Borreliose, auch bekannt als Lyme-Krankheit, ist die häufigste durch Zecken übertragene Krankheit in Europa und Nordamerika. Die bakterielle Infektion, die durch Bakterien des Borrelia burgdorferi sensu lato Komplexes verursacht wird, bleibt oft unentdeckt und kann ernste Spätfolgen haben. In Deutschland sind Zecken vor allem für die Übertragung von zwei Infektionskrankheiten bekannt: Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose. FSME wird von Viren verursacht, während Borreliose durch Bakterien ausgelöst wird.
Was ist Borreliose?
Die Lyme-Borreliose wird durch verschiedene Spezies von Bakterien des Genus Borrelia verursacht, die zum sogenannten Borrelia burgdorferi sensu lato (Bbsl) Komplex gehören. Sechs der mehr als 20 beschriebenen Spezies des Bbsl-Komplexes sind gesichert humanpathogen: Borrelia (B.) afzelii, B. garinii, B. bavariensis, B. burgdorferi sensu stricto, B. mayonii und B. spielmanii. Für weitere Spezies wird die Pathogenität momentan diskutiert: B. valaisiana, B. lusitaniae und B. bissettiae. Bis auf B. mayonii kommen alle humanpathogenen Spezies in Europa vor, während von den humanpathogenen Stämmen in den USA nur B. burgdorferi sensu stricto und B. mayonii nachweisbar sind. In Asien sind alle humanpathogenen Spezies außer B. burgdorferi sensu stricto und B. mayonii vorhanden. Alle Spezies können klinische Manifestationen der Haut (Erythema migrans) auslösen. B. garinii und B. bavariensis zeigen eine Assoziation mit neurologischen Manifestationen, B. afzelii mit der Entwicklung einer Acrodermatitis chronica atrophicans, und B.
Die Lyme-Borreliose wurde nach dem Ort Lyme (Connecticut, USA) benannt. In dem Ort traten auffällig häufig Erkrankungsfälle mit Gelenkentzündungen nach Zeckenstichen auf. Die Lyme-Borreliose ist in der nördlichen Hemisphäre (Nordamerika, Europa und Asien) verbreitet. Sie ist in Europa die mit Abstand häufigste durch Zecken (siehe Infektionsweg) übertragene Krankheit. Es ist von einer Infektionsgefährdung in allen Teilen Deutschlands auszugehen.
Ansteckung und Risikofaktoren
Nicht jeder Mensch, der von einer Zecke gestochen wird, infiziert sich mit Borreliose. Nach Schätzungen tragen nur etwa ein Drittel der Zecken Borrelien in sich. Das RKI geht davon aus, dass bis zu 1,4 Prozent der Gestochenen an Borreliose erkranken. Die größte Ansteckungsgefahr besteht von Juni bis August, wenn Menschen sich vermehrt in der Natur aufhalten. Zecken können aber auch von Haustieren oder Wildtieren weitergegeben werden.
Zecken, insbesondere der Gemeine Holzbock, sind Blutsauger. Nach einem Stich wandern die Borrelien vom Darm der Zecke in die Speicheldrüsen und können so in die Blutbahn von Menschen oder Tieren gelangen. Laut RKI muss eine Zecke mehrere Stunden saugen, ehe die Bakterien übertragen werden können. Eine Zecke, die bereits mehrere Stunden saugt, erkennt man daran, dass ihr Körper prall gefüllt aussieht.
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Das Infektionsrisiko ist stark von den Witterungsbedingungen abhängig. Die wichtigsten Vektoren in Deutschland sind Schildzecken der Art Ixodes (I.) ricinus. Diese kann man abhängig von der vorherrschenden Witterung das ganze Jahr über in Deutschland finden. Die größte Aktivität findet sich aber meist im Frühling und Herbst.
Symptome und Verlauf
Die Symptome der Borreliose können je nach Erkrankungsstadium sowie individuell unterschiedlich ausfallen. Typisch, jedoch nicht immer vorhanden, ist eine Hautrötung um die Einstichstelle, die sich von innen her verblassend ringförmig ausbreitet. Sie wird daher auch als „Wanderröte“ (Erythema chronicum migrans) bezeichnet. Grippeähnliche Beschwerden, wie Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieber oder Müdigkeit, sind weitere Symptome. Knötchenartige Schwellungen oder chronische Entzündungen der Haut (Acrodermatitis chronica atrophicans) treten vereinzelt auf. Ist das Nervensystem betroffen, sind insbesondere nächtliche Schmerzen bis hin zu Störungen oder Lähmungen, beispielsweise des Gesichtsnervs (Fazialisparese), möglich. Kinder entwickeln häufiger als Erwachsene eine nichteitrige Hirnhautentzündung (Meningitis) mit starken Kopfschmerzen und hohem Fieber.
Mediziner unterteilen den Verlauf einer Borreliose in mehrere Stadien:
- Früh lokalisiertes Stadium: Beschwerden zeigen sich im Bereich der Einstichstelle, zum Beispiel die Wanderröte um die Einstichstelle herum.
