Die Frage, ob mRNA-Impfstoffe das Risiko für die Entwicklung von Parkinson oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen beeinflussen könnten, ist Gegenstand aktueller Forschung und öffentlicher Diskussionen. Dieser Artikel beleuchtet die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, um ein umfassendes Bild der potenziellen Zusammenhänge zu vermitteln. Dabei werden sowohl die möglichen Auswirkungen von Virusinfektionen, insbesondere COVID-19, als auch die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen und deren Einfluss auf das Immunsystem betrachtet.
Virusinfektionen und neurodegenerative Erkrankungen
Es gibt Hinweise darauf, dass Virusinfektionen das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöhen könnten. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass nach der spanischen Grippe in den 1920er- und 1930er-Jahren ein starker Anstieg neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson zu verzeichnen war. Auch aus früheren Corona-Epidemien (SARS-CoV-1, MERS) gibt es Berichte über Häufungen kognitiver Symptome.
Auswirkungen von COVID-19 auf das Gehirn
Dr. Marius Schwabenland vom Universitätsklinikum Freiburg untersucht die Gehirne von an COVID-19 Verstorbenen. Dabei konzentriert er sich auf Mikrogliazellen, die Immunzellen im Zentralnervensystem (ZNS). Mithilfe einer neu entwickelten Technik konnten vermehrt Mikroglia-Ansammlungen (Knötchen) im Hirnstamm identifiziert werden, was auf pathologische Veränderungen im Gehirn hindeutet.
Prof. Ina Vorberg vom DZNE hat Ergebnisse vorgestellt, die darauf hindeuten, dass virale Moleküle die Ausbreitung von Alzheimer-typischen Proteinaggregaten zwischen Zellen fördern und so neurodegenerative Erkrankungen beschleunigen könnten. Zu diesen viralen Molekülen gehören insbesondere die Spike-Proteine der Corona-Viren und reaktivierte endogene Retroviren, die abgeschaltet in den menschlichen Erbanlagen vorliegen. Antivirale Behandlungen oder Impfstoffe könnten hierauf einen Einfluss haben und den Ausbruch oder das Fortschreiten solcher Erkrankungen verhindern beziehungsweise verlangsamen.
Long-COVID und neurologische Symptome
Long- oder Post-COVID bezeichnet ein vielschichtiges Krankheitsbild, für das es bisher keine einheitliche Definition gibt. Prof. Ulrich Kalinke vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung untersucht, wie Viren bis ins Gehirn vordringen. Das Virus folgt anatomischen Strukturen und dringt über die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System ins Rückenmark vor und von dort weiter bis in das Gehirn. Dies kann direkte oder indirekte neurologische Veränderungen mit sich bringen und trifft sowohl Patientinnen mit milden als auch mit schweren (Long-)COVID-Verläufen.
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Prof. Gabor Petzold vom DZNE geht auf neurologische und psychiatrische Symptome bei Long-COVID ein. Dazu gehören kognitive Symptome wie Aufmerksamkeitsstörungen oder Gedächtnisschwierigkeiten, die bei etwa 50 % der Betroffenen auftreten. Eine Studie wies einen Abbau des Gewebes in Hirnregionen nach, die für Gedächtnis und Kognition relevant sind.
Die europäische NeuroCOV-Studie, die vom DZNE koordiniert wird, soll hier in den nächsten Jahren neue Erkenntnisse bringen.
Das Spike-Protein und seine Persistenz im Gehirn
Eine Studie von Helmholtz Munich und der Ludwig-Maximilians-Universität München konnte nachweisen, dass das SARS-CoV-2-Spike-Protein in den schützenden Schichten des Gehirns, den Hirnhäuten und im Knochenmark des Schädels, bis zu vier Jahre nach der Infektion verbleiben kann. Dies könnte zu chronischen Entzündungen führen und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie beispielsweise Alzheimer- oder Parkinson-Krankheit erhöhen.
Die Forschenden entdeckten eine bisher nicht festgestellte Ablagerung des Spike-Proteins in Gewebeproben (postmortem) von Menschen mit COVID-19 sowie Mäusen. Ali Ertürk, Direktor des Instituts für Intelligente Biotechnologien bei Helmholtz Munich, sagte dazu: „Unsere Daten deuten auch darauf hin, dass das persistierende Spike-Protein an den Grenzen des Gehirns zu den langfristigen neurologischen Effekten von COVID-19 und Long COVID beitragen könnte."
Interessanterweise stellten die Forschenden an geimpften Mäusen fest, dass der mRNA-COVID-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn um 50 Prozent reduziert. Ertürk schlussfolgerte: „Unsere Studie zeigt, dass mRNA-Impfstoffe das Risiko langfristiger neurologischer Folgen erheblich senken können und somit einen entscheidenden Schutz bieten."
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mRNA-Impfstoffe: Funktionsweise und potenzielle Auswirkungen
mRNA-Impfstoffe enthalten die Bauanleitung für ein bestimmtes Protein des SARS-CoV-2-Virus, das sogenannte Spike-Protein. Die mRNA wird in liposomale Nanopartikel verpackt, die nach der Impfung in Körper- und Immunzellen aufgenommen werden. In diesen Zellen wird dann das Spike-Protein hergestellt. Das Immunsystem erkennt dieses "Fremdprotein" und bildet gezielt Antikörper und Immunzellen gegen den Erreger. Die Impfstoff-mRNA wird in den Körperzellen nach kurzer Zeit wieder abgebaut und nicht in die DNA umgewandelt oder eingebaut.
mRNA-Impfstoffe und Parkinson: Direkte Zusammenhänge?
Bislang gibt es keine direkten Beweise dafür, dass mRNA-Impfstoffe das Risiko für die Entwicklung von Parkinson erhöhen. Im Gegenteil, einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass mRNA-Impfstoffe das Risiko langfristiger neurologischer Folgen von COVID-19 sogar reduzieren könnten, indem sie die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn verringern.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Forschung in diesem Bereich noch nicht abgeschlossen ist und weitere Studien erforderlich sind, um mögliche langfristige Auswirkungen von mRNA-Impfstoffen auf das Gehirn und das Nervensystem vollständig zu verstehen.
Parkinson-Patienten und COVID-19
Patienten mit Parkinson weisen zahlreiche Risikofaktoren auf, die zu einem schweren Verlauf einer COVID-19-Infektion führen können. Eine Analyse von Krankenhausdaten zeigte, dass Menschen mit Morbus Parkinson bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 häufiger schwer an COVID-19 erkranken und ein erhöhtes Sterberisiko haben. Dies dürfte auf die erhöhte Gebrechlichkeit und die häufigen Risikofaktoren der Patienten für einen schweren Verlauf von COVID-19 zurückzuführen sein.
Das COVID-19-Risiko stieg mit dem Stadium der Parkinsonerkrankung. Patienten mit Morbus Parkinson haben auch häufiger Begleiterkrankungen wie Hypertonie und chronische Nierenerkrankungen, die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sind.
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MicroRNA als Biomarker für Parkinson
Die sogenannte microRNA kann als möglicher Biomarker zur Früherkennung von Parkinson und anderen Krankheiten dienen. Noch vor dem Auftreten erster Symptome kann die microRNA aus T-Zellen einen Hinweis auf Erkrankungen liefern. Dies wäre deshalb so hilfreich, da viele chronische Krankheiten erst spät vom Betroffenen bemerkt werden und die eingeleitete Therapie oftmals weniger gut wirken kann. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser sind die Therapiechancen.
MicroRNA, auch miRNA oder miR genannt, ist eine spezielle Variante der RNA, die an der Regulation der Genexpression und somit auch an der zellulären Proteinsynthese beteiligt ist. Veränderungen in der microRNA stehen im Verdacht, Krebs auslösen oder neurodegenerative Erkrankungen begünstigen zu können. Insbesondere die T-Zellen mit ihren Killer- und Helferzellen seien hier wichtig, um herauszufinden, wie genau die Aktivierung der ruhenden T-Zelle reguliert wird, damit sie ihre gezielte Funktion erfüllen kann.
„Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass bei Parkinson eine veränderte Immunfunktion zur Krankheitsentstehung beiträgt“, erklärt Diener.
Forschung und Therapieansätze bei Parkinson
Die Parkinson-Wissenschaft ist davon überzeugt, dass bis 2030 die ersten ursächlichen Therapien im Einsatz sein könnten, die das Fortschreiten der Parkinson-Erkrankung und anderer Bewegungsstörungen bremsen oder sogar ihr Auftreten verhindern können.
Die Medizin hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar erfolgreich symptomatische Therapien für die Patienten entwickelt, die zur Erleichterung der Symptome führen. Aber eine Verzögerung des Fortschreitens der Krankheit oder gar ein Verhindern des Krankheitsausbruchs leisten sie nicht.
Um Parkinson-Risikopersonen zu identifizieren, stehen der Wissenschaft Riechtests, Schlafuntersuchungen, Hautbiopsie-Tests, Nervenwasser-Untersuchungen und die Gendiagnostik zur Verfügung. Eine neue molekulare Methode zur objektiven Diagnostik von Parkinson-Syndromen ist z. B. die Bestimmung der alpha-Synuclein-Aggregate im Nervenwasser mittels RT-QuiC oder der Tau-Aggregate im Gehirn mit dem PET-Tracer PI-2620. Für diese Parkinson-Risikopersonen muss nach Möglichkeiten gesucht werden, durch frühzeitige Intervention den Ausbruch der klinischen Symptome zu verhindern.
Viele mittlerweile identifizierte genetische Varianten beeinflussen das Parkinson-Risiko. Ein Schlüssel zum Erfolg bei der Therapieentwicklung ist ein genaues Verständnis jener molekularen Signalwege, die an der Krankheitsentstehung beteiligt sind.
Nationale und internationale Initiativen zur Demenzforschung
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das DZNE engagieren sich in der Nationalen Demenzstrategie mit dem Ziel, die nationale und internationale Demenzforschung zu stärken. Die Nationale Demenzstrategie wurde vor Ausbruch der Corona-Pandemie entwickelt. Allerdings beeinflusst die Pandemie auch die Forschung zu Demenz. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen sich deshalb die Frage nach möglichen Zusammenhängen und Wirkmechanismen zwischen COVID-19 und neurodegenerativen Erkrankungen.