Angst ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, das uns vor Gefahren warnt und unsere Überlebensfähigkeit sichert. Sie versetzt uns in Alarmbereitschaft und befähigt uns zu Höchstleistungen, wenn wir in brenzlige Situationen geraten. Doch wenn die Angst überhandnimmt, kann sie zu einer Belastung werden und sich negativ auf unsere psychische und körperliche Gesundheit auswirken. In diesem Artikel werden wir die Auswirkungen von Angst auf das Nervensystem untersuchen, die Ursachen von Angststörungen beleuchten und mögliche Behandlungsansätze aufzeigen.
Die normale Angstreaktion: Ein lebenswichtiger Schutzmechanismus
Angst ist eine unserer fundamentalsten Emotionen. Sie tritt immer dann auf, wenn Gefahr droht. Dann warnt uns die Angst und stimuliert zugleich unsere Kräfte - physische ebenso wie mentale - um die Bedrohung abzuwenden. Wenn ein bedrohlicher Reiz, eine Gefahr auftaucht und in unser Bewusstsein dringt, schlägt das Gehirn Alarm und setzt die Angstreaktion in Gang.
Bekommen wir es mit der Angst zu tun, zeigt sich das anhand typischer Symptome, die den Körper auf eine Ausnahmesituation und rasches Handeln vorbereiten. Das Herz schlägt schneller, um mehr Blut durch den Körper zu pumpen. Der Blutdruck steigt. Auch die Atmung wird schneller, damit wir mehr Sauerstoff aufnehmen können. Die Muskeln spannen sich an und wir beginnen zu schwitzen, um uns abzukühlen. Gleichzeitig fährt der Körper weniger dringende Funktionen wie die Verdauung und die Immunabwehr vorübergehend herunter, damit er seine Energie auf das Wesentliche konzentrieren kann. Dazu kommen kognitive Anzeichen wie Grübeln und sorgenvolle Gedanken. Wir fragen uns, was schiefläuft oder was wir tun können, um uns zu schützen. Diese Symptome sind Teil des sogenannten Kampf-, Flucht- oder Erstarrungssystems, auch Fight-, Flight- oder Freeze-System genannt, das bei Angst aktiviert wird. Fühlen wir uns stark genug, um der Gefahr entgegenzutreten, gehen wir in den „Angriff“. Überwiegt das Gefühl der Bedrohung, reagieren wir mit Flucht oder Schreckstarre. Ist der angstauslösende Moment vorbei, verschwinden die Angstsymptome meist schnell wieder von allein und der Körper wechselt vom Alarm- in den Entspannungsmodus.
Es gibt nicht die eine Gehirnstruktur oder das eine Hormon, das für die Entstehung von Angst zuständig ist. Angst wird vielmehr von mehreren Hirnarealen und Stresshormonen gesteuert. Fachleute sprechen auch von einem Angstnetzwerk, wenn es um die Wahrnehmung, Bewertung und Reaktion auf angstauslösende Einflüsse geht. Ein wichtiger und viel untersuchter Bestandteil dieses Netzwerks ist die Amygdala, auch Mandelkern genannt. Diese mandelförmige Struktur findet sich beim Menschen unter der Oberfläche des Gehirns in der Nähe der Schläfen (nahe der Ohren). Die Amygdala hat unter anderem die Aufgabe, Sinneseindrücke emotional zu bewerten und eine Bedrohung zu erkennen. Bei Bedarf alarmiert sie über den Hypothalamus (ein bestimmter Teil des Zwischenhirns) das Nervensystem und aktiviert das Fight-, Flight- oder Freeze-System aus.
Wenn die Angst aus dem Ruder läuft: Angsterkrankungen
Normalerweise ebbt die Angstreaktion ab, wenn die Gefahr vorüber ist, die bedrohliche Situation erfolgreich bewältigt wurde oder bewältigbar erscheint. Die Anspannung lässt nach, Körper und Gedanken beruhigen sich wieder. Es gibt jedoch Menschen, bei denen es nicht zu einer Beruhigung kommt, sondern dauerhaft eine Anspannung, ein Angstgefühl bestehen bleibt. Ein Angstgefühl, das der Gefahr nicht angemessen ist.
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Viele Menschen erleben in ihrem Leben phasenweise Ängste oder sogar Panikattacken. Dies bedeutet zunächst einmal nicht, dass eine Angsterkrankung besteht. Damit sich aus diesen Symptomen eine tatsächliche Belastung und Einschränkung der Betroffenen entwickelt, müssen weitere Faktoren hinzukommen, die die Ängste aufrechterhalten und eine Besserung behindern.
Eine Angststörung ist somit ein zum täglichen Begleiter gewordenes Gefühl der Angst. Das Grundgefühl des Betroffenen ist: Die Gefahr ist riesig und ich bin ihr nicht gewachsen. Bis dahin, könnte man sagen, bewegt sich die „Störung“ noch im gedanklich-emotionalen Bereich. Doch bleibt es nicht dabei.
Der Teufelskreis der Angst
Am Beginn des Teufelskreises steht die Wahrnehmung einer Belastungssituation, die als Bedrohung empfunden und bewertet wird. Daraus entsteht die Angst, wobei sich Angstgedanken und Angstgefühle gegenseitig antreiben und schließlich ein Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts erzeugen. Reagiert nun der Betroffene mit Vermeidung wird sich die Angst nicht mindern, sondern es kommt im Gegenteil zu unrealistischen Verzerrungen bei der Wahrnehmung der äußeren Gefahr und der Einschätzung der eigenen Angst. Eine neue Runde des Teufelskreises beginnt.
Wichtig ist: Jeder Mensch kann in den Teufelskreis der Angst geraten, denn niemand ist auf alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet. Jeder kann Situationen erleben, die ihn überfordern und hilflos machen. Eine solche Belastungssituation ist noch kein krankhafter Zustand. Doch an dieser Stelle des Teufelskreises findet nun eine entscheidende Weichenstellung statt: raus aus der Abwärtsspirale oder weiter hinein. Tatsächlich schaffen es die meisten Menschen, solche Situationen mit der Zeit durch eigene Maßnahmen oder mit Hilfe anderer (Freunde, Familie) in den Griff zu kriegen und die Kontrolle wieder herzustellen. Es gelingt ihnen, neue Kräfte und Ressourcen zu mobilisieren.
Der Grund dafür heißt Vermeidung. Wenn das Angstgefühl zu heftig, die Angstgedanken zu unerträglich werden, dann ist Flucht die einfachste Form, die Angst loszuwerden. Ich werde also die Präsentation mit irgendeiner Ausrede absagen und den angsteinflößenden Job nicht annehmen. Diese Vermeidung schafft kurzfristig Erleichterung und gibt oft sogar ein gutes Gefühl. Doch langfristig verstärkt die Vermeidung die Angst. Statt dessen passiert das Gegenteil: Die Betroffenen konzentrieren sich übermäßig auf die bedrohliche Situation, Grübeln ständig über potenzielle Gefahren oder negative Folgen, überschätzen massiv das Auftreten eines bestimmten Ereignisses und bleiben in der Erwartung einer Bedrohung gefangen. Auf diese Weise wird die ursprüngliche negative Bewertung einer Situation weiter aufrechterhalten und verstärkt und mit ihr auch die Angst. Da die positive Erfahrung unterbleibt, wird sich die Angst in der Vorstellung des Betroffenen immer mehr zu einem unbeherrschbaren „Monster“ entwickeln, über das keinerlei Kontrolle möglich ist.
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Auswirkungen auf das Nervensystem
Besteht eine einmal ausgebildete Angststörung über längere Zeit unverändert fort, hat dies auch Auswirkungen auf unseren Körper. Wie beschrieben kommt es mit der Zeit zu physischen Folgen der Angst wie Unruhe, Erschöpfung, schlechter Schlaf u.a. (funktionelle Störungen). Und diese Folgen verstärken sich, wenn die dauerhafte Anspannung und Angst bestehen bleiben.
