Parkinson-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Gewichtsverlust und Mangelernährung. Die Ernährung spielt bei der Parkinson-Krankheit eine wichtige unterstützende Rolle, sowohl im Hinblick auf die Symptomkontrolle als auch auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität. Eine individuell angepasste, ausgewogene Ernährung ist ein zentraler Bestandteil der Parkinson-Therapie. Sie kann Symptome lindern, Komplikationen vorbeugen und die Lebensqualität verbessern. Eine enge Zusammenarbeit mit Ernährungsfachkräften ist empfehlenswert, wenn durch Schluckstörungen bereits eine deutliche Gewichtsabnahme zu verzeichnen ist.
Einführung
Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem motorische Fähigkeiten beeinträchtigt. Neben medikamentösen Therapien spielt die Ernährung eine entscheidende Rolle im Management der Erkrankung. Insbesondere die Wechselwirkung zwischen der Parkinson-Medikation Levodopa und der Eiweißzufuhr erfordert eine sorgfältige Beachtung. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung einer eiweißreichen Ernährung bei Parkinson, die potenziellen Herausforderungen und Strategien zur Optimierung der Therapie.
Parkinson und Ernährung: Eine komplexe Beziehung
Die Ernährung bei Parkinson ist ein vielschichtiges Thema, das sowohl die Symptomkontrolle als auch den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität beeinflusst. Eine ausgewogene Ernährung ist entscheidend, um Mangelernährung vorzubeugen, die bei Parkinson-Patienten häufig vorkommt. Gleichzeitig ist es wichtig, die Interaktion zwischen bestimmten Nährstoffen, insbesondere Eiweiß, und der Wirkung von Levodopa zu berücksichtigen.
Mangelernährung bei Parkinson
Parkinson-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Gewichtsverlust und Mangelernährung. Es wird eine Prävalenz von 22 bis 23 % angegeben. Besonders gefährdet sind Patienten mit höherem Alter bei Diagnosestellung, mit höherer Levodopa-Äquivalent Tagesdosis pro Körpergewicht, mit bestehenden Angstzuständen und Depressionen sowie allein lebende Patienten. Gewichtsverluste und Mangelernährung werden mit einem Anstieg des Energieverbrauchs bei Auftreten bzw. Verschlimmerung von Dyskinesien und Rigidität assoziiert, der nicht durch Nahrungsaufnahme kompensiert wird. Auch gastrointestinale Dysfunktionen, die mit der Erkrankung einhergehen (z. B. Obstipation, Dysphagie) können Einfluss auf die Energiebilanz haben. Kann eine angemessene Nährstoffzufuhr über die Nahrung nicht gewährleistet werden, ist für viele Patienten eine Anreicherung der Nahrung bzw. auch eine orale Trinknahrung erforderlich.
Häufig verlieren Parkinson-Patientinnen und Patienten an Körpergewicht. Sie haben weniger Appetit und Schwierigkeiten beim Essen, zum Beispiel aufgrund von Schluckstörungen und Verdauungsproblemen. Die Ausprägung der Parkinson-Erkrankung kann beim Überwiegen von Steifigkeit und Unbeweglichkeit zudem mit einer verminderten Kalorienaufnahme einhergehen, weshalb in jedem Fall eine Kontrolle des Körpergewichts erfolgen sollte. Patientinnen und Patienten, deren Krankheitsbild durch starkes Zittern gekennzeichnet ist, weisen häufig einen erhöhten Stoffwechselumsatz auf und verlieren auch durch die ständige Muskelaktivität an Gewicht. Überbewegungen können ebenfalls zu Gewichtsverlust führen. Eine gesunde und ausgewogene Kost ist auch nötig, damit der Körper mit Ballaststoffen, wichtigen Nährstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen versorgt wird. Das hilft nicht nur dabei, so weit wie möglich bei Kräften zu bleiben, sondern dient auch der Vermeidung von Begleiterkrankungen wie Osteoporose, die durch die körperliche Inaktivität begünstigt werden. Daher ist die Aufnahme von Vitamin D, K, Kalzium und Magnesium wichtig. Ballaststoffe verbessern außerdem die Verdauung und wirken so einer Verstopfung entgegen.
