Epilepsie ohne Sichtbarkeit im EEG: Aktuelle Forschung und innovative Ansätze

Einleitung

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Die Diagnose und Behandlung von Epilepsie stützt sich stark auf die Erfassung und Interpretation von Hirnströmen mittels Elektroenzephalographie (EEG). Allerdings verlaufen viele epileptische Anfälle unbemerkt, was die Diagnose und Therapie erschwert. Aktuelle Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung neuer Methoden zur Erkennung von Anfällen, die im herkömmlichen EEG nicht sichtbar sind.

Das Problem unbemerkter epileptischer Anfälle

Viele Patienten mit Epilepsie erleben Anfälle, die sie selbst nicht bemerken. Dies kann verschiedene Gründe haben:

  • Beeinträchtigtes Bewusstsein: Während mancher Anfälle ist das Bewusstsein des Patienten eingeschränkt oder vollständig aufgehoben.
  • Gedächtnisverlust: Nach einem Anfall kann es zu Gedächtnislücken kommen, sodass sich der Patient nicht an den Anfall erinnern kann.
  • Subtile Symptome: Manche Anfälle äußern sich durch sehr subtile Symptome, die vom Patienten und seinem Umfeld leicht übersehen werden.

Diese unbemerkten Anfälle stellen ein erhebliches Problem dar, da sie die Beurteilung der Erkrankungsschwere erschweren und zu falschen therapeutischen Entscheidungen führen können. Patienten können dem behandelnden Arzt nur ein unvollständiges Bild ihrer Anfallshäufigkeit und -form geben, was die Anpassung der Medikation und anderer Behandlungsstrategien erschwert.

Der Goldstandard und seine Grenzen

Der Goldstandard zur Bestimmung der Anfallshäufigkeit und -form ist das Langzeit-Video-EEG-Monitoring. Bei dieser Methode werden die Hirnströme des Patienten über einen längeren Zeitraum (oft mehrere Tage) kontinuierlich aufgezeichnet, während gleichzeitig sein Verhalten per Video dokumentiert wird. Dies ermöglicht es, Anfälle zu identifizieren und ihre klinischen Merkmale mit den EEG-Veränderungen in Verbindung zu bringen.

Allerdings ist das Langzeit-Video-EEG-Monitoring mit erheblichem Aufwand verbunden und kann in der Regel nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden. Dies ist für die Patienten oft belastend und schränkt ihre Lebensqualität ein. Zudem ist die Verfügbarkeit von Langzeit-Video-EEG-Monitoring begrenzt, was zu langen Wartezeiten führen kann.

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Innovative Forschungsansätze: Seize-IT2-Studie

Um die Erkennung unbemerkter epileptischer Anfälle zu verbessern, werden derzeit innovative Forschungsansätze verfolgt. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung tragbarer Sensoren, die kontinuierlich physiologische Daten erfassen und Anfälle erkennen können. Ein Beispiel für eine solche Studie ist die Seize-IT2-Studie.

Ziele und Design der Seize-IT2-Studie

Seize-IT2 ist eine prospektive, offene Studie, die darauf abzielt, die Wirksamkeit eines tragbaren Sensors zur Anfallserkennung im Vergleich zum Video-EEG zu evaluieren. In die Studie werden Patienten mit refraktärer typischer Absenz, fokaler Bewusstseinsstörung und/oder tonisch-klonischen Anfällen eingeschlossen, die für eine Langzeit-Video-EEG-Aufzeichnung ihrer Anfälle ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die Patienten werden eingeladen, sich einer begleitenden Aufzeichnung ihrer Anfälle mit einem oder zwei 2-Kanal-Biopotential- und Bewegungsaufzeichnungs-Wearables (Sensor Dot) zu unterziehen. Ein Wearable wird zur Aufzeichnung von zwei Kanälen des EEG hinter den Ohren verwendet. Ein optionales Wearable kann auch zur Aufzeichnung von je einem Kanal der Elektrokardiographie (EKG) und der Elektromyographie (EMG) bei bestimmten Patientengruppen eingesetzt werden.

Datenauswertung und Vergleich

Die klinischen Prüfer werden die per Video-EEG aufgezeichneten Anfälle nach ihrem üblichen klinischen Protokoll annotieren. Die Daten werden dann von den Studienforschern analysiert, die gegenüber den Patientendaten einschließlich Demographie, Anfallsarten, Epilepsiesyndrom und Ort der Datenerfassung verblindet sind.

Der Vergleich der Anfallskommentare aus den verschiedenen Datenquellen ermöglicht die Berechnung eines F1-Scores für jeden Anfallstyp, sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf. Der F1-Score ist ein Maß für die Genauigkeit eines Tests und berücksichtigt sowohl die Sensitivität (die Fähigkeit, tatsächlich vorhandene Anfälle zu erkennen) als auch die Spezifität (die Fähigkeit, keine Anfälle zu erkennen, wenn keine vorhanden sind).

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Primäre und sekundäre Endpunkte

Der primäre Endpunkt der Studie ist die Bestimmung des F1-Scores von Anfallsannotationen auf der Grundlage von Daten aus dem Wearable (Sensor Dot) im Vergleich zum Video-EEG für:

  • Abwesenheitsanfällen
  • fokal nicht bewusst erlebten Anfälle
  • tonisch-klonischen Anfällen während des Wachseins und Schlafs

Sekundäre Endpunkte umfassen:

  • Vergleich von Anfallsannotationen auf der Grundlage von Daten aus dem Wearable (Sensor Dot) mit der vom Patienten dokumentierten Anfallshäufigkeit (e-Anfallskalender) für Abwesenheitsanfälle, fokal nicht bewusst erlebten Anfälle und tonisch-klonischen Anfälle während des Wachseins und Schlafs
  • Beurteilung der Anfallsdauer

Einschlusskriterien

An der Seize-IT2-Studie können folgende Personen teilnehmen:

  • Erwachsene (>18 Jahre), die ihre Einwilligung nach Aufklärung erteilt haben. Erwachsene, die nicht in der Lage sind, ihre Einwilligung zu erteilen, oder Analphabeten können teilnehmen, sofern ein Betreuer oder ein Bevollmächtigter in Kenntnis der Sachlage seine Einwilligung geben kann.
  • Kinder (4-18 Jahre), sofern ein Elternteil seine Einwilligung geben kann.
  • Patienten mit Implantaten (z.B. Herzschrittmachern) können ebenfalls teilnehmen.

Beteiligte Zentren

Die Seize-IT2-Studie wird an mehreren Zentren durchgeführt, darunter:

  • Department of Neurology, UZ Leuven
  • Universitätsklinikum Freiburg, Epilepsiezentrum

Die Ethik-Kommission der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg überwacht die Einhaltung ethischer Standards in der Studie.

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Tragbare Sensoren: Eine neue Ära der Anfallserkennung

Die Entwicklung tragbarer Sensoren zur Anfallserkennung stellt einen vielversprechenden Fortschritt in der Epilepsiebehandlung dar. Diese Sensoren bieten mehrere Vorteile gegenüber herkömmlichen Methoden:

  • Kontinuierliche Überwachung: Tragbare Sensoren können die Hirnströme und andere physiologische Parameter des Patienten kontinuierlich im Alltag erfassen. Dies ermöglicht die Erkennung von Anfällen, die im Rahmen einer kurzzeitigen EEG-Aufzeichnung möglicherweise übersehen würden.
  • Hohe Benutzerfreundlichkeit: Tragbare Sensoren sind in der Regel klein, leicht und einfach zu bedienen. Dies ermöglicht es den Patienten, sie unauffällig im Alltag zu tragen, ohne ihre Lebensqualität einzuschränken.
  • Objektive Daten: Tragbare Sensoren liefern objektive Daten über die Anfallshäufigkeit und -form. Dies kann dem behandelnden Arzt helfen, die Erkrankungsschwere besser einzuschätzen und die Therapie entsprechend anzupassen.

Die Rolle des EEGs in der Epilepsiediagnostik

Trotz der Entwicklung neuer Methoden zur Anfallserkennung bleibt das EEG ein unverzichtbares Instrument in der Epilepsiediagnostik. Das EEG ermöglicht es, die Hirnströme des Patienten zu visualisieren und charakteristische Veränderungen zu erkennen, die auf eine Epilepsie hindeuten.

Standard-EEG und seine Grenzen

Ein Routine-EEG ist zwar Standard in der Abklärung eines ersten nicht provozierten Anfalls, weist aber eine geringe Sensitivität auf. Das bedeutet, dass ein normales Routine-EEG eine Epilepsie nicht ausschließen kann.

Video-EEG-Monitoring als Goldstandard

Das Video-EEG-Monitoring ist der Goldstandard zur Diagnose und Klassifizierung von Epilepsie. Es ermöglicht die gleichzeitige Aufzeichnung der Hirnströme und des Verhaltens des Patienten, was die Identifizierung von Anfällen und die Zuordnung von EEG-Veränderungen zu klinischen Symptomen erleichtert.

Langzeit-EEG-Monitoring

Das Langzeit-EEG-Monitoring ist eine spezielle Form des Video-EEG-Monitorings, bei der die Hirnströme des Patienten über einen längeren Zeitraum (oft mehrere Tage) kontinuierlich aufgezeichnet werden. Dies ermöglicht die Erkennung von seltenen Anfällen und die Beurteilung der Anfallshäufigkeit und -form im Alltag des Patienten.