Denn unser Körper ist plastisch, veränderlich, er stellt sich auf Zustände, die dauerhaft so bleiben, ein. Werden z.B. die Füße ständig belastet, bilden sich dort Verhärtungen (dicke Hornhaut). Dieselbe Reaktion gilt für den psychischen Bereich: Ist das Stresslevel dauerhaft hoch, erlebt ein Mensch immer wieder Angstzustände, verändert dies mit der Zeit Nervensystem und Gehirn. Der Körper stellt sich auf eine Umwelt ein, die anscheinend dauerhaft bedrohlicher geworden ist. So springt der Alarmzustand noch schneller an, das Anspannungsniveau bleibt ständig auf einem höheren Level als bei anderen Menschen. Es kommt zu neurobiologischen Veränderungen: Die Störung verfestigt sich biologisch, sie „materialisiert“ sich in physischen Veränderungen des Gehirns (z.B. einer Vergrößerung der Amygdala, also des Angstzentrums) wie des Nervensystems (z.B. bei den Hormonen, den Neurotransmittern, den Rezeptoren der Nervenzellen u.a.). Damit wird der Teufelskreis der Angst physisch verfestigt, was sein Durchbrechen wiederum noch schwieriger macht. Aus der anfänglichen Störung der Angstreaktion ist eine Angsterkrankung geworden.
Körperliche Symptome von Angst
Als Reaktion auf Angst setzt die Nebenniere das Hormon Adrenalin frei. Es beschleunigt viele Körperfunktionen - normalerweise, um die Wachsamkeit und Reaktionsbereitschaft kurzfristig zu erhöhen: Das Herz schlägt schneller, die Atemzüge werden kurz und flach. Bei Menschen mit einer generalisierten Angststörung hält dieser normalerweise nur kurze körperliche Alarmzustand mit Herzrasen oder -klopfen und Kurzatmigkeit oft länger an. Er wird dann als sehr unangenehm erlebt.
Mögliche weitere Symptome sind unter anderem Benommenheit, Nervosität oder Schwindel. Häufig sind auch Zittern, Schwitzen, Muskelverspannungen und Magenbeschwerden. Sich ständig zu ängstigen, ist erschöpfend und kann zu Konzentrations- und Schlafstörungen führen.
In der Kampf-/Fluchtphase werden die Beschwerden durch das Sympathische Nervensystem mittels Adrenalinausschüttung verursacht. Ihr Körper ist alarmiert und es gibt bei einer Panikattacke nichts, wofür er die Energie einsetzen könnte. Ihr Herzklopfen und Herzrasen können dadurch entstehen, dass der Herzschlag sich plötzlich beschleunigt, die Pumpleistung sich erhöht und die Herzkranzgefäße sich erweitern. Der Blutdruck steigt. Die gute Nachricht: Steigender Blutdruck und Herzrasen sind ein guter Schutz vor Ohnmacht. Ihr trockener Mund rührt wahrscheinlich daher, dass Sie durch den Mund atmen. Außerdem produziert Ihr Körper nicht so viel Speichel, weil ihm im Augenblick die Verdauung nicht wichtig ist. Wenn Sie Atemnot und Beklemmungen in der Brust verspüren, dann atmen Sie wahrscheinlich zu schnell. Sie fühlen sich innerlich unruhig und überempfindlich, weil Ihr Körper bereit zur Gefahrenabwehr ist. Ihre Schwindelgefühle entstehen, weil das Gehirn weniger stark durchblutet wird. Auch Ihre blasse Haut, die kalten Hände und Füße und die Kribbelgefühle zeigen an, dass deren Durchblutung reduziert wurde. Ihnen kommt alles eigenartig vor, weil Ihre Pupillen sich erweitert haben.