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Die Rolle von Levodopa in der Parkinson-Therapie
Seit über 50 Jahren ist Levodopa (L-Dopa) der Goldstandard in der Parkinson Therapie. Bei L-Dopa handelt es sich um einen Präkursor, der die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann und dann im Gehirn in seiner aktiven Form Dopamin zur Verfügung steht. Levodopa weist strukturelle Ähnlichkeiten zu aromatischen Aminosäuren wie Phenylalanin, Tyrosin und Tryptophan, sog. großen neutralen Aminosäuren (LNAA - large neutral aminoacids) auf und wird im proximalen Darm und der Blut-Hirn-Schranke von denselben Transportproteinen aufgenommen.
Die Wechselwirkung zwischen Levodopa und Eiweiß
Bei gemeinsamer Einnahme von Levodopa mit proteinreicher Nahrung (z. B. Fisch, Fleisch oder Milchprodukten) kommt es zu einer Konkurrenzsituation an den Transportern. Besonders relevant für Fluktuationen in den Levodopa-Spitzenkonzentrationen scheint der beeinträchtigte Übertritt an der Blut-Hirn-Schranke zu sein. Die intestinale Aufnahme ist vermutlich weniger durch die Konkurrenzsituation am Transporter als vielmehr durch gastrointestinale Dysfunktionen beeinträchtigt. Bei dieser Wechselwirkung zwischen Arzneimittel und Nahrung können signifikant gesenkte Spitzenplasmakonzentrationen von L-Dopa, im Schnitt von 30 % resultieren. Dies kann sich in einem reduzierten Therapieansprechen äußern (z. B. Abnahme der motorischen Fähigkeiten, Bradykinesien).
L-Dopa besitzt große Ähnlichkeit zu Eiweißbausteinen. Es kann mit Eiweißbestandteilen aus der Nahrung um die Aufnahme durch den Magen-Darm-Trakt konkurrieren. Daher kann es passieren, dass eingenommenes L-Dopa nicht vollständig ins Blut gelangt, wenn in einem bestimmten Zeitfenster gleichzeitig eiweißreiche Nahrung verzehrt wird. L-Dopa-Medikamente müssen daher mindestens eine halbe Stunde vor oder 90 Minuten nach dem Essen eingenommen werden.
Strategien zur Optimierung der Levodopa-Wirkung
Um die Wirkung von Levodopa zu optimieren und Wirkungsschwankungen zu minimieren, gibt es verschiedene diätetische Ansätze.
Timing der Eiweißzufuhr
Gemäß der ESPEN-Leitlinie klinische Ernährung in der Neurologie soll Levodopa mindestens 30 Minuten vor den Mahlzeiten eingenommen werden. Die Abstandsempfehlungen nach einer Mahlzeit schwanken, je nach Quelle, von 1 bis 2 Stunden. Falls die Nüchtern-Einnahme Übelkeit verursacht, kann ein (proteinarmer) Imbiss zur Medikation eingenommen werden z. B. Cracker oder Toast. Kleinere Mengen Eiweiß zeigten in Untersuchungen keinen relevanten Einfluss auf die Pharmakokinetik von L-Dopa.
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Levodopa sollte idealerweise mindestens in einem Abstand von einer halben Stunde vor, bzw. anderthalb Stunden nach dem Essen eingenommen werden. Zusätzlich sollte die notwendige Eiweißmenge in kleinen Portionen über den Tag verteilt aufgenommen werden und nicht in einer großen Mahlzeit.
Protein-Umverteilungs-Diät
Kommt es weiterhin zu motorischen Fluktuationen, kann eine Protein-Umverteilungs-Diät erwogen werden. Das bedeutet, der Patient nimmt den größten Anteil seiner täglichen Proteinmenge am Abend während des medikationsfreien Intervalls zu sich. Allerdings sollten Patienten darauf hingewiesen werden, keinesfalls auf Proteine zu verzichten, denn aufgrund fehlender Evidenz wird eine strikte proteinarme Diät (< 0,8 g/kg/KG) nicht empfohlen.