Differenzialdiagnose: Nicht alles, was zuckt, ist ein epileptischer Anfall

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle anfallsartigen Ereignisse epileptische Anfälle sind. Man schätzt, dass zehn bis zwanzig Prozent aller Menschen, die wegen des Verdachts auf Epilepsie behandelt werden, tatsächlich keine epileptischen Anfälle haben, sondern an anderen „anfallsartigen“ Störungen leiden.

Psychogene nicht-epileptische Anfälle

Psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNEA) sind Anfälle, die psychischen Ursprungs sind und nicht durch abnorme Hirnaktivität verursacht werden. PNEA können epileptischen Anfällen sehr ähnlich sehen, werden aber durch psychische Belastungen oder Traumata ausgelöst.

Synkopen

Synkopen sind plötzliche, kurzzeitige Bewusstseinsverluste, die durch eine vorübergehende Minderdurchblutung des Gehirns verursacht werden. Synkopen können ebenfalls anfallsartig verlaufen und mit Muskelzuckungen einhergehen, was sie von epileptischen Anfällen schwer zu unterscheiden macht.

Andere anfallsartige Störungen

Neben PNEA und Synkopen gibt es noch weitere anfallsartige Störungen, die mit epileptischen Anfällen verwechselt werden können, darunter Schlafstörungen, Bewegungsstörungen und Migräne.

Therapie der Epilepsie

Die Epilepsie-Behandlung der ersten Wahl ist in den meisten Fällen eine medikamentöse Therapie mit Antiepileptika. Welches Medikament am besten geeignet ist, hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten, Begleiterkrankungen und anderen individuellen Faktoren ab.

Antiepileptika

Antiepileptika wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen. Sie sorgen dafür, dass die Reizweiterleitung der Nerven gehemmt und die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindert wird. Im Wesentlichen werden zwei Wirkmechanismen unterschieden: Die Blockierung epileptischer Impulse sowie das Verhindern der Ausbreitung epileptischer Aktivität.

Pharmakoresistenz

Bei etwa 30 Prozent der Patienten mit Epilepsie gelingt es nicht, mit Medikamenten eine Anfallsfreiheit zu erreichen. In diesen Fällen spricht man von einer Pharmakoresistenz. Bei pharmakoresistenter Epilepsie kommen alternative Behandlungsoptionen in Betracht, wie z.B. die Epilepsiechirurgie oder die Neurostimulation.

Epilepsiechirurgie

Die Epilepsiechirurgie ist eine erprobte und anerkannte Behandlungsform für pharmakoresistente Epilepsie. Ziel der Operation ist es, die epileptogene Zone im Gehirn, also den Bereich, der die Anfälle auslöst, zu entfernen oder zu isolieren.

Neurostimulation

Die Neurostimulation ist eine weitere Behandlungsoption für pharmakoresistente Epilepsie. Bei der Neurostimulation werden bestimmte Hirnstrukturen oder Nerven mit elektrischen Impulsen stimuliert, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.

Postiktuale Störungen und Spreading Depolarization (SD)

Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass postiktuale Störungen, also Symptome, die nach einem epileptischen Anfall auftreten, möglicherweise nicht direkt durch den Anfall selbst verursacht werden, sondern durch anfallsassoziierte Depolarisationswellen, auch Spreading Depolarization (SD) genannt.

Spreading Depolarization (SD)

Spreading Depolarization (SD) ist ein Phänomen, bei dem es zu einem Zusammenbruch des neuronalen Membranpotentials und zu dem Ausfall des betroffenen Netzwerks für Minuten bis Stunden kommt. SD ist hauptsächlich durch neurologische Erkrankungen wie Migräne oder akute Gehirnverletzungen bekannt.

SD und postiktuale Störungen

Die Bonner Forschungsgruppe um Prof. Heinz Beck hat Hinweise darauf gefunden, dass anfallsassoziierte SD auch in tiefen menschlichen Hirnregionen existieren und möglicherweise eine Rolle bei der Entstehung postiktualer Störungen spielen.

Herausforderungen und Ausblick

Die Forschung im Bereich der Epilepsie hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dennoch gibt es noch viele Herausforderungen zu bewältigen. Eine der größten Herausforderungen ist die Erkennung unbemerkter epileptischer Anfälle. Hier bieten tragbare Sensoren und andere innovative Technologien vielversprechende Möglichkeiten.

Ein weiteres wichtiges Forschungsgebiet ist die Aufklärung der Mechanismen, die zur Entstehung von Epilepsie und epileptischen Anfällen führen. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen könnte zur Entwicklung neuer und effektiverer Therapien führen.

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