Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Dieser Angriff führt zu Entzündungen und Narbenbildung, was wiederum die Nervenimpulse stört und eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann, die von leichten Empfindungsstörungen bis hin zu schweren Behinderungen reichen. Die genaue Ursache der MS ist noch nicht vollständig geklärt, aber die Forschung hat in den letzten Jahren die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse und des Mikrobioms für den Verlauf der Erkrankung hervorgehoben.
Die Darm-Hirn-Achse und das Mikrobiom bei MS
Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Darm und dem Gehirn über Nervenbahnen, das Immunsystem und hormonelle Signale. Das Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen im menschlichen Darm, spielt eine entscheidende Rolle in dieser Verbindung. Ein gesundes Mikrobiom mit einer ausgewogenen Anzahl nützlicher Mikroben kann das Immunsystem regulieren und Entzündungen kontrollieren.
Bei MS-Patienten ist das Mikrobiom jedoch häufig gestört, was zu einer übermäßigen Aktivierung des Immunsystems führen kann. Diese Dysbiose verstärkt die Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem und trägt zur Schädigung der Nervenzellen bei. Studien haben gezeigt, dass MS-Patienten im Vergleich zu gesunden Menschen eine veränderte Mikrobiota aufweisen, insbesondere einen Mangel an entzündungshemmenden Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium.
Der Einfluss von Fetten und Fettsäuren auf MS
Fette bzw. Fettsäuren spielen eine große Rolle bei Multipler Sklerose. Bereits 1952 zeigte eine skandinavische Studie, dass das MS-Risiko von der Küste hin ins Landesinnere anstieg. Die damals gewagte Theorie: Der geringere Fischkonsum sei schuld. Inzwischen weiß man: Da ist was dran.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Fett nicht gleich Fett ist. "Ungesunde Fette" spielen bei vielen Erkrankungen, etwa Arteriosklerose und einigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine wichtige Rolle. Tatsächlich fördern kurzkettige Fettsäuren die guten regulatorischen Zellen in uns, langkettige hingegen die entzündlichen Zellen. Bei MS ist es vor allem eine kurzkettige Fettsäure, die gewissermaßen zu kurz kommt, wie erst 2020 in einer Studie zu sehen war: die Propionsäure.
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Propionsäure: Ein vielversprechender Ansatz
Die Forschung hat gezeigt, dass sowohl bei MS-Erkrankten als auch bei Parkinson-Erkrankten die kurzkettigen Fettsäuren, da vor allem die Propionsäure, vermindert sind. Propionsäure ist eine kurzkettige Fettsäure, die von bestimmten Darmbakterien produziert wird und eine wichtige Rolle bei der Immunregulation spielt. Studien haben gezeigt, dass Propionsäure die Entstehung und Funktion von regulatorischen Zellen des Immunsystems fördern kann, die überschießende Entzündungsreaktionen beenden und im Kontext von Autoimmunerkrankungen wie der MS auto-immune Zellen reduzieren.
Eine Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Aiden Haghikia zeigte, dass die Gabe von Propionsäure zusätzlich zu MS-Medikamenten langfristig die Schubrate und das Risiko einer Behinderungszunahme reduzierte. Zudem weisen erste Kernspin-Untersuchungen im Verlauf darauf hin, dass die Propionsäure möglicherweise den Gehirnschwund als Zeichen eines Nervenzell-Untergangs reduziert.
Selbstversuch und Studienergebnisse mit Propionsäure
Als pragmatische denkende Ärzte hätten u.a. Prof. Gold, Prof. Linker und er vor einigen Jahren gedacht: Der Mangel lässt sich einfach rückgängig machen. Propionsäure ist im Handel erhältlich, wurde früher sogar Brot beigefügt, also: einen Versuch wert. Kurzerhand starteten die Forscher einen Selbstversuch (Haghikