Migräne und die Pille: Ursachen, Zusammenhänge und Alternativen

Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Hormonelle Schwankungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Die Einnahme der Antibabypille, ein weit verbreitetes Verhütungsmittel, kann in diesem komplexen Zusammenspiel sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne im Zusammenhang mit der Pille, die verschiedenen Arten von Migräne, die Rolle von Hormonen und gibt einen Überblick über alternative Verhütungsmethoden für Frauen mit Migräne.

Was ist Migräne?

Bei einer Migräne handelt es sich nicht um gewöhnliche Kopfschmerzen. Sie ist eine Funktionsstörung im Gehirn, die meist von Übelkeit, Brechreiz und einer extremen Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen begleitet wird. Die Kopfschmerzphase (Migränekopfschmerz) kann zwischen wenigen Stunden und mehreren Tagen andauern und die Betroffenen stark beeinträchtigen.

Migräne mit Aura

Bei einer Migräne mit Aura treten zusätzlich neurologische Symptome auf, wie z. B. Störungen des Sehsinns (visuelle Störungen), des Geruchssinns oder Empfindungsstörungen, beispielsweise an den Händen. Auch andere neurologische Einschränkungen bis hin zu Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen sind möglich. Alle Symptome der Aura verschwinden aber in der Regel mit Einsetzen der Migräne.

Ursachen von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt und können von Person zu Person verschieden sein. Es wird jedoch angenommen, dass genetische Faktoren und bestimmte Auslöser (Triggerfaktoren) eine wichtige Rolle spielen. Zu den häufigsten Triggern zählen:

  • Stress: Seelischer und körperlicher Stress kann Migräneattacken auslösen.
  • Schlafmangel: Unregelmäßiger Schlaf oder Schlafmangel können Migräne begünstigen.
  • Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel wie Zucker, Weizenmehl, Histamine und Alkohol können Migräneattacken auslösen.
  • Wetterumschwung: Veränderungen des Wetters können bei manchen Menschen Migräneattacken provozieren.
  • Hormonelle Schwankungen: Insbesondere bei Frauen spielen hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren eine wichtige Rolle.

Migräne und Hormone: Ein komplexes Zusammenspiel

Frauen sind bekanntlich wesentlich häufiger von Migräne betroffen als Männer. Bei Frauen beträgt die Prävalenz 12 bis 18 Prozent, bei Männern dagegen nur 6 bis 8 Prozent. Gründe für diesen Unterschied sind Triggerfaktoren wie Schwankungen im weiblichen Hormonhaushalt.

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Die Rolle des Östrogens

Das Hormon Östrogen beeinflusst die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Ein plötzliches Absinken des Östrogenspiegels, wie es beispielsweise kurz vor der Menstruation der Fall ist, kann auch den Serotoninspiegel beeinflussen und somit Migräneattacken auslösen. Zudem schüttet der Körper während der Periode vermehrt Prostaglandin aus, einen Botenstoff, der für das Schmerzentstehen eine wichtige Rolle spielt.

Menstruelle Migräne

Besonders deutlich wird der hormonelle Einfluss bei der menstruellen Migräne. Bei der menstruellen Migräne treten Attacken häufiger, aber nicht nur im zeitlichen Zusammenhang mit der Menstruation auf. Der kritische Zeitraum beginnt zwei Tage vor der Menstruation und hält fünf Tage an. Anfälle in diesem Zeitfenster sind besonders schwer: Sie dauern länger als sonst, die Schmerzen sind stärker und häufiger, die Frauen müssen oft erbrechen.

Bisherige Untersuchungen legen nahe, dass die Attacken um die Menstruation herum vermutlich durch den physiologischen, prämenstruellen Abfall des Östrogenspiegels getriggert werden. Offensichtlich ist dabei nicht die absolute Höhe des Hormonspiegels, sondern nur dessen Veränderung bedeutsam.

Migräne in Schwangerschaft und Wechseljahren

Typisch ist auch, dass sich bei 50 bis 80 Prozent der schwangeren Betroffenen ab dem vierten Monat, wenn stabile hochnormale Östrogenspiegel vorliegen, die Migräne bessert oder gar keine Attacken auftreten. Nach der Geburt, wenn der Östrogenspiegel abfällt, treten häufig wieder Anfälle auf. Stillen hingegen erhält den Östrogenspiegel und zögert so die Rückkehr der Migräne hinaus.