Eiweißarme Trinknahrung
Bei drohender bzw. vorliegender Mangelernährung kann eine spezielle hochkalorische, aber eiweißarme Trinknahrung, die ursprünglich für Patienten mit Nierenproblemen vorgesehen ist, eine Möglichkeit darstellen. Grundsätzlich ist auch eine regelmäßige Beurteilung des Ernährungszustandes (Körpergewicht) sowie diätetische Schulung für Parkinson-Patienten empfehlenswert.
Weitere Ernährungsempfehlungen
- Ausgewogene Ernährung: Eine gesunde Ernährung sollte abwechslungsreich und ausgewogen sein. Essen Sie aus allen Lebensmittelgruppen: Lebensmittel aus dem grünen Bereich reichlich, aus dem gelben Bereich mäßig und aus dem roten Bereich sparsam.
- Ballaststoffreiche Ernährung: Ballaststoffe spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung einer gesunden Verdauung und der Vorbeugung von Verstopfung. Nehmen Erkrankte nicht genügend Ballaststoffe und Flüssigkeit über die Ernährung auf, und bewegen sich außerdem nicht ausreichend, verstärken sich meist die Verdauungsprobleme. Die DGE empfiehlt 30 g Ballaststoffe am Tag.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Über den Tag verteilt sollten Parkinsonerkrankte, genau wie gesunde Menschen, ausreichend trinken: Die DGE empfiehlt 1,5 bis 2 Liter. Die Flüssigkeit sorgt dafür, dass die Ballaststoffe aufquellen, sich dadurch das Stuhlvolumen vergrößert und die Darmtätigkeit angeregt wird.
- Mediterrane Ernährung: Eine gute Basis für eine ausgewogene Ernährung bietet die mediterrane Küche. Hierbei handelt es sich um eine traditionell in Mittelmeerländern verbreitete Art der Auswahl und Zubereitung von Speisen, die v. a. durch einen hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln gekennzeichnet ist.
Umgang mit spezifischen Ernährungsproblemen bei Parkinson
Parkinson-Patienten können verschiedene Verdauungsprobleme entwickeln, die die Nahrungsaufnahme erschweren. Zu den häufigsten gehören:
- Schluckstörungen (Dysphagie): Bei Schluckstörungen ist eine Anpassung der Kostform (z. B. angedickte Flüssigkeiten, pürierte Speisen) erforderlich, ggf. diePatientinnen und Patienten können eine spezielle Kost, eine sogenannte Dysphagie- oder Breikost empfohlen werden, bzw. die Vermeidung der Aufnahme großer Essensstücke. Manche Betroffene berichten wiederum, dass feste Nahrung besser geschluckt werden könne als flüssige. Als ungeeignet erweisen sich meist Speisen von körniger, trockener, faseriger oder harter Konsistenz - sie sind beim Kauen schwerer kontrollierbar bzw. schwer zu kauen. Bei flüssigen Speisen kommt es häufig zum Verschlucken. Besonders ungünstig sind Mischkonsistenzen wie klare Suppe mit Einlagen, denn der flüssige Teil fließt schnell, die festen Teile bleiben hängen.
- Verstopfung (Obstipation): Neben der bereits genannten ballaststoffreichen Ernährung sind eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige Bewegung dringend erforderlich. Gegebenenfalls können Probiotika oder Abführmittel (z.B. Um den Verstopfungen entgegenzuwirken, ist die Aufnahme einer ballaststoffreichen Ernährung sinnvoll. Ballaststoffe werden vom Körper nicht verdaut, nehmen aber im Darm durch Wasseraufnahme an Volumen zu und erhöhen somit den Druck auf die Darmwände - was wiederum für eine beschleunigte Verdauung sorgt. Dies trifft insbesondere für faserreiche pflanzliche Nahrungsmittel zu. Dazu zählen Gemüse, Getreide und Obst, die einen unterschiedlich hohen Anteil an Faserstoffen enthalten. Damit Ballaststoffe ihre beabsichtigte Wirkung entfalten, ist die gleichzeitige Aufnahme von Wasser erforderlich.
- Verminderter Geruchs- und Geschmackssinn: Parkinson-Patientinnen und Patienten leiden aufgrund ihrer Krankheit häufig unter vermindertem Geruchs- und Geschmackssinn. Das schmälert den Appetit und den Genuss am Essen. Gewürze und Kräuter in einem Mörser fein zermahlen - das regt den Geruchssinn an. Geben Sie einen kleinen Schuss Olivenöl zu zerkleinerten oder pürierten Speisen.
