Seit Jahrtausenden ist die Epilepsie bekannt, doch ihr Wesen und ihre Bedeutung wurden im Laufe der Geschichte unterschiedlich interpretiert. Der Begriff "Epilepsie" stammt aus dem Altgriechischen ("epílēpsis") und bedeutet "Angriff" oder "Überfall". Er beschreibt ein Krankheitsbild, das sich durch spontan auftretende Krampfanfälle äußert, die nicht durch eine erkennbare Ursache ausgelöst werden.
Die "heilige Krankheit" der Antike
In der griechischen Antike wurde die Epilepsie als "hiera nosos", die "heilige Krankheit", verehrt. Menschen mit häufigen Krampfanfällen galten als von göttlicher Macht besessen. Wahrsagerinnen in den Tempeln des alten Mesopotamien litten angeblich unter Epilepsie und sagten aufgrund ihrer Trancezustände den direkten Draht zu den Göttern nach.
Hippokrates (um 460-370 v. Chr.), der "Ahnvater aller Ärzte", widersprach dieser Vorstellung jedoch. Er sprach der Epilepsie erstmals eine natürliche Ursache zu und schrieb in seiner Schrift "Über die heilige Krankheit", dass sie keineswegs göttlicher oder heiliger sei als andere Krankheiten. Er erkannte, dass das Gehirn für dieses Leiden verantwortlich ist und dass Ernährung und eine vernünftige Lebensweise zur Heilung beitragen können. Schlaf, Ernährung und geistige bzw. körperliche Leistung sollten im Einklang miteinander stehen.
Rückschritt im Mittelalter: Dämonen und göttliche Strafe
Im Mittelalter änderte sich die Sichtweise auf die Epilepsie erneut radikal. Ein Anfall galt nun häufig als "Angriff von oben", als "göttliche Strafe" oder "dämonische Besessenheit". Für die Betroffenen konnte dies schwerwiegende Konsequenzen haben, wie beispielsweise einen Exorzismus. Krankheit wurde wieder als Strafe für sündiges Verhalten gesehen, galt als Folge von Hexerei und Besessenheit. Die Macht zu heilen konnte nur bei Gott und seinen Heiligen liegen. Für eine Heilung konnten folglich nur die Heiligen zuständig sein. Aus diesem Grund finden sich auch Namen wie „St. Veltins- Weh“ oder „St.
Heilige als Schutzpatrone der Epilepsiekranken
Im christlichen Mittelalter wurden unterschiedliche Heilige für verschiedene Krankheiten und Behinderungen als zuständig erachtet. Je schwerwiegender und gefährlicher eine Krankheit war, desto mehr Heilige waren als Patrone für sie zuständig.
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Der wichtigste "Epilepsiespezialist" unter den Heiligen war der Heilige Valentin, wahrscheinlich wegen seines Namens: "Valentin - fall net hin!". Es gab zwei wichtige Heilige dieses Namens: Valentin von Terni, der um 270 n. Chr. in Rom als Bischof den Märtyrertod starb, und Valentin von Rätien oder Passau, der etwa 200 Jahre später als Wanderbischof zwischen Donau und Alpen unterwegs war. Die Legenden dieser beiden Valentine haben sich seit dem 9. Jahrhundert vermischt.
Bildliche Darstellungen des Heiligen Valentin als "Fallsucht-Patron" finden sich vor allem im mitteleuropäischen Raum aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. In der Pfarrkirche St. Andreas in Karlstadt am Main befindet sich jedoch ein Fresko aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, das den Bischof Valentin als Schutzpatron der Epilepsiekranken darstellt.
Lukas Cranach d. Ä. (1472-1553) hat sich in seinen Werken immer wieder der Person des Heiligen Bischofs Valentin von Terni und dessen Patronat über die Epilepsie zugewandt. 1509 fertigte Cranach für das "Wittenberger Heiltumsbuch" zahlreiche Holzschnitte an, unter anderem vom Heiligen Valentin, der einen auf dem Boden liegenden Kranken segnet. Bei dem Liegenden handelt es sich offensichtlich um einen Epilepsiekranken im Augenblick eines Anfallsgeschehens.
