Fremdsprachenlernen ist mehr als nur das Pauken von Vokabeln und Grammatikregeln. Es ist ein umfassendes Gehirntraining, das verschiedene Areale aktiviert und so die kognitive Leistungsfähigkeit steigert. Studien zeigen, dass Mehrsprachigkeit nicht nur die Konzentration und Kreativität fördert, sondern auch vor altersbedingtem kognitiven Abbau schützen kann.
Die spielerische Leichtigkeit des kindlichen Lernens
Ein Kind, das mühelos Memory-Kartenpaare aufdeckt, während sich die Mutter schwertut, illustriert einen wichtigen Unterschied im Lernansatz. Kinder erfassen das große Ganze und merken sich Details intuitiv, während Erwachsene oft versuchen, mit Rationalität an Aufgaben heranzugehen. Dieser spielerische, ganzheitliche Ansatz ist auch beim Fremdsprachenlernen von Vorteil.
"Use it or lose it": Das Gehirn als Kommode oder Stadt-Land-Fluss-Spiel
Vera F. Birkenbihl prägte den Ausdruck "Use it or lose it", um die Notwendigkeit regelmäßiger geistiger Aktivität zu beschreiben. Wissen und verschiedene Gehirnareale müssen regelmäßig genutzt werden, um ihre Funktion zu erhalten. Birkenbihl vergleicht das Gehirn mit einer Kommode voller Schubladen: Je öfter eine Schublade geöffnet wird, desto leichter geht es. Wird sie lange nicht benutzt, "verrosten" die Schienen. Auch das Stadt-Land-Fluss-Spiel veranschaulicht dies: Anfangs fällt es schwer, die Liste auszufüllen, aber mit der Zeit wird es leichter.
Die Bedeutung des Stirnhirns und sinnvoller Übungen
Typische Gedächtnistrainings wie Kreuzworträtsel sind oft wenig effektiv, da sie automatisiert ablaufen und das Stirnhirn nicht einbeziehen. Nur wenn das Stirnhirn aktiv ist, profitiert man von einem Trainingseffekt. Dies erkennt man an der Ermüdung. Der Neuropsychologe Lutz Jäncke empfiehlt, mit zunehmendem Alter Aufmerksamkeit und Konzentration zu trainieren. Sinnvolle Übungen sind beispielsweise, sich beim Warten an einer roten Ampel den zurückgelegten Weg in Gedanken zurückzurufen.
Fremdsprachenlernen als sinnvolles Gehirntraining
Das, was man sich zu merken versucht, sollte einen Sinn ergeben. Zahlenreihen auswendig zu lernen ist wenig sinnvoll. Das Erlernen einer neuen Sprache hingegen ist ein effektives Gedächtnistraining, da es viele verschiedene Gehirnareale aktiviert. Es trainiert das Gehirn fast so, als hätte es plötzlich einen "Super-Bizeps". Diese trainierten mentalen Muskeln steigern die Konzentration, fördern Kreativität und analytisches Denken, verbessern das Gedächtnis und die Fähigkeit zu planen und zu argumentieren.
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Spaß am Lernen: Der Schlüssel zum Erfolg
Wichtig ist, dass das Gehirntraining Spaß bereitet. Wenn man Spaß hat, setzt das Gehirn Neurotransmitter wie Dopamin frei, was den Lernprozess unterstützt. Sich stundenlang Vokabeln einzutrichtern ist nicht die empfohlene Lernmethode. Stattdessen sollte man die Sprache spielerisch entdecken, beispielsweise durch das Ansehen von Videos mit Wort-für-Wort-Übersetzung. So lernt man die Bedeutung der Wörter, ihre Anwendung, die Grammatik und kulturelle Aspekte ganz nebenbei.
Die einzigartige Fähigkeit des Menschen zur komplexen Sprache
Menschenaffen können zwar Werkzeuge benutzen und sich mit Lauten verständigen, aber nur der Mensch ist in der Lage, Wörter nach bestimmten Regeln zusammenzusetzen und komplexe Sätze zu bilden. Um eine Fremdsprache zu erlernen, nutzt das Gehirn Strukturen, die es bereits für die Muttersprache angelegt hat.
Die Rolle des Broca- und Wernicke-Areals
Neurowissenschaftler haben zwei Sprachregionen identifiziert, mit denen wir bereits zur Welt kommen:
- Das Broca-Areal im linken Stirnlappen ist für den Satzbau (Syntax) zuständig.
- Das Wernicke-Areal im linken Schläfenlappen verarbeitet die Bedeutung von Wörtern und Sätzen (Semantik).
Schon Säuglinge nutzen die Wernicke-Region, um Wörter zu erlernen und abzuspeichern. Mit etwa sechs Monaten können sie Gegenständen Begriffe zuordnen und sogar Fehler erkennen. Dreijährige verstehen einfache Sätze mühelos, während komplexere Sätze wie "Den Hasen fängt der Fuchs" erst mit etwa zehn Jahren verstanden werden, da sich die beiden Sprachregionen erst miteinander verbinden müssen.
Der Lernprozess beim Fremdsprachenerwerb
Beim Fremdsprachenlernen laufen ähnliche Prozesse ab wie beim Erlernen der Muttersprache. Zunächst ist das Wernicke-Areal aktiv, und man versucht, die Bedeutung von Wörtern anhand von Mimik und Gestik zu verstehen und neue Vokabeln abzuspeichern. Sobald ein Basis-Wortschatz vorhanden ist, achtet man verstärkt auf grammatikalische Strukturen, wodurch sich das Broca-Areal stärker zuschaltet.
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Die Vorteile der Zweisprachigkeit
Lange Zeit wurde angenommen, dass Zweisprachigkeit Kinder vom Lernen abhält. Eine Studie aus Kanada zeigte jedoch, dass zweisprachige Kinder in Intelligenztests besser abschnitten als einsprachige Kinder. Seitdem haben Wissenschaftler weitere Vorteile des Fremdsprachenlernens entdeckt.
Schutz vor altersbedingtem kognitiven Abbau
Mehrsprachigkeit trainiert das Gehirn und erleichtert das Wechseln zwischen Aufgaben. Studien zeigen, dass bilinguale Senioren mehr intakte weiße Substanz im Gehirn aufweisen als einsprachige Senioren. Das permanente Sprachwechseln verlangsamt Abbauprozesse im Alter und kann Demenzerkrankungen um vier bis fünf Jahre hinauszögern. Dieser schützende Effekt tritt auch dann ein, wenn man erst spät mit Fremdsprachen beginnt.
Neue Erkenntnisse zur Vorbeugung von beschleunigtem Altern
Eine neue Studie des Trinity College Dublin hat gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig mehr als eine Sprache verwenden, seltener Anzeichen von beschleunigtem Altern zeigen. Der Schutzeffekt war dosisabhängig, d.h. je mehr Sprachen gesprochen wurden, desto größer war der Effekt. Die Forschenden vermuten, dass der ständige Wechsel zwischen Sprachen eine Art "Gehirntraining" darstellt, das wichtige kognitive Netzwerke aktiv hält.
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