Fallbeispiel: Herr Schmitt und seine Wirkungsschwankungen
Bei Ihrem 80-jährigen Parkinson-Patienten, Herrn Schmitt, wurde während eines zurückliegenden Krankenhausaufenthalts ein zu niedriges Körpergewicht festgestellt. Ihm wird eine hochkalorische Trinknahrung als tägliche Ergänzung zu den Mahlzeiten empfohlen. An den genauen Produktnamen konnte sich der Patient nicht mehr erinnern - in der Apotheke wird ihm eine hochkalorische und eiweißreiche Standardtrinknahrung passend für den erhöhten Proteinbedarf von Senioren empfohlen. Herr Schmitt trinkt sie 2mal täglich jeweils zwischen den Mahlzeiten. Zur Dauermedikation Ihres Patienten zählen u. a. schnell lösliches Levodopa (06:00 h), Levodopa / Carbidopa 100 / 25 mg unretardiert (07:00 h - 11:00 h - 16:00 h), Levodopa / Carbidopa 200 / 50 mg retardiert (22:30 h). Nach zwei Wochen stellt sich der Patient in Ihrer Praxis vor und berichtet, dass er mit neuen Wirkungsschwankungen von Levodopa zu kämpfen hat. Bereits weit vor der nächsten Levodopa Einnahme bemerkt er ungewohnte motorische Einschränkungen.
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Da Herr Schmitt die hochkalorische und zudem eiweißreiche Trinknahrung zwischen den Mahlzeiten zu sich nimmt, sind die Einnahmeabstände zu seiner Levodopa Medikation zu gering. Es kommt zu einer verringerten Levodopa-Wirksamkeit, was sich bei ihrem Patienten in Form von motorischen Einschränkungen bemerkbar macht.
In diesem Fall ist es wichtig, Herrn Schmitt den Zusammenhang zwischen den Wirkungsfluktuationen und seiner eiweißreichen Trinknahrung zu erläutern. Sie erinnern ihn an die nüchterne Einnahme seiner Levodopa-Arzneimittel und vermerken die Einnahmehinweise auf seinem Medikationsplan. Zudem empfehlen Sie ihm den Wechsel seiner Trinknahrung auf ein eiweißarmes, aber hochkalorisches Produkt.
Fazit
Die Wirkung von Levodopa kann durch diätetische Ansätze optimiert und Nebenwirkungen reduziert werden. Eine ausführliche Aufklärung von Patienten und ggf. Angehörigen, sowie eine genaue Dokumentation, am besten mit angegebenen Uhrzeiten auf dem Medikationsplan, können es vereinfachen, Medikamenteneinnahme und Mahlzeiten abzustimmen.
Eine gezielte und bewusste Ernährung kann einen großen Unterschied im Leben einer Person mit Parkinson machen. Es gibt keine spezielle Ernährung oder Diät, die bei Parkinson eine Heilung bewirken kann. Dennoch ist es mit einer zielgerichteten Kost und bestimmten Maßnahmen oft möglich, die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern und auch den Genuss und die Freude am Essen wiederzufinden. Eine enge Zusammenarbeit mit einem Arzt und einer Ernährungsfachkraft ist entscheidend, um eine individuelle Ernährungsstrategie zu entwickeln, die den Bedürfnissen und Vorlieben des Patienten entspricht.
Wichtige Hinweise
- Parkinson-Medikamente, insbesondere das häufig eingesetzte Präparat L-Dopa sollen idealerweise auf nüchternen Magen und mind. 30 Minuten vor der nächsten Mahlzeit eingenommen werden.
- L-Dopa auch nicht mit eiweißhaltigen Getränken (z. B. Molke, Kefir, Buttermilch) eingenommen werden sollte und dass auch einige vermeintlich „unverdächtige“ Nahrungsmittel hohe Mengen an Eiweiß enthalten können (z. B.
- Sowohl eine Schluckstörung als auch eine Störung der Magenentleerung können dazu beitragen, dass die Medikamente gar nicht oder nur sehr verzögert im Dünndarm ankommen und damit auch die Wirkung nur mit großer Verzögerung eintreten kann.