helfen kann, haben Forschende eine Datenbank erstellt. Auf diese Weise kann schnell mit einer Therapie begonnen und der oft schwere Krankheitsverlauf gelindert werden.

Die Entwicklung von Arzneimitteln für seltene Erkrankungen, wie Epilepsien, die durch KCNA2-Genmutationen verursacht werden, ist oft teuer und wenig rentabel für Pharmafirmen. Daher sind Initiativen und Forschungsprojekte, die sich diesen "Waisenkindern der Medizin" widmen, besonders wichtig.

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