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Menschen, die dauerhaft unter Rücken- oder Nackenschmerzen leiden, und diese Beschwerden durch Routinebehandlungen nicht in den Griff bekommen, sollten auch psychische Faktoren als Ursache in Betracht ziehen. Medizinisch unklare Körperbeschwerden, die auf psychische Einflüsse zurückgehen, können vielgestaltig sein und beispielsweise Schmerzen, Probleme im Rücken oder anderen Körpersystemen verursachen. Dabei handelt es sich um so genannte somatoforme Störungen oder psychosomatische Erkrankungen.
„Das Wechselspiel zwischen Psyche und Körper ist sehr komplex und sollte bei medizinischen Beschwerden immer Berücksichtigung finden. Wenn Menschen dauerhaft Stressfaktoren und psychischen Belastungen ausgesetzt sind, ohne diese bewusst wahrzunehmen oder ohne adäquat darauf zu reagieren, kann sich dies in körperlichen Symptomen äußern. So bedingen sich beispielweise Depressionen und Rückenleiden oft gegenseitig, denn Menschen, die depressive Symptome haben, sind meist empfänglicher für Schmerzen. Gleichzeitig leidet ein Großteil der chronischen Rückenschmerzenpatienten zusätzlich an depressiven Symptomen“, berichtet Professor Dr. Arno Deister von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.
„Auch Angsterkrankungen gehen häufig mit Verspannungen und Verkrampfungen in der Nacken-, Schulter- und Rückenregion einher, da sie unter anderem eine erhöhte muskuläre Anspannung bei Betroffenen verursachen können. Nicht selten wird als Reaktion auf Rückenleiden aus Angst vor den Schmerzen Bewegung vermieden. Viele Betroffene neigen dazu, aktive Bewegung einzustellen und sich zu schonen, worin meist die falsche Reaktion besteht. Bewegungsmangel und eine unnatürliche Schonhaltung führen zu neuen Verspannungen und somit zu neuen Schmerzen. Durch dieses Angst-Vermeidungsverhalten kann ein Teufelskreis entstehen und dazu führen, dass akute Schmerzen chronisch verlaufen“, erklärt Prof. Deister.
Ursachen von Angststörungen
Immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung. Einer Studie des Max-Plank-Institutes zufolge sind rund 14 Prozent betroffen. Die generalisierten oder akuten Ängste, die sich in Dauer und Intensität sehr voneinander unterscheiden können, werden oft von seelischen Problemen verursacht, aber auch genetische und biologische Faktoren spielen eine große Rolle. Ängste können sich als ernsthafte psychische Störung zu einer chronischen Erkrankung entwickeln.
Ganz gleich ab Phobien, Panikattacken, soziale Ängste oder generalisierte Angst - in Fachkreisen hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass es „die eine“ Ursache für Angststörungen und Angstzustände nicht gibt. Vielmehr löst das Zusammenspiel und die Wechselwirkung mehrerer Faktoren die Erkrankung aus. Psychiatrische und psychotherapeutische Ansätze gehen grundsätzlich davon aus, dass es sich bei allen Angststörungen um eine Überwertigkeit des zunächst normalen Angstmechanismus des Menschen handelt. Ursächlich dafür können im Alltag erlebte erste Angstreaktionen sein: Durch ein typischerweise auftretendes Vermeidungsverhalten kommt es zu einer dauerhaften Verfestigung der Angststörung. Auch spielen eigene Wesenszüge, der erlebte Erziehungsstil der Eltern sowie Veranlagungen in der Familie eine Rolle. Traumatisierende Erlebnisse oder starke psychosoziale Stressbelastungen können vor allem für generalisierte Angststörungen und Panikattacken verantwortlich sein. Treten seelisch belastende Ereignisse und existenzielle Krisen (wie beispielsweise Trennungen vom Partner oder der Verlust des Arbeitsplatzes) auf, kann diese Überforderung mit der Lebenssituation ein wesentlicher Faktor für das Herausbilden einer ernsthaften und andauernden Angsterkrankung sein. Dies kann sich soweit steigern, dass viele alltägliche Situationen - durch eine sehr geringe seelische Stabilität und latente Verunsicherung - mit Ängsten besetzt werden. Die Betroffenen sind so einem permanenten seelischen Stress und Leidensdruck ausgesetzt. Generell steht fest: Angststörungen und Angstzuständen haben psychosoziale, psychologische, genetische und biologische Auslöser bzw. Ursachen.
