Der Finger-Nase-Versuch ist eine neurologische Untersuchung, die zur Beurteilung der Koordination und des Gleichgewichts eines Patienten eingesetzt wird. Er ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung und kann bei der Diagnose von Erkrankungen wie Ataxie, Schlaganfall und Multipler Sklerose helfen. Ataxie ist eine Störung der Koordination, die sich in einer Vielzahl von Symptomen äußern kann, darunter Schwierigkeiten beim Gehen, Sprechen und Schlucken.
Einführung in die Ataxie und ihre Diagnose
Störungen der Koordination können so ausgeprägt sein, dass einfach anmutende Aufgaben nicht bewältigt werden können. Der Romberg-Test dient zur Diagnose von Störungen des Gleichgewichts und der Bewegungskoordination (Ataxie). Schwindelgefühl, Benommenheit und Schwierigkeiten, die Bewegungen zu koordinieren und das Gleichgewicht zu halten, können Symptome für verschiedene Krankheiten sein, darunter Störungen des Vestibularapparats wie Labyrinthitis, Morbus Ménière, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Migräne, Neuropathien, Neoplasien, Schlaganfall und zerebelläre Ataxie.
Durchführung des Finger-Nase-Versuchs
Der Finger-Nase-Versuch ist eine einfache, aber aufschlussreiche Methode zur Beurteilung der zerebellären Funktion und der Koordination. Im weiten Bogen erst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen den Zeigefinger zur Nasenspitze führen lassen. Der Patient sitzt an der Bettkante, die Beine hängen frei herunter. Es wird darauf geachtet, ob es möglich ist, den Rumpf ruhig zu halten.
Ein weiterer Nachweis kann durch den Finger-Nase-Versuch erbracht werden; der aufrecht stehende Patient streckt den Arm aus und berührt dann mit dem Zeigefinger die Spitze seiner Nase. Eine Ataxie macht diese einfache Aktion kompliziert.
Varianten des Finger-Nase-Versuchs
Es gibt verschiedene Varianten des Finger-Nase-Versuchs, die je nach den Bedürfnissen des Patienten und den Zielen des Untersuchers eingesetzt werden können.
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- Zeigen auf den Finger des Untersuchers: Patient soll auf den Finger des Untersuchers deuten.
- Rebound-Phänomen: Der gebeugte Unterarm des Patienten erhält einen Widerstand in Richtung Beugung. Der Widerstand wird vom Untersucher plötzlich ausgesetzt. Bei einem Gesunden wird die Bewegung rasch gebremst, bei koordinationsgestörten Patienten nicht (Achtung: Gesicht durch Untersucherhand schützen). Variation: Pat. drückt die nach vorn gestreckten Arme gegen den Widerstand des Untersuchers nach oben. Bei plötzlichem Nachlassen des Gegendrucks schlagen bei Patienten mit Kleinhirnläsionen die Arme nach oben aus, der Gesunde federt durch Innervation der Antagonisten schnell ab (Achtung: Pat.).
- Knie-Schienbein-Versuch: Beine werden im Liegen mit rechtwinklig angewinkelten Knien gehalten. Ein Bein wird abgelegt. Anderes Bein wird bei geschlossenen Augen mit der Ferse auf die Kniescheibe geführt und am Schienbein entlang bis zum Knöchel geführt. Beurteilung: Ataxie? Tremor? Dysmetrie? Athetose?
- Zeigen auf den Finger des Arztes: Patient zielt mit seinem Zeigefinger auf den Zeigefinger des Untersuchers, der diesen in verschiedene Positionen bewegt. Der Patient senkt seinen senkrecht nach oben gehobenen Arm mit gestrecktem Zeigefinger bis zum Erreichen des Zeigefingers des Arztes an dessen horizontal gehaltenem Arm.
Weitere Tests zur Beurteilung der Koordination
Neben dem Finger-Nase-Versuch gibt es noch weitere Tests, die zur Beurteilung der Koordination eingesetzt werden können:
- Romberg-Test: Der Patient steht mit geschlossenen Füßen zunächst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Ergibt sich eine Unsicherheit nach Schließen der Augen, so kann dies auf eine sensible Ataxie deuten. Fallneigung zur Seite ohne Parese gibt Hinweis auf ipsilaterale Schädigung des Gleichgewichtorgans oder des Kleinhirns. Bei unsystematischem Schwanken mit Rechenaufgabe ablenken. Mit geschlossenen Augen tritt der Patient etwa 1 Min. auf der Stelle. Bei einseitigen vestibulären oder zerebellären Störungen erfolgt eine Drehung um die Körperachse zur erkrankten Seite (> 45°). Es gibt den Normal-, Blind- oder Seiltänzergang, es sollen mindestens 10 Schritte ausgeführt werden.
- Diadochokinese:
- "Händedrehen": Klatschen mit wechselnder Pronation/Supinationsbewegung der Hand auf flache Hand der Gegenseite. Drehbewegungen mit den Händen (Glühbirnen einschrauben).
- Fingertippen: Tippen einzelner Finger auf Unterlage. Wechselndes Berühren der Finger II-IV gegen Daumen. Virtuell mit den Fingern in der Luft Klavierspielen lassen.