Medizinische Erkenntnisse und alternative Therapien
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es dem englischen Neurologen John Hughlings Jackson darzulegen, dass Epilepsie einen physiologischen Ursprung hat. Andere Forscher des 19. Jahrhunderts konnten dies dann beweisen.
Die Therapieversuche reichten von Opfergaben und religiösen Übungen unter Anleitung von Priester-Ärzten in vor-hippokratischer Zeit über Ernährungsvorschriften und Heilgymnastik in der hippokratischen Medizin bis zur Anwendung sogenannter Fallsuchtmittel wie beispielsweise Kupfer, Quecksilber, Wismut oder Zinn in der Renaissance - ohne Wirkung auf die Epilepsie, wie man heute weiß. Heilpflanzen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.
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Mit Kaliumbromid wurde das erste Medikament gefunden, das epileptische Anfälle hemmen konnte. Einen weiteren Fortschritt brachte die Entwicklung der Elektroenzephalographie (EEG) im Jahr 1929. Krankhafte Hirnveränderungen ließen sich nun durch die Aufzeichnung der Hirnströme genauer analysieren.
Heute wissen wir, dass es beim epileptischen Anfall zu einer plötzlichen, unkontrollierten elektrischen Entladung größerer Nervenzellverbände der Hirnrinde kommt. Klassische Antiepileptika wie beispielsweise Carbamazepin, Lamotrigin oder Valproat erhöhen sozusagen die elektrische Entladungsschwelle der Neuronen, indem sie Ionenkanäle oder Neurotransmitterkonzentrationen beeinflussen. Auf diese Weise beugen sie Anfällen vor. Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie. Manche Anfallsformen sind durch nur lokale Muskelzuckungen oder kurze Absencen gekennzeichnet und für Außenstehende kaum wahrnehmbar.
Neben medikamentösen Behandlungen verzeichnen neuerdings auch nichtmedikamentöse Therapien immer größere Erfolge. Viele Patienten spüren nämlich im Vorfeld eines Anfalls jene "Absprache" der Nervenzellen zum gemeinsamen Aufstand. Man spricht von "Aura". Durch genaue Selbstbeobachtung kann es ihnen deshalb gelingen, den beginnenden Anfall zu kontrollieren oder sogar völlig abzuwenden.
Epilepsie heute: Aufklärung und medizinische Versorgung
Heute leben etwa 800.000 Menschen mit Epilepsie in Deutschland. Sie haben zwar gelegentlich noch mit Vorurteilen aus "alter Zeit" zu kämpfen, bekommen jedoch dank der stetigen Entwicklung der medizinischen Wissenschaft eine gute medizinische Versorgung und führen ein fast normales Leben.
Die Diagnose von Epilepsie umfasst in der Regel ein Video-EEG-Monitoring, um die Art der Anfälle zu klären und den Anfallsursprung im Gehirn zu lokalisieren. Die Behandlung zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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Es ist wichtig zu betonen, dass Epilepsie keine Geisteskrankheit oder Geistesschwäche ist. Auch führen wiederholte Anfälle nicht zu kognitivem Abbau. Es handelt sich auch nicht um eine klassische Erbkrankheit - wenngleich häufig eine genetische Veranlagung mitspielt.
Vorurteile und Stigmatisierung
TrotzFortschritte in der medizinischen Versorgung und Aufklärung halten sich hartnäckig Vorurteile gegenüber Menschen mit Epilepsie. Eine Emnid-Umfrage ergab, dass viele Menschen Epilepsie fälschlicherweise für eine Geisteskrankheit halten und Bedenken haben, wenn ihre Kinder mit Epilepsie-Betroffenen in Kontakt kommen.
Diese Vorurteile führen dazu, dass viele Menschen mit Epilepsie unter ständiger Angst vor Entdeckung leben und ihre Erkrankung verbergen. Es ist daher wichtig, die Öffentlichkeit über Epilepsie aufzuklären und Vorurteile abzubauen, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen mit Epilepsie ein selbstbestimmtes Leben führen können.