Genetische Faktoren
Aus der Familie heraus können neben einer vorgelebten „Ängstlichkeit“ möglicherweise auch genetische Faktoren eine Rolle für die Entwicklung von Angststörungen eine Rolle spielen. Aus rein medizinischer Sicht geht man davon aus, dass nicht ein einzelnes, sondern mehrere Gene für Angsterkrankungen verantwortlich sein können. Untersuchungen haben ergeben, dass Verwandte ersten Grades von an Angststörungen Leidenden öfter als andere Menschen, die nicht dieser Konstellation ausgesetzt sind, selbst mit dauerhaften Ängsten leben. Dies wird allerdings eingeschränkt durch die Annahme, dass diese Betroffenen mit ihren Verwandten ersten Grades in Eltern-Kind-Beziehung stehen und hier auch die soziale Prägung wieder einen beträchtlichen Einfluss geltend macht.
Biologische Ursachen
Auch wenn sich viele der Ursachen für Angststörungen und Angstzustände auf psychischer Basis finden, sind auch biologische Faktoren stark in Betracht zu ziehen. Hierbei konzentriert man sich vor allem auf das vegetative Nervensystem, das Untersuchungen zufolge bei Angstpatienten eine erhöhte „Empfindlichkeit“ aufweist. Das heißt: Es ist besonders labil, wodurch eine besondere Anfälligkeit für Angststörungen besteht. Dabei gehen Experten davon aus, dass sich verschiedene Botenstoffe (Neurotransmitter) wie beispielsweise Serotonin und Noradrenalin nicht mehr im Gleichgewicht befinden.
In den Blickpunkt der Neurobiologen gerät auch das limbische System, das als „Zentrum“ unserer Emotionen gilt. Sie sprechen von Fehlfunktionen in der Kommunikation zwischen Hypothalamus, Amygdala und Hippocampus. Der Hypothalamus verarbeitet und filtert äußere Reize. Fehler in der Funktion oder Kommunikation mit anderen Gehirnregionen können Angstreaktionen vorschnell auslösen.
Angst verändert die Synapsen im Gehirn
Angst verändert die Synapsen im Gehirn. Ausstülpungen auf den Zellfortsätzen von Nervenzellen - sogenannte Dornen - wachsen oder schrumpfen. Damit nimmt die Zahl der Synapsen zu oder ab. Kurz nach dem Angst-Erlebnis verdichten sich vorübergehend die Synapsen im Hippocampus. Später kommt es zu dauerhaften Veränderungen im Gyrus cinguli und in der Amygdala. Im präfrontalen Cortex nimmt die Zahl der Dornen und somit der Synapsen ab. Hohe synaptische Plastizität macht die Spuren der Angst labil. Sie lassen sich leichter ausradieren oder überdecken. Wo Gedächtnisinhalte schon länger bestehen, kann synaptische Plastizität durch Erinnerungsübungen oder mit chemischer Hilfe wieder erhöht werden. Das Extinktionstraining funktioniert dann besser.
Im Gehirn einer derart gepiesackten Maus verändern sich die Verknüpfungen der Nervenzellen in einem Netzwerk, an dem unter anderem das limbische System mit Hippocampus und Amygdala sowie der präfrontale Cortex samt Gyrus cinguli beteiligt sind. Der Hippocampus zum Beispiel ist für die Speicherung neuer Erinnerungen zuständig ist. Und so wachsen dort innerhalb weniger Stunden nach dem Erleben der unangenehmen Paarung von Ton und Elektroschock auf den Fortsätzen der Nervenzellen gewisse Ausstülpungen. Nach einigen Wochen ist von der Synapsenverdichtung im Hippocampus allerdings nichts mehr zu sehen. Dabei haben die Mäuse die Lektion keineswegs vergessen. Doch die Spuren der Erinnerungen sind in andere Gehirnregionen gewandert, etwa in den Gyrus cinguli. Diese Hirnregion spielt eine wichtige Rolle bei der langfristigen Speicherung von Gedächtnisinhalten und bei der Regulierung von Aufmerksamkeit und Affekten. Dort bleibt die Zahl der Dornen noch Wochen nach dem Lernvorgang erhöht.