- Fuß-Tippen: Patient soll im Sitzen mit Ferse rasch hintereinander auf den Fußboden klopfen. Selbe Position, Durchführung mit Fußspitze. Beurteilung: Eudiadochokinese? Bradydiadochokinese?
- Armvorhalteversuch: Kräftige Beugung des Arms durch den Patienten gegen Widerstand des Untersuchers, der diesen am Handgelenk hält. Untersucher lässt Arm plötzlich los. Die Beugebewegung wird normalerweise unwillkürlich rasch gebremst.
Interpretation der Ergebnisse
Eine deutliche Zunahme der Symptome deutet auf eine Störung der somatosensorischen Afferenzen (spinale Ataxie) hin, wobei es bei zerebralen Läsionen kaum Unterschiede zwischen geschlossenen oder offenen Augen gibt. Die mangelnde Stabilität der Haltung und die Unfähigkeit, beim Romberg-Test das Gleichgewicht zu wahren, auch bei offenen Augen, können auf eine zerebelläre Ataxie zurückzuführen sein, die durch eine Läsion am Kleinhirn hervorgerufen wird. Ein positives Romberg-Zeichen liegt vor, wenn es dem Patienten mit geschlossenen Augen nicht gelingt, das Gleichgewicht zu halten. In diesen Fällen wird eine Informationsataxie diagnostiziert, die durch ein Defizit in der Eigenwahrnehmung verursacht werden kann; sie bewirkt, dass der Patient in alle Richtungen schwankt. Ursache kann aber auch eine Funktionsstörung des Vestibularsystems sein; in diesem Fall neigt der Patient dazu, immer in die gleiche Richtung zu schwanken, also auf die vom Defizit betroffene Seite.
Differenzialdiagnose und weiterführende Untersuchungen
Bei einem Verdacht auf zerebelläre Ataxie sollte ein Neurologe hinzugezogen werden; dieser ordnet eine Reihe von Untersuchungen an, um eine sichere Diagnose zu stellen und einen Therapie- und Rehabilitationsplan ausarbeiten zu können. Der HNO-Arzt beurteilt auf Grundlage der Ergebnisse, ob weitere Untersuchungen erforderlich sind und welche Therapie verordnet werden sollte.
Neurologische Notfall-Untersuchung
Im Rahmen einer neurologischen Notfall-Untersuchung werden verschiedene Aspekte beurteilt, um den Zustand des Patienten schnell und umfassend zu erfassen. Dazu gehören:
- Bewusstsein: Quantitative Beurteilung mittels GCS (Glasgow Coma Scale) oder FOUR-Score (Full Outline of UnResponsiveness - Score). Qualitative Beurteilung der Orientierung (Zeit, Ort, Situation, Person).
- Sprache und Sprechen: Beurteilung auf Sprechstörungen (Dysarthrie) und Sprachstörungen (Aphasie).
- Hirnnerven: Untersuchung der Hirnnerven II (Opticus), III (Oculomotorius), IV (Trochlearis), VI (Abducens), V (Trigeminus), VII (Facialis), XII (Hypoglossus), IX (Glossopharyngeus), X (Vagus) und XI (Accessorius).
- Motorik: Beurteilung der Kraft der oberen und unteren Extremitäten, Prüfung auf Nervenwurzel-Dehnungszeichen und Meningismus.
- Sensibilität: Prüfung der Sensibilität der oberen und unteren Extremitäten im Seitenvergleich.
- Koordination: Beurteilung auf Dysdiadochokinese und Dysmetrie mittels verschiedener Tests wie "Glühbirnen eindrehen" und Finger-Nase-Versuch.
- Reflexe: Prüfung der peripheren Reflexe (insbesondere Patella- und Achillessehnenreflex) im Seitenvergleich, Beurteilung des Babinski-Reflexes.
- Romberg-Test: Beurteilung der Standsicherheit mit offenen und geschlossenen Augen.
Untersuchungstechniken bei Schwindel
Bei Patienten mit Schwindel werden spezielle Untersuchungstechniken angewendet, um die Ursache des Schwindels zu ermitteln. Dazu gehört der HINTS-Test (Head Impulse, Nystagmus, Test of Skew).
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- Kopfimpulstest ("Halmagyi"): Der Kopf wird ruckartig nach links und rechts gedreht, während der Patient den Untersucher fixiert. Ein pathologischer Befund (Augen drehen mit Kopfbewegung mit, Patient muss aktiv nachjustieren/zeigt Sakkaden) deutet bei Schwindel auf eine peripher-vestibuläre Genese hin (z.B. Neuritis vestibularis).
- Nystagmus: Beurteilung auf spontanen Nystagmus und Nystagmus bei Fingerfolgebewegungen. Ein richtungswechselnder und/oder vertikaler Spontan-Nystagmus deutet auf eine zentrale Genese hin (z.B. Kleinhirninfarkt).
- Test of Skew (Test auf Bulbusdeviation): Alternierendes Abdecken eines Auges, Patient sieht geradeaus. Ein vertikaler Positionswechsel der Bulbi (ein Auge blickt etwas mehr nach oben/unten) deutet auf eine zentrale Genese hin (z.B. Kleinhirninfarkt).
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