Gerald Hüther: Selbstheilungskräfte des Gehirns und die Demenz-Falle

Die Demenzforschung geht aktuell davon aus, dass Demenz durch altersbedingte Abbauprozesse und Ablagerungen im Gehirn verursacht wird. Gerald Hüther, ein renommierter Hirnforscher, stellt diese Vorstellung jedoch in Frage und argumentiert, dass die Unterdrückung der Regenerations- und Kompensationsfähigkeit des Gehirns der entscheidende Faktor bei der Entstehung von Demenz ist.

Gerald Hüther: Ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis

Prof. Dr. Gerald Hüther, geboren 1951, ist einer der bekanntesten Entwicklungsbiologen und Hirnforscher Deutschlands. Als Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung verfasst er Sachbücher, hält Vorträge, berät Politiker und Unternehmer und ist ein gefragter Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen. Sein Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse mit der gesellschaftlichen und individuellen Lebenspraxis zu verbinden, um günstige Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potentiale zu schaffen. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Förderung der angeborenen Begeisterung von Kindern fürs Lernen. Hüther ist Autor mehrerer Bestseller, darunter »Jedes Kind ist hoch begabt« und »Raus aus der Demenz-Falle!«.

Die Kritik an der klassischen Demenzforschung

Ausgehend von einer Langzeitstudie an nordamerikanischen Nonnen, die ihr Leben in einer Klostergemeinschaft verbrachten und beruflich tätig waren, kritisiert Hüther die bisherigen Paradigmen der klassischen Demenzforschung. Er sieht ein stabiles oder defektes Kohärenzgefühl als zentral für den Beginn dementieller Prozesse und für den Ansatz, dem Fortschreiten entgegenzuwirken. Von der Kritik am vorherrschenden Paradigma kommt er zu „nicht-medikamentösen Interventionsmöglichkeiten“.

Die Nonnenstudie als Ausgangspunkt

Die Nonnenstudie von David Snowdon, die seit 1986 läuft, zeigte, dass der Zusammenhang zwischen dem zerstörten Gehirn und der Symptomatik der Alzheimer-Erkrankung nur in einem geringen Teil der Fälle besteht. In vielen Fällen gab es keine oder nur lose Korrelationen. Die Nonnen wurden aufgrund ihrer homogenen Lebensumstände, ihrer hohen Bildung und ihrer regelmäßigen intellektuellen und körperlichen Betätigung ausgewählt.

Die Starrheit der medizinischen Forschung

Hüther kritisiert die Starrheit der medizinischen Forschung, die sich auf den pathologischen Prozess in der Zelle konzentriert und den Gesamtzusammenhang ausblendet. Er bezieht die Ergebnisse der neurologischen Grundlagenforschung mit ein, die zeigen, dass sich das Gehirn stetig umbaut und nicht nur die synaptische Struktur änderungsfähig ist, sondern sogar Nervenzellen neu entstehen und Funktionen übernehmen können.

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Die Schwierigkeit des Wandels in der Demenzforschung

Die Erkenntnisse aus der Hirn- und Gedächtnisforschung finden nur schwer Eingang in die Demenzforschung. Dies führt der Autor auf die traditionalistische Komponente der Institutionen zurück, die neuen Erkenntnissen zunächst skeptisch begegnen.

Das Kohärenzgefühl als Schlüssel zur Gesundheit

Hüther findet in der Medizin im Wesentlichen nur eine Theorie, die explizit die Gesundheit erforscht: Antonovskys Theorie der Salutogenese. Diese besagt, dass Gesundheit aus der Bewegung des Strebens von Inkohärenz weg und hin zur Kohärenz entsteht.

Die drei Komponenten des Kohärenzgefühls

Das Kohärenzgefühl umfasst drei Komponenten:

  1. Handhabbarkeit: Das Gefühl, dass Probleme prinzipiell lösbar sind.
  2. Verstehbarkeit: Das Gefühl, dass die Anforderungen aus der inneren und äußeren Welt strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind.
  3. Sinnhaftigkeit: Das Gefühl, dass die Anforderungen Herausforderungen sind, die Investition und Engagement verdienen.

Die Bedeutung von Angstfreiheit, Autonomie, Freiheit, Verbundenheit und Geborgenheit

Neben dem Bedürfnis nach Angstfreiheit identifiziert Hüther Autonomie, Freiheit, Verbundenheit und Geborgenheit als Antriebskräfte, die für ein Kohärenzgefühl sorgen. Er argumentiert, dass wir oft das Richtige wollen, es uns aber nicht richtig gelingt, weil wir die Neigung haben, das Richtige von Ersatzbefriedigungen zu erwarten.

