Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist, nimmt uns mit auf eine Reise durch die komplexen Zusammenhänge zwischen unserem Gehirn, unserem Konsumverhalten und unserer Gesundheit. Dabei beleuchtet er, wie uns die moderne Welt mit ihrer Reizüberflutung und Entscheidungsfülle oft überfordert und wie dies negative Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben kann. Er plädiert für einen bewussteren Umgang mit Konsum und für eine Medizin, die den Patienten und seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.
Der Einkaufsladen im Kopf: Warum uns die Wahl so schwerfällt
Hirschhausen beginnt mit einer Anekdote, die die Problematik der modernen Entscheidungsfindung auf den Punkt bringt. Er erklärt, dass unser Gehirn nur eine begrenzte Kapazität hat, um Informationen kurzfristig zu speichern. Diese Kapazität liegt bei etwa sieben Elementen. Diese Begrenzung führt dazu, dass wir bei einer zu großen Auswahl überfordert sind.
"Das liegt nicht an Ihnen - das ist der Engpass im Hirn. Nach sieben Ziffern steigen wir aus."
Das zeigt sich besonders deutlich beim Einkaufen. Eigentlich wollen wir nur schnell ein Glas Erdbeermarmelade kaufen, aber im Supermarktregal stehen unzählige Sorten. Wir versuchen, die beste Entscheidung zu treffen, vergleichen Marken, Inhaltsstoffe und Preise, und sind am Ende völlig erschlagen.
"Eigentlich wollten wir nur schnell eine Erdbeermarmelade kaufen, dummerweise gibt es aber mehr als sieben. Wir sind überfordert und versuchen, die BESTE Entscheidung zu treffen."
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Dieser Zustand der Überforderung kann sogar zu Depressionen und Konsumverzicht führen. Hirschhausen nennt dies "Zuvielitis", eine Volkskrankheit unserer Zeit.
Hirschhausens Hirnschmalz: Mehr als nur ein Witz
Hirschhausen kritisiert, dass die Arzt-Patienten-Kommunikation trotz ihrer bekannten Bedeutung oft zu kurz kommt. Er plädiert für eine Medizin auf Augenhöhe, die die individuellen Bedürfnisse und Ängste des Patienten ernst nimmt. Dabei bezieht er sich auf Professor Tobias Esch und dessen Projekt "Open Notes", das Patienten vollen Zugang zu ihren medizinischen Daten ermöglicht.
"Wie beim Onlinebanking auf höchstem Sicherheitsniveau."
Diese Transparenz stärkt das Vertrauen zwischen Arzt und Patient und führt zu einer aktiveren Beteiligung des Patienten an seiner eigenen Behandlung.
Esch geht noch einen Schritt weiter und fordert, die Perspektive des Patienten konsequenter in den Behandlungsprozess einzubeziehen. Anstatt nur zu fragen, wo es weh tut, sollten Ärzte auch fragen, was der Patient glaubt, was sein Problem verursacht hat, welche Ängste er hat und was er mit der Behandlung erreichen möchte.
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"Der Schritt von »Was ist mit Ihnen los?« zu »Was ist Ihnen am wichtigsten?« bezieht Aspekte des Menschseins mit ein, die in der Sieben-Minuten-Medizin sonst keine Rolle spielen."
Nur wenn die Werte und Wünsche des Patienten berücksichtigt werden, kann es zu einer echten gemeinsamen Entscheidungsfindung kommen, die unnötige Untersuchungen und Operationen vermeidet.
Die Macht der Erzählung: Das Narrativ des Patienten als Schlüssel zur Heilung
In der Tradition des Psychiaters und Anthropologen Arthur Kleinman betont Hirschhausen, dass das "Narrativ" des Patienten - seine eigene Erzählung seiner Krankheit - der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung ist. Indem Ärzte den Patienten aktiv zuhören und seine Perspektive verstehen, können sie eine Behandlung entwickeln, die nicht über den Kopf des Patienten hinweg, sondern auf Augenhöhe stattfindet.