- Früh disseminiertes Stadium: Die Borrelien breiten sich im Körper aus und befallen beispielsweise das Herz (Lyme-Karditis) oder das Nervensystem (Neuroborreliose). Die Beschwerden treten Wochen bis Monate nach dem Zeckenstich auf.
- Spätes (disseminiertes) Stadium: Eine unbehandelte Borreliose wird nach Monaten bis Jahren chronisch und äußert sich etwa durch Haut- oder Gelenkbeschwerden.
Viele Infektionen verlaufen ohne Krankheitszeichen. Bei manchen Patienten bricht die Erkrankung erst Monate oder Jahre nach einem Zeckenstich aus. In Einzelfällen kommt es zu einer chronischen Entzündung der Haut. Etwa fünf Prozent der Erkrankten entwickeln eine Lyme-Arthritis. Sehr selten sind Herzprobleme infolge einer Borreliose (Lyme-Karditis) wie Herzmuskelentzündungen oder Herzrhythmusstörungen. In etwa drei von 100 Fällen befallen die Bakterien im Verlauf der Erkrankung auch die Nerven und lösen eine Neuroborreliose aus.
Neuroborreliose: Wenn das Nervensystem betroffen ist
Die Neuroborreliose ist eine Verlaufsform der Lyme-Borreliose, die auftritt, wenn sich die Borrelien-Bakterien im Körper ausbreiten und dabei das Hirn oder die Nervenbahnen befallen. Sie tritt bei etwa drei von 100 Erkrankten auf.
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Symptome der Neuroborreliose:
- Brennende Nervenschmerzen, vor allem nachts
- Gesichtslähmung (Fazialisparese)
- Entzündliche Nervenreizungen, die zu Taubheitsgefühl, Seh- oder Hörstörungen führen können
- Lähmungen von Rumpf, Armen oder Beinen
- Hirnhautentzündung (Meningitis) mit starken Kopfschmerzen und Fieber (insbesondere bei Kindern)
Die allermeisten (vermutlich über 98%) der neurologischen Fälle manifestieren sich als frühe Neuroborreliose. Hier tritt die Symptomatik wenige Wochen bis einige Monate nach dem Zeckenstich auf. Sie äußert sich als meist nachts betonte, brennend schmerzhafte Meningoradikulitis einzelner Rückenmarksnerven (spinaler Nerven). Diese stehen häufig in Verbindung mit einer ein- oder beidseitigen Gesichtslähmung (Fazialisparese) (Garin-Bujadoux-Bannwarth-Syndrom). Die Schmerzen strahlen in das Versorgungsgebiet des jeweiligen Nervs aus (radikuläre Schmerzen). Eine späte Neuroborreliose zeigt sich in sehr seltenen Fällen. Die neurologische Symptomatik entwickelt sich schleichend über Monate bis Jahre.
Diagnose der Neuroborreliose:
Die Diagnose der Neuroborreliose basiert auf einer Kombination aus Symptomen, Anamnese (insbesondere Zeckenstich) und Laboruntersuchungen.
- Labortests:
- Nachweis von Borrelien-Antikörpern: Im Blut und in der Gehirn-/Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) können spezifische Antikörper gegen Borrelien-Bakterien untersucht werden.
- Nachweis entzündlicher Liquor-Veränderungen: Eine erhöhte Anzahl an weißen Blutkörperchen sowie eine Erhöhung des Gesamteiweißes im Nervenwasser können auf eine Entzündung hinweisen.
- Direkter Erreger-Nachweis: In seltenen Fällen kann der Erreger direkt im Nervenwasser nachgewiesen werden (mittels Kultur oder PCR).
- CXCL13-Messung: Die Messung des CXCL13-Spiegels im Nervenwasser kann bei der Diagnose unterstützend sein, insbesondere bei früher Neuroborreliose.
Spätfolgen der Borreliose
Bekannte Spätfolgen einer Borrelieninfektion sind anhaltende Hautveränderungen (Acrodermatitis chronica atrophicans), schubförmige oder chronische Gelenkentzündungen (Lyme-Arthritis) oder neurologische Beschwerden (chronische oder späte Neuroborreliose). Manchmal behalten Patienten leichte Gesichtsnervlähmungen ein Leben lang. Auch eine Entzündung des Herzens (Lyme-Karditis) kommt in seltenen Fällen vor.
Post-Lyme-Borreliose-Syndrom (PTLDS)
Beschwerden wie Muskelschmerzen, Müdigkeit, Antriebsschwäche oder Konzentrationsstörungen, die nach einer durchgemachten, behandelten Borreliose auftreten, werden manchmal als Post-Borreliose-Syndrom oder Post-Lyme-Borreliose-Syndrom bezeichnet. Studien haben jedoch ergeben, dass solche unspezifischen Beschwerden bei ehemaligen Borrelioseerkrankten nicht häufiger auftreten als bei Menschen, die zuvor keine Borreliose-Infektion hatten. Leiden Betroffene an den genannten Beschwerden, ist es ratsam, andere mögliche Ursachen dieser Symptome abzuklären. Beispielsweise kann der Grund für eine chronische Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche eine Virus-Infektion oder gar eine versteckte Depression sein.
