Die Überschrift "Ich und mein Gehirn" suggeriert eine Dualität, als wäre das Gehirn ein separates Wesen, ein eigenständiges "Ich" innerhalb meiner selbst. Dieser Gedanke gefällt mir. Es ist, als hätte man ein Haustier, dessen Verhalten man nicht immer kontrollieren kann. Mein Gehirn agiert oft wie ein ungestümer Hund, der an der Leine zieht und dessen Assoziationen wild umherstreifen, wenn man ihn lässt. Manchmal bringt er mir dann eine "gute Idee" vor die Füße, für die ich von anderen gelobt werde, obwohl ich mir unsicher bin, wie groß mein Anteil an diesem Geistesblitz wirklich war.
Die Faszination anderer Gehirne
Als Mentalmagier, Hirnakrobat und Entertainer ist mein Interesse an anderen Gehirnen fast schon zwangsläufig. Was denken sie? Wie denken sie? Und warum denken sie so? Die eigentliche Illusion, die Frucht meiner Arbeit, entsteht im Kopf des Zuschauers. Magie braucht Mitspieler: Ihre Anwesenheit und ihre Schlussfolgerungen machen das magische Erlebnis erst komplett. Der Magier ist wie ein Queue beim Billardspiel: Er stößt die Kugel im Kopf des Zuschauers an, damit sie ins Rollen kommt und die Logik kapituliert. Ich nutze die Arbeitsweise des Gehirns schamlos aus, wobei die Mechanismen, die Täuschungen ermöglichen, uralt sind und den Verlauf der Evolution widerspiegeln.
Die Evolution im Gehirn
Im Hirnstamm, dem ältesten Teil unseres Gehirns, sind Muster eingebettet, die über Jahrtausende entstanden sind. Dinge, die sich bewegen, wecken unser Interesse, und das Neue, Ungewohnte, Überraschende zieht uns magisch an, weil es potenziell gefährlich sein könnte. Das Gehirn beschäftigt sich also mit sich selbst, dem menschlichen Denkapparat. Alles beginnt im Kopf, was die Bedeutung des Zerebrums unterstreicht.
Denkmuster und Glaubenssätze
Manche Denkstrukturen sind unseren Wünschen und Zielen zuträglich, während andere Glaubenssätze uns im Weg stehen. Neben den Verhaltensmustern der Frühmenschen tragen wir auch die neuronalen Muster unserer Eltern und Großeltern in uns. Deren Werte und Verhaltensweisen sind Teil unserer Persönlichkeit, auf denen wir aufbauen. Jeder ist mehr oder weniger in seiner Denkweise gefangen, und Denkmuster wie "Ich weiß alles besser" oder "Ich bin nichts wert" können uns ein Leben lang begleiten.
Die Möglichkeit der Veränderung
Wir müssen jedoch nicht im Dickicht unserer Denkstrukturen straucheln. Wenn wir unser eigenes Denken reflektieren, haben wir die Chance, unserem Leben eine Wendung zu geben. Wenn es uns gelingt, alte Denkmuster und -gewohnheiten aufzubrechen und zu verändern, können wir unser Schicksal verändern.
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Tim Parks' kritische Auseinandersetzung mit der Neurowissenschaft
Tim Parks beleuchtet in seinem Buch "Bin ich mein Gehirn?" die Leerstellen, die der wissenschaftliche Jargon in vielen Büchern zum Gehirn übertüncht. Er spricht mit Philosophen und Neurowissenschaftlern über das menschliche Bewusstsein und erzählt von seinen eigenen Erfahrungen. Parks kritisiert Artikel, in denen von Nerven und Hirnregionen die Rede ist, die Informationen austauschen, und fragt, was damit gemeint ist. Er ist überrascht, wie konfus sich Wissenschaftler äußern können, wenn es um Vorstellungen zum Thema Bewusstsein geht.
Parks argumentiert, dass jeder Einzelne von uns eine Fundgrube von Indizien ist, die wesentlich mehr hergibt als alles, was der Neurowissenschaft im Labor zur Verfügung steht. Er kritisiert die Redeweise der Hirnforschung und lehnt Begriffe wie "Repräsentation", "Engramm" oder "Feuern" von Neuronen ab, da sie von der falschen Idee des Homunkulus zeugen.
Die Spread-Mind-Theorie
Parks nutzt seine Interviews mit Wissenschaftlern, um für die "Spread-Mind-Theorie" zu plädieren, einem Ansatz, der Bewusstsein weder im Gehirn noch zwischen Gehirnen, sondern in der Welt da draußen verortet. Demnach sei das Objekt unserer Wahrnehmung identisch mit dem Ort des bewussten Erlebens. Parks kritisiert das "internalistische" Standardmodell, das Bewusstsein im Gehirn verortet, und stellt ihm "enaktivistische" Positionen gegenüber, die den Körper als integralen Bestandteil bewusster Prozesse betrachten.
Kritik an Parks' Ansatz
Parks' Ansatz provoziert Gegenargumente, insbesondere im Hinblick auf bewusste Trauminhalte, die ohne externe Welt auskommen. Kritiker bemängeln, dass Parks Wissenschaft missversteht und seine persönliche Wahrnehmung zur Realität erhebt. Sie argumentieren, dass Forschung bedeutet, überprüfbare Antworten auf sinnvolle Fragen zu geben und diese immer wieder auf die Probe zu stellen, während es Parks um Gewissheit und Identifikation geht.
Die Suche nach dem Bewusstsein
Bis heute weiß niemand, wie "feuernde" Neurone bewusstes Erleben hervorbringen. Die Frage, ob Computer ein Bewusstsein haben können oder ob der Geist ein einzigartiges Charakteristikum des Menschen ist, wird weiterhin diskutiert. Tim Parks' Reise in das menschliche Gehirn konfrontiert die philosophischen und neurowissenschaftlichen Theorien mit der eigenen Erfahrung und regt zum Nachdenken über die Natur des Bewusstseins an.
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