Fake News und fragwürdige Gesundheitsprodukte: Hirschhausen warnt vor Abzocke im Netz
Hirschhausen warnt vor Fake-Werbung für Gesundheitsprodukte, die im Internet kursiert und mit seinem Namen und Gesicht missbräuchlich beworben wird. Er betont, dass er in keiner Verbindung zu diesen Produkten steht und fordert die Menschen auf, solche Fake-Werbung zu melden.
"Zurzeit wird mein Name in den sozialen Medien und auf Fake-Webseiten häufig in Verbindung mit sogenannten Cardio-Nahrungsergänzungsmitteln und ähnlichen Produkten gebracht. Das sind Fake News!"
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Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnt ebenfalls vor solchen Produkten und rät zur Vorsicht. Viele dieser Produkte versprechen unzulässige Heilwirkungen und können sogar gefährlich sein.
Hirschhausens Plädoyer für eine gesündere Gesellschaft
Hirschhausen setzt sich für eine gesündere Gesellschaft ein, in der gesunde Ernährung und ein bewusster Umgang mit Konsum gefördert werden. Er plädiert für Werbeeinschränkungen für ungesunde Lebensmittel und eine Zuckersteuer, wie sie beispielsweise in Großbritannien erhoben wird.
"Warum soll es nicht möglich sein, auf die Flaschen und Dosen das raufzuschreiben, was drin ist? Und warum soll es nicht möglich sein, den Schaden, den das Zeug anrichtet, für uns als Gesellschaft in den Preis mit einzurechnen?"
Er betont, dass es wichtig ist, Kindern schon im Kindergarten beizubringen, was ihnen guttut und was nicht.
Intervallfasten und die Weisheit des Neandertals
Hirschhausen selbst hat mit Intervallfasten erfolgreich abgenommen. Er erklärt, dass unser Körper Pausen braucht, um von Nahrungszufuhr auf Nahrungsverwertung umzuschalten. Wenn wir ständig und überall etwas essen, weiß der Körper gar nicht, wann er Zeit hat, die Zellen zu entrümpeln und Fett zu verbrennen.
"Im Neandertal gab es keine fünf Mahlzeiten am Tag. Da rannte das Mittagessen manchmal noch zwei Tage vor uns her."
Übergewicht und das Belohnungssystem im Gehirn
Hirschhausen widerlegt das Vorurteil, dass übergewichtige Menschen faul und selbst schuld an ihrem Gewicht seien. Er erklärt, dass Übergewicht das Belohnungssystem im Gehirn verändert und den Hormonhaushalt im Körper beeinflusst. Dies führt zu einem Teufelskreis, den normalgewichtige Menschen nur schwer nachvollziehen können.
"Das ist das Belohnungssystem im Gehirn, das beispielsweise auch auf Drogen anspricht."
Er plädiert für eine gesündere Ernährung in Kitas, Schulen und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen, um Übergewicht in der Gesellschaft zu verhindern.
Wunder wirken Wunder: Hirschhausens Blick auf Magie und Medizin
In seinem Buch "Wunder wirken Wunder" geht Hirschhausen der Frage nach, wie Magie und Medizin zusammenhängen. Er kritisiert, dass in Deutschland jährlich eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine ausgegeben werden, die nachweislich keinen Nutzen bringen, sondern vielfach schaden.
"Das hat etwas von Ablasshandel, gegen den Martin Luther schon vor 500 Jahren gekämpft hat."
Er betont, dass es wichtig ist, wissenschaftlich fundierte Medizin mit Empathie und Zuwendung zu verbinden.
"Ich bin den Streit zwischen Schul- und Alternativmedizinern einfach leid, wem bringt das was? Es gibt wirksam und unwirksam, patientenorientiert und paternalistisch."
Ein Leben lang neugierig bleiben: Hirschhausens Rezept für ein langes und erfülltes Leben
Hirschhausen betont, dass es ein Geschenk ist, länger leben zu können. Er rät dazu, neugierig zu bleiben, soziale Kontakte zu pflegen, sich für andere einzusetzen und regelmäßig zu tanzen.
"Was nachweislich Wunder wirkt, ist regelmässig zu tanzen, soziale Kontakt zu pflegen und sich für andere einzusetzen."
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