In den Stunden und Tagen nach dem Elektroschock steigt an den postsynaptischen Membranen von Neuronen in der lateralen Amygdala die Zahl der so genannten AMPA-Rezeptoren an, die für eine effektive Signalübertragung an der Synapse wichtig sind. Unter Beteiligung komplexer molekularer Kaskaden entsteht in einigen dieser Zellen ein Muster von Genaktivität, das die Synapsen dauerhaft aktiver feuern lässt. So wird die Angst langfristig verankert.
Will man der Maus nun beibringen, dass sie den Ton nicht mehr zu fürchten braucht, ist ein Extinktionstraining nötig: Dabei wird das zuvor Gelernte nicht vergessen oder ausgelöscht, sondern etwas Neues gelernt: „Der Ton macht keine Angst.“ Dieser neue Gedächtnisinhalt konkurriert dann mit dem alten Gedächtnisinhalt: „Der Ton macht Angst.“ Um die ängstliche Reaktion zu verlernen, spielt man dem Versuchstier immer wieder einen Ton vor - aber ohne elektrischen Reiz. Das Umlernen funktioniert noch besser, wenn die Erinnerung zuvor durch einmaliges Vorspielen des ursprünglich angstauslösenden Tons frisch abgerufen wird. Dieses einmalige Vorspielen scheint die Spuren der Erinnerung zu labilisieren. Die molekularen Kaskaden, die an der ursprünglichen Kodierung der Erinnerung beteiligt waren, werden wieder aktiv; das Erinnerte muss wohl erneut verfestigt werden. Wird nun in diesem Zeitfenster ein Extinktionstraining durchgeführt, kann der Erfolg mitunter durchschlagend sein und die Angst-Erinnerung dauerhaft vergessen werden.
Noch besser funktioniert das Vergessen mithilfe des Antibiotikums D-Cycloserin (DCS), das auch NMDA-Rezeptoren in der Zellmembran aktiviert: Diese Rezeptoren spielen ebenso wie die AMPA-Rezeptoren eine Rolle bei Lernprozessen. Wird das Präparat rechtzeitig vor einem Extinktionstraining verabreicht, wird das Mengenverhältnis der beiden Rezeptoren zugunsten von NMDA verschoben - und so wird der neue Gedächtnisinhalt schneller gelernt. Auch beim Menschen verbessert die Gabe von DCS den Erfolg einer Expositionstherapie, einer Art des Extinktionstrainings.
Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen
Nicht jede Angst ist behandlungsbedürftig und nicht jede Panikattacke entwickelt sich zur Angsterkrankung. Doch wenn Ängste das Leben stark beeinträchtigen, ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die bei Angststörungen wirksam sein können:
- Psychotherapie: Im Zentrum stehen dabei psychotherapeutische Maßnahmen, die durch Körper-, Bewegungs-, Kunst- sowie durch Sozialtherapie ergänzt werden. Wichtig ist, gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten, wie die Zusammenhänge zwischen psychischem und körperlichem Erleben sind und wie man diese verändern kann.
- Medikamentöse Behandlung: In manchen Fällen können vorübergehend auch Medikamente notwendig sein, um die Behandlung von Ängsten, Schmerzsyndromen oder Depressionen zu unterstützen.
- Selbsthilfestrategien: Mehr körperliche Aktivität im Alltag - idealerweise in der Natur - und Strategien zur Stressbewältigung wie progressive Muskelentspannung können dazu beitragen, Ängste- und Anspannungen abzubauen, eine Kräftigung der Muskulatur zu bewirken und die Stimmung aufzuhellen.
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