Behandlung der Borreliose
Bei diagnostizierter Borreliose werden für zwei bis vier Wochen Antibiotika wie Doxycyclin oder Amoxicillin verordnet, die meist zu einer vollständigen Genesung führen. Eine Antibiotika-Gabe als Prophylaxe empfiehlt das RKI ausdrücklich nicht, denn das Risiko für Nebenwirkungen wäre höher als ein möglicher gesundheitlicher Nutzen. Eine frühzeitige Behandlung einer Borreliose kann schwerwiegende Spätfolgen verhindern.
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Zur intravenösen Therapie werden Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G eingesetzt. Die empfohlene Therapiedauer bewegt sich in Abhängigkeit von Art, Dauer und Schwere der Manifestation sowie eingesetztem Antibiotikum zwischen 10 und 30 Tagen.
Die Neuroborreliose wird (wie die normale Borreliose) mit Antibiotika behandelt. Zur Verfügung stehen folgende Antibiotika: Doxycyclin (als Tablette), Ceftriaxon (als Infusion), Cefotaxim (als Infusion) und Penicillin G (als Infusion). Welches Antibiotikum der Arzt im Einzelfall für die Neuroborreliose-Therapie auswählt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Eine Rolle spielt unter anderem, wie alt der Patient ist, ob er bekanntermaßen allergisch auf eines der Antibiotika reagiert oder ob eine Schwangerschaft vorliegt. So dürfen beispielsweise schwangere Frauen und Kinder unter neun Jahren nicht mit Doxycyclin behandelt werden. Bei früher Neuroborreliose werden die Antibiotika im Regelfall über 14 Tage gegeben, bei später Neuroborreliose meist 14 bis 21 Tage lang.
Prävention
Gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gibt es eine wirksame Impfung, gegen Borreliose bisher noch nicht. Das Biotechnologieunternehmen Valneva hat in Zusammenarbeit mit dem Pharmaziekonzern Pfizer einen Impfstoff gegen Borreliose entwickelt. Dieser soll gegen die sechs häufigsten in Europa und Nordamerika vorkommenden Borreliose-Typen wirken. Durch die Impfung soll das Oberflächenprotein A (OspA) des Borreliose-Erregers Borrelia burgdorferi durch Antikörper blockiert werden. In klinischen Studien zeigte der Impfstoff mit dem Namen VLA15 erste positive Ergebnisse.
Weitere Präventionsmaßnahmen:
- Wer im Garten arbeitet, im Wald oder auf Wiesen mit hohem Gras unterwegs ist, sollte zum Schutz vor Zecken geschlossene Schuhe, lange Hosen und möglichst auch langärmelige Oberbekleidung tragen.
- Auf heller Kleidung lassen sich Zecken besser erkennen und wieder abstreifen.
- Nach dem Aufenthalt im Freien sollte der Körper gründlich nach Zecken abgesucht werden, insbesondere in Hautfalten wie Achseln und Kniekehlen.
- Zecken sollten so schnell wie möglich mit einer Pinzette oder Zeckenkarte entfernt werden. Wichtig ist, die Zecke nicht zu quetschen.
- Die Einstichstelle sollte nach Entfernung der Zecke desinfiziert werden.
- Kleidung, die möglichst viel Körperoberfläche bedeckt (z.B. lange Hosen, langärmelige Hemden), tragen.
- Abwehrmittel (Repellents) für die Haut (z.B. Icaridin oder Diethyltoluamid [DEET]) wirken in gewissem Umfang auch gegen Zecken. Zur Wirksamkeit, Anwendung oder Wirkdauer sind die Herstellerangaben zu beachten.
- Schuhwerk oder Kleidung können auch behandelt werden oder vorbehandelte Kleidung und Ausrüstung verwenden.
Lebenserwartung
Die Lebenserwartung mit Borreliose ist unverändert zu der ohne Borreliose. Manche Patienten leiden aufgrund der Borreliose unter Spätfolgen. Manche Erkrankungen, die auf die Borreliose folgen, beeinträchtigen die Lebenserwartung negativ, zum Beispiel eine Herzmuskelentzündung. Die Borreliose ist im Allgemeinen nicht tödlich. Nur in sehr seltenen Fällen führen Folgen der Erkrankung zu Todesfällen. Eine Borreliose unbehandelt zu lassen, begünstigt eine schlechte Prognose. Im Falle einer verschleppten Borreliose treten Folgeerkrankungen und Langzeitfolgen wahrscheinlicher auf als bei frühzeitiger Therapie. Eine einmal überstandene Borreliose, die spontan oder unter Therapie abgeheilt ist, bietet jedoch keine Immunität. Das heißt, man kann sich später neu mit Borreliose infizieren und daran erkranken.
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