Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-neurologische, entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark), die sich in vielfältigen Symptomen äußern kann. Dazu gehören Störungen der Bewegungen, der Sinnesempfindungen und andere weitgehende Beeinträchtigungen. In Deutschland leiden rund 280.000 Menschen an MS, davon vermutlich mehr als 28.000 in Hessen. Das Landratsamt bietet verschiedene Leistungen an, um Menschen mit MS und ihre Angehörigen zu unterstützen.
Wohnen und Barrierefreiheit
Ein wichtiger Aspekt für Menschen mit MS ist die Möglichkeit, in ihrer vertrauten Umgebung wohnen zu bleiben, auch bei fortschreitender Erkrankung. Umbaumaßnahmen wie das Verbreitern von Durchgängen, der Abbau von Schwellen oder das Einrichten eines barrierefreien Bads können hier viel bewirken. Da solche Maßnahmen oft teuer sind, ist es ratsam, sich umfassend über verschiedene Fördermöglichkeiten für barrierefreies Wohnen zu informieren.
Finanzielle Unterstützung für Umbaumaßnahmen
Wenn Hilfsmittel nicht ausreichen, um das Wohnumfeld anzupassen, besteht die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung für Umbaumaßnahmen zu beantragen. Ansprechpartner sind verschiedene Institutionen und Versicherungsträger wie die Pflegeversicherung, die Rentenversicherung und die Integrationsämter.
- Pflegekassen: Die Pflegekassen können Umbaumaßnahmen bezuschussen, um den Wohnraum zu verbessern und eine eigenständige Lebensweise zu ermöglichen, Pflege zu erleichtern oder den Umzug in ein Heim zu vermeiden. Der Zuschuss beträgt maximal 4.000 Euro pro Maßnahme für eine Einzelperson und 16.000 Euro für Wohngemeinschaften. Bei mehr als vier Pflegebedürftigen werden die 16.000 Euro anteilig auf die Versicherungsträger aufgeteilt. Ob und in welcher Höhe ein Zuschuss gewährt wird, liegt im Ermessen der Pflegekasse. Wichtig ist, den Antrag vor Beginn der Umbaumaßnahme oder vor dem Kauf einer Immobilie zu stellen. Förderungen für barrierefreies Wohnen können grundsätzlich nur einmal beantragt werden, jedoch sind bei Einstufung in eine höhere Pflegestufe weitere Maßnahmen möglich.
- KfW-Förderkredit: Der Umbau der Wohnung oder des Hauses kann auch mit einem Förderkredit der KfW (Kreditinstitut für Wiederaufbau) finanziert werden. Das Programm 159 „Altersgerecht umbauen“ soll Barrieren reduzieren sowie Wohnkomfort und Sicherheit erhöhen. Eigentümer, Vermieter und Mieter können bis zu 50.000 Euro Kredit beantragen. Mieter sollten vorher eine Absprache mit dem Vermieter treffen.
- Rehabilitationsträger: Bei den Rehabilitationsträgern kann ein Antrag auf „Wohnungshilfe“ gestellt werden, wenn die MS den Weg zur Arbeit erschwert. Die Umbaumaßnahmen sollen sicherstellen, dass Betroffene möglichst selbstständig zur Arbeit gelangen können. Diese Leistungen gehören zur beruflichen Rehabilitation.
- Landesförderung: Die Förderung barrierefreien Wohnraums liegt in der Hand der einzelnen Bundesländer, die landeseigene Mittel nach eigenen Förder- und Vergaberichtlinien vergeben. Die Zuschüsse variieren.
- Schwerbehindertenausweis: Mit einem Schwerbehindertenausweis können möglicherweise weitere Fördermöglichkeiten in Anspruch genommen werden.
Euro-Schlüssel für barrierefreie WC-Anlagen
Für den Zugang zu barrierefreien WC-Anlagen ist oft ein spezieller Euro-Schlüssel erforderlich. Dieser kann im Landratsamt - Fachstelle für Bürgerschaftliches Engagement und Seniorenfragen - bezogen werden. Der Schlüssel passt an Autobahntoiletten, an Toiletten vieler Städte in der Bundesrepublik, in Österreich, der Schweiz und bereits in einigen weiteren europäischen Ländern.
Voraussetzungen für die Ausgabe des Euro-Schlüssels
Für den Schlüssel fällt ab August 2023 eine Hinterlegungsgebühr von 27,00 Euro an, die bei Rückgabe des Schlüssels zurückerstattet wird. Der Schlüssel wird ausgegeben an Menschen, die auf behindertengerechte Toiletten angewiesen sind. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
- Schwer gehbehinderte Menschen
- Rollstuhlfahrer
- Stomaträger
- Blinde und andere schwerbehinderte Menschen, die hilflos sind oder eine Begleitperson brauchen
- Multiple Sklerose, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa Erkrankte
- Menschen mit chronischem Blasen-/Darmleiden
In jedem Fall bekommen den Schlüssel behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 70 Prozent und gleichzeitigem Vorliegen des Merkzeichens G im Behindertenausweis. Ebenfalls in jedem Fall bekommen Schwerbehinderte mit den Merkzeichen aG, B, H oder Bl im Behindertenausweis den Euroschlüssel. Falls diese Kriterien nicht zutreffen, kann der Schlüssel in Ausnahmefällen bei Vorliegen einer triftigen Begründung ausgegeben werden.
Broschüre „Der Locus“
Ebenfalls in der Fachstelle erhältlich ist die Broschüre „Der Locus“. In ihr sind europaweit über 9000 Standorte von Behindertentoiletten aufgelistet.
Beratungs- und Betreuungsangebote
Das Landratsamt bietet verschiedene Beratungs- und Betreuungsangebote für MS-Erkrankte, Partner, Familienangehörige, Freunde bzw. Interessierte aus dem sozialen Umfeld sowie Fachdienste, Institutionen und Einrichtungen, die sich über das Krankheitsbild informieren möchten.
Angebote im Überblick
- Orientierungsgespräche für Neuerkrankte
- Beratung in persönlichen Krisensituationen
- Sozialrechtliche Beratung und Hilfestellung
- Vermittlung von Kontakten zu Selbsthilfe- und Kontaktgruppen
- Unterstützung Angehöriger
Rahmenbedingungen
- Barrierefreier Zugang: Die Einrichtung ist barrierefrei zugänglich und verfügt über eine behindertengerechte Toilette.
- Personal: Das Fachpersonal setzt sich aus Diplom Sozialpädagogen/innen (FH) zusammen. Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden durch Ehrenamtliche unterstützt.
- Finanzierung: Der Bezirk Mittelfranken beteiligt sich an der Finanzierung des Dienstes.
- Aufsuchende Beratung: Es wird eine aufsuchende Beratung im Umkreis um den Standort angeboten.
Rechtliche Betreuung
Rechtliche Betreuung wird nur da notwendig, wo eine Krankheit oder Behinderung sehr weit fortgeschritten oder sehr umfangreich ist. Gründe, die eine rechtliche Betreuung erforderlich machen können, sind beispielsweise:
- weit fortgeschrittene Multiple Sklerose
- Herzstillstand, Aneurysmen, Gehirnblutung
- bisher nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems (z. B. ALS)
- Parkinson-Erkrankungen
- Krebserkrankungen
- schwere Schädel-Hirn-Traumata, hohe Querschnittslähmungen und andere gravierende Verletzungen durch Unfälle
- ausgeprägte psychotische oder manische Erkrankungen oder sehr schwere Depressionen
- Suchterkrankungen, die zu schweren hirnorganischen, psychischen und körperlichen Schäden führen
- Kombination aus psychischer und Suchterkrankung
Welt-MS-Tag
Anlässlich des „Welt-MS-Tags“ finden regelmäßig Veranstaltungen statt, um die Multiple Sklerose und MS-Betroffene in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel ist es, die Öffentlichkeit über die Krankheit zu informieren und den Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten zu fördern. Beispielsweise gab es im Klinikum Fulda am „16. Welt-MS-Tag“ die Möglichkeit, sich über die Krankheit zu informieren und mit Vertretern örtlicher MS-Selbsthilfegruppen das Gespräch zu suchen. An einer „Fühlstraße“ konnten Besucher Symptome von Multiple Sklerose am eigenen Körper nachempfinden.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Unterstützung durch die DMSG
Die DMSG, Landesverband Hessen e.V., ist eine Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung für MS-Kranke in Hessen. Sie verfügt über haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende, die sich für Betroffene einsetzen und Selbsthilfegruppen und MS-Treffs unterstützen. Ziel der Selbsthilfeorganisation ist die umfassende und individuelle Beratung MS-Betroffener und ihrer Angehörigen in psychosozialen, medizinischen, beruflichen und sozialrechtlichen Fragen.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
tags: #landratsamt #und #multiple #sklerose