Die Corona-Schutzimpfung mit dem Impfstoff Comirnaty (Biontech) hat viele Fragen aufgeworfen, insbesondere bei Menschen, die bereits unter Migräne leiden. Es ist wichtig, die potenziellen Ursachen für Migräne nach einer solchen Impfung zu verstehen, um Betroffenen adäquat helfen zu können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Themas und gibt einen umfassenden Überblick.
Allgemeine Reaktionen und Komplikationen
Nach einer Corona-Schutzimpfung mit Comirnaty können Kopfschmerzen als reversible Allgemeinreaktion innerhalb von 12 bis 48 Stunden auftreten. Es ist jedoch wichtig, ärztlich beurteilen zu lassen, ob es sich um eine übliche Impfreaktion oder eine darüber hinausgehende Impfkomplikation handelt. Isolierte, anhaltende Kopfschmerzen werden in der Fachinformation nicht als typische Nebenwirkung beschrieben. Da Kopfschmerzen ein Symptom vieler Erkrankungen sein können, sollten sie auch ohne direkten Zusammenhang mit einer Impfung medizinisch untersucht werden.
Fallbeispiel: Beschädigtenversorgung nach dem Infektionsschutzgesetz
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Problematik. Eine 1990 geborene Frau beantragte die Gewährung von Beschädigtenversorgung nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) in Verbindung mit dem Bundesversorgungsgesetz (BVG) aufgrund eines geltend gemachten Impfschadens nach einer Corona-Schutzimpfung mit Comirnaty. Sie hatte bereits vor der Impfung unter Migräne ohne Aura gelitten. Nach der Impfung traten jedoch verstärkt Kopfschmerzen auf, was sie als Impfschaden anerkennen lassen wollte.
Die vorgelegten Berichte des Universitätsklinikums T1 zeigten, dass bei der Klägerin im Juni 2021 ein Status migraenosus diagnostiziert wurde. Sie klagte über seit fünf Wochen bestehende Dauerkopfschmerzen, die nur teilweise auf Schmerzmittel ansprachen und mit Übelkeit verbunden waren. Eine MRT-Untersuchung konnte keine Ursache für die Kopfschmerzen finden, und auch Laboruntersuchungen zeigten keine Auffälligkeiten.
In einem Bericht vom 6. Dezember 2021 wurde die Diagnose "V.a. chronische Migräne ggf. getriggert durch Sars-Cov2-Impfung im Mai 2021, DD: Kombination aus Migräne ohne Aura und post-vakzinalem chronischen Kopfschmerz" gestellt. Es wurde festgestellt, dass die Klägerin seit ihrer Kindheit unter Migräne ohne Aura litt, die bis Mai 2021 nur sporadisch auftrat. Erst Wochen nach der Impfung habe die Kopfschmerzfrequenz zugenommen.
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Die Klägerin selbst sah einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und der Zunahme der Kopfschmerzfrequenz. Es blieb jedoch unklar, inwiefern die Impfung als Auslöser für die Chronifizierung der Migräne fungierte.
Widersprüchliche Angaben und Gutachterliche Stellungnahmen
Die versorgungsärztliche Stellungnahme führte aus, dass die Klägerin bereits vor der Impfung an Asthma bronchiale, Depressionen, Angststörungen, ADHS, chronischer Rhinosinusitis mit nasalen Polypen und Migräne ohne Aura litt. Zudem gab es widersprüchliche Aussagen zum Beginn der verstärkten Kopfschmerzen. In einem Bericht war von einer Zunahme der Kopfschmerzen Wochen nach der Impfung die Rede, während in einem anderen Bericht ein Beginn etwa zwei Wochen nach der Impfung angegeben wurde. Eine Fachärztin gab an, dass die Klägerin den Beginn der Schmerzen acht Tage nach der zweiten Impfung beschrieb, obwohl diese nicht dokumentiert war.
Die versorgungsärztliche Stellungnahme kam zu dem Schluss, dass die Kausalitätsvoraussetzungen zwischen der Impfung und dem geltend gemachten "Impfschaden" nicht erfüllt seien. Es wurde argumentiert, dass die Klägerin schon seit vielen Jahren unter Migräne ohne Aura leide und die Symptomatik sich unter Stress und Belastung verschlimmere. Eine Exazerbation der bereits bestehenden Migräne durch psychische oder somatische Auslöser sei daher wahrscheinlicher. Zudem wurde eine arzneimittelinduzierte Nebenwirkung des Methyphenidats (Ritalin) in Erwägung gezogen.
Die Entscheidung des Gerichts
Das Gericht betonte, dass der ursächliche Zusammenhang zwischen der Impfung und der chronischen Kopfschmerzsymptomatik nicht ausreichend wahrscheinlich gemacht wurde. Es gab widersprüchliche Angaben zum Beginn der Beschwerden und keine eindeutige medizinische Dokumentation im relevanten Zeitraum.
Das Urteil zeigt, dass für die Anerkennung eines Impfschadens nach einer Corona-Impfung ein klarer, ärztlich dokumentierter enger Zusammenhang zwischen der Impfung und einer über das normale Maß hinausgehenden, anhaltenden Gesundheitsstörung erforderlich ist. Chronische Kopfschmerzen nach einer Impfung werden nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht als typische Impfkomplikation anerkannt.
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Post-Vac-Syndrom und Kopfschmerzen
Das sogenannte Post-Vac-Syndrom beschreibt andauernde Krankheitssymptome nach einer Corona-Impfung. Es ist wichtig zu beachten, dass das Risiko für ein Post-Vac-Syndrom sehr gering ist und laut Expertinnen und Experten genau die Menschen trifft, die sehr wahrscheinlich durch die echte Infektion ähnliche oder noch viel schwerere Symptome bekommen hätten.
Die Symptome des Post-Vac-Syndroms sind vielfältig und können auch Kopfschmerzen umfassen. Es gibt verschiedene Theorien dazu, was bei einem Post-Vac-Syndrom im Körper passiert. Eine Theorie besagt, dass ein Molekül namens ACE2, das eine wichtige Rolle bei der Blutdruckregulierung spielt und als Rezeptor für Coronaviren dient, beteiligt ist. Eine andere Theorie geht davon aus, dass das Immunsystem durch die Impfung stark aktiviert wird und es zu überschießenden Reaktionen kommen kann, bei denen Autoantikörper körpereigenes Gewebe angreifen.
Was hilft gegen Impfkopfschmerzen?
Unabhängig davon, ob Kopfschmerzen als Reaktion auf die Impfung oder durch andere Faktoren wie Anspannung oder Verspannung auftreten, gibt es verschiedene Maßnahmen, die helfen können:
- Ruhe: Lärm, Stress und Unruhe können Kopfschmerzen verstärken. Betroffene sollten sich zurückziehen, für Ruhe sorgen und sich etwas hinlegen.
- Entspannende Massagen: Sanfte Massagen der Schläfen oder der Nasenwurzel können die Durchblutung anregen und den Schmerz reduzieren.
- Verzicht auf Alkohol und Nikotin: Alkohol und Nikotin können Kopfschmerzen verschlimmern.
- Frische Luft und Bewegung: Ein Spaziergang an der frischen Luft kann den Kopf frei machen. Sport sollte jedoch vermieden werden, da er den Körper zusätzlich belastet.
- Schmerzmittel: Klassische Schmerzmittel wie Aspirin (Acetylsalicylsäure) oder Ibuprofen können bei Impfkopfschmerzen wirksam sein. Aspirin® Tabletten sind besonders schnell wirksam durch die MicroAktiv-Technologie.
Die Rolle der Migräne-Vorbeugung
Viele Betroffene mit Migräne machen sich Gedanken, ob sie sich impfen lassen sollen, da sie Angst vor Kopfschmerzen nach der Impfung haben. Die American Migraine Foundation hat die wichtigsten Fragen zur Covid-19-Impfung in Zusammenhang mit Migräne beantwortet und betont, dass Migräne und eingenommene Akut- oder Prophylaxe-Medikamente nicht gegen eine Impfung sprechen.
Es gibt bisher keine Daten, die zeigen, dass die Migränebehandlung die Wirksamkeit oder Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe beeinträchtigt. Auch gibt es keine Hinweise darauf, dass die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein Medikamente wie Onabotulinumtoxin A unwirksam machen würden.
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Dennoch empfehlen Experten, zur Vermeidung additiver Effekte bzgl. der Nebenwirkungen (Summation von Nebenwirkungen beider Arzneimittel) einen möglichst großen Abstand zwischen der Impfung gegen Covid-19 und der Gabe von monoklonalen Antikörpern zur Migränevorbeugung einzuhalten.