In der Perimenopause, wenn der Östrogenspiegel kontinuierlich sinkt, besteht die höchste Migräneprävalenz. Ist die Menopause allerdings abgeschlossen, kann sich die Migräne bessern oder ganz verschwinden.

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CGRP und hormonelle Schwankungen

Wissenschaftler der Charité in Berlin weisen jetzt darauf hin, dass dieser Umstand auf einen speziellen Botenstoff zurückgeführt werden könnte. Schwankungen im weiblichen Hormonhaushalt sind mitverantwortlich dafür, dass es im Lebensverlauf einer Frau Zeiten gibt, in denen die Migräneattacken häufiger auftreten, so während der Menstruation oder der Wechseljahre. Rund um eine Schwangerschaft oder nach der Menopause nehmen sie jedoch ab.

Demnach ist bereits bekannt, dass Östrogen eine höhere Ausschüttung des Botenstoffes Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) veranlasst. Wird dieser Stoff vom Körper ausgeschüttet, so kommt es zur Erweiterung der Blutgefäße in der Gehirnregion. Es zeigte sich, dass dieser bei den Migränepatientinnen zur Menstruation deutlich höher lag als bei den Frauen ohne Migräne. Diese vermehrte Ausschüttung jedoch erfolgte bei Einnahme der Antibabypille nicht. Sie trat ebenso nach den Wechseljahren nicht mehr ein.

Die Pille als Migräneauslöser?

Es gibt Spekulationen, dass die Antibabypille eine Ursache für Migräne darstellt. Viele Frauen erleben ihre erste Migräne-Attacke, wenn sie zwischen 16 und 20 Jahre alt sind - also genau in der Zeit, in der die meisten damit anfangen, hormonell zu verhüten. Sie fragen sich daher, was die Ursache davon ist und ob es - wie oft vermutet - einen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und den immer wiederkehrenden Kopfschmerzen gibt. Ob und wie weit hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille etwas mit der Erkrankung zu tun haben, konnte bisher nicht eindeutig belegt werden. Denn die Migräne ist bei jedem oft total individuell. Auch wenn es zahlreiche Studien zu dem Thema gab, konnte ein klarer Zusammenhang weder bewiesen noch widerlegt werden.

Da verschiedene Antibabypillen unterschiedlichen Einfluss auf die Hormonschwankungen nehmen, solltest du deine Migräne auch mit deinem Frauenarzt besprechen. Treten die ersten Symptome beispielsweise erstmals nach der Einnahme der Pille auf, ist es ratsam, diese wieder abzusetzen. Darüber müssen sich betroffene Frauen allerdings mit ihrem Frauenarzt abstimmen.

Migräne mit Aura und die Pille

Wer mit extremen Migräne-Attacken kämpft, hat statistisch gesehen ein höheres Risiko für einen Schlaganfall. Deshalb sollte man bei schweren und komplexen Migränen auf die Einnahme der Pille oder andere hormonelle Verhütungsmittel verzichten. Auch bei Migräne mit Aura empfiehlt die WHO (World Health Organisation), dass von der Einnahme von kombinierten Pillenpräparaten abgesehen werden sollte - also von Pillen, die ein Östrogen und ein Gestagen enthalten.

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Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) führt auf, dass das absolute Schlaganfallrisiko für junge Frauen bei einer Migräne mit Aura leicht erhöht sei, abhängig von der Aktivität der Migräne. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft empfiehlt Aura-Migränikerinnen, die Kombination von Rauchen und Antibabypille zu vermeiden, da sich das Schlaganfallrisiko dadurch um das Zehnfache erhöhe.

Migräne ohne Aura und die Pille

Hat man aber mit Migräne ohne Aura bzw. menstrueller Migräne zu tun, sieht das Ganze schon wieder anders aus. Denn die menstruelle Migräne hängt mit dem Abfall von Östrogen im Körper zusammen, der während der einwöchigen Pillenpause eintritt. Ist das die Ursache für deine Migräne, wäre es eine Möglichkeit, dass du die die Pille ohne Pillenpause, also im Langzeitzyklus anwendest. Eine andere Möglichkeit ist das Umsteigen auf eine östrogenfreie Pille oder auf ein Verhütungsmittel, das die Hormondosen gleichmäßiger abgibt - z.B. der Verhütungsring.