Das Paradigma des Reparaturbetriebes und des Altersabbaus

Auch der theoretische Zugang zur Demenz als Erkrankung fällt unter das Verdikt des Vorurteils: das Paradigma des Reparaturbetriebes und des Altersabbaus.

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Einstellungen und Verhaltensweisen zur Stärkung des Kohärenzgefühls

Gerald Hüther macht einige Vorschläge, welche Einstellungen/Verhaltensweisen das Kohärenzgefühl stärken können:

  • Wer seinen Körper vernachlässigt, vernachlässigt auch sein Gehirn. Was gut ist für die Herzgesundheit, ist auch gut fürs Gehirn.
  • Wer sich selbst nicht mag, neigt dazu, sich und andere zu verlieren.
  • Wer sich nicht bewusst macht, wer er sein will, kann sich nur verlieren.

Jeder Merksatz wird noch einmal in den Kontext des Kohärenzgefühls, des Klosterlebens aber auch des Lebens außerhalb der Klostermauern gestellt.

Die Salutogenese in der Demenzforschung

Hüther unterstützt mit seinem Ansatz all jene, die sich seit Jahren dem Kranken und nicht der Krankheit zugewendet haben. Nicht das einzelne Gedächtnistraining oder Sudoku, sondern das Reden über die eigene Schulzeit, nicht das Tretfahrrad im noch erhaltenen Fitnessraum im Keller, sondern der gemeinsame Fahrradausflug mit „Gesunden“ und „Kranken“ sind angesagt.

Die Nonnenstudie und die Lebensweise der Nonnen

In den Kapiteln, in denen Hüther die Postulate mit den Berichten aus dem Kloster und der Lebensführung der Nonnen vergleicht und die Übereinstimmung beschreibt, wird deutlich, inwieweit die Theorie von der Salutogenese praktisch ist. Andererseits führt uns der Autor auch die Anforderungen der Lebenswelt vor Augen, die den Bürger und die Bürgerin im 21. Jahrhundert prägen.

Die Selbstheilungskräfte des Gehirns aktivieren

Der Neurobiologe Gerald Hüther behauptet, dass wir bei der Erklärung von Altersdemenz auf dem Holzweg sind: Entscheidend seien nicht zerstörerische Ablagerungen, sondern die mangelnde Erneuerung im Gehirn. Er ist der Meinung, dass wir nicht dement werden, weil unser Gehirn abbaut, sondern weil unsere Lebensweise so viele Menschen daran hindert, die Selbstheilungskräfte ihres Gehirns zu aktivieren und sich so vor Demenz zu schützen.

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Die Hauptaussagen von Gerald Hüther

  • Selbst degenerative Veränderungen müssen nicht zur Demenz führen.
  • Das Gehirn hat bis ins hohe Alter die Fähigkeit sich zu erneuern.
  • Die Selbstheilung des Gehirns benötigt eine „gute“ Umgebung.

Neuronen erneuern sich ein Leben lang

Das menschliche Gehirn ist nicht nur in jungen Jahren, sondern bis ins hohe Alter umbaufähig. Die sogenannte Neuroplastizität lässt neue Nervenzellen entstehen, es können sich neue Verbindungen zwischen Hirnzellen bilden. Sie können Vernetzungen ersetzen, die im gealterten oder geschädigten Hirn verloren gegangen sind.

Das Gehirn braucht günstige Bedingungen für die Regeneration

Die Regeneration des Gehirns gelingt nur, wenn jemand in einer Welt lebt, in der er sich wohlfühlt, in der er versteht, was vor sich geht, wo er geschätzt wird und mitgestalten kann.

Faktoren zur Stärkung der Selbstheilungskräfte im Alter

  • Gesünder leben: Bewusster, achtsamer sich selbst und anderen gegenüber, mehr im Einklang mit der Natur leben. Neugieriger auf die Umwelt sein und zuversichtlicher in die Zukunft blicken.
  • Den Körper nicht vernachlässigen: Störungen in körperlichen Abläufen werden zur Ursache von Inkohärenz im Gehirn. Das unterdrückt das neuroplastische Potenzial und begünstigt die Entstehung einer Demenz.
  • Sich selbst mögen: Wer sich selbst nicht mag, kann sich weder für Lebensfreude noch die Entfaltung des eigenen Potenzials begeistern. Wertschätzung von außen kann den Psycho-Panzer knacken.
  • Sich verbunden fühlen: Einsamkeit ist ein großes Thema im Alter. Es geht dabei nicht nur um einen fehlenden Lebenspartner, sondern generell um private Zugehörigkeit und Verbundenheit mit anderen.
  • Die Lust am Lernen nicht verlieren: Die lebenslange Lernfähigkeit des Menschen und seine Freude am Lernen ist unerlässlich für die Gesundheit des Gehirns im Alter.

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