Bei Migräne ohne Aura ist die Verhütung mit Pille oft hilfreich, um weitere Attacken abzuschwächen oder sogar zu verhindern. Dabei ist es wichtig, Dosierung und Einnahmefrequenz zu beachten, denn Migräne ohne Aura wird häufig beim prämenstruellen Abfall des Östrogenspiegels vor der Periode getriggert. Bei dieser Form der Migräne können Kombinationspillen, die sowohl Östrogen als auch Gestagen enthalten, eingenommen werden. Diese sollten aber möglichst niedrig dosiert sein und über einen längeren Zeitraum (bis zu 6 Monate) ohne Pillenpause eingenommen werden, damit der Abfall der Hormone während der Pillenpause ausbleibt.

Durch den konstanten Östrogen- und Gestagenspiegel reduziert sich bei vielen Betroffenen die Attackenanzahl deutlich. Die Mikropille (Kombinationspille aus Gestagen und Östrogen) eignet sich, neben der östrogenfreien Minipille, am Besten, für die Einnahme über einen längeren Zeitraum. Nach einem halben Jahr sollte man jedoch eine 7-tägige Pillenpause einlegen. Aufgrund vom Wegfall der Hormone in dieser Pause kommt es erneut zur Abbruchblutung und häufig ebenfalls zu Migräne Attacken, bei einigen jedoch mit geringerer Intensität.

Alternative Verhütungsmethoden für Frauen mit Migräne

Wenn die Pille als Migräneauslöser in Frage kommt oder bei Migräne mit Aura, sollten alternative Verhütungsmethoden in Betracht gezogen werden. Hier eine Übersicht:

  • Hormonfreie Verhütung:
    • Kupfer- oder Goldspirale: Diese Spiralen enthalten keine Hormone und wirken, indem sie die Einnistung einer befruchteten Eizelle verhindern.
    • Kondome: Kondome sind eine einfache und effektive Verhütungsmethode, die zudem vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt.
    • Diaphragma: Das Diaphragma ist eine mechanische Barriere, die vor dem Geschlechtsverkehr in die Vagina eingeführt wird.
    • Natürliche Familienplanung (NFP): NFP-Methoden basieren auf der Beobachtung von Körperzeichen, die den Eisprung anzeigen.
  • Hormonelle Verhütung mit Gestagen:
    • Minipille: Die Minipille enthält nur das Hormon Gestagen und wird ohne Pause eingenommen. Dadurch bleibt der Hormonspiegel konstant und es kommt nicht zu einem plötzlichen Abfall des Östrogenspiegels.
    • Hormonspirale: Die Hormonspirale setzt kontinuierlich eine geringe Menge Gestagen frei und wirkt lokal in der Gebärmutter.

Was kann man sonst noch gegen Migräne tun?

Neben der Wahl der richtigen Verhütungsmethode gibt es noch weitere Maßnahmen, die helfen können, Migräneattacken zu reduzieren:

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Achte auf ausreichend und zu den gleichen Zeiten Schlaf, feste Essenszeiten und regelmäßige Ruhephasen.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen. Vermeide Trigger-Nahrungsmittel wie Zucker, Weizenmehl, Histamine und Alkohol.
  • Ausreichend Bewegung: Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft kann Stress abbauen und Migräneattacken reduzieren.
  • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
  • Migräne-Tagebuch: Ein Migräne-Tagebuch kann helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren und die Wirksamkeit von Behandlungen zu beurteilen.

Fazit

Die Frage, ob die Pille Migräne verursacht oder beeinflusst, ist komplex und individuell verschieden. Hormonelle Schwankungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Die Pille kann in diesem Zusammenspiel sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Bei Migräne mit Aura wird von der Einnahme kombinierter Pillenpräparate abgeraten, da sie das Schlaganfallrisiko erhöhen können. Bei Migräne ohne Aura kann die Pille unter Umständen helfen, Attacken zu reduzieren, insbesondere wenn sie im Langzeitzyklus eingenommen wird oder auf eine östrogenfreie Pille umgestiegen wird.

Es ist wichtig, dass Frauen mit Migräne sich von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin ausführlich beraten lassen, um die für sie geeignete Verhütungsmethode zu finden. Neben der Wahl der richtigen Verhütungsmethode können auch weitere Maßnahmen wie ein regelmäßiger Tagesablauf, eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Stressmanagement helfen, Migräneattacken zu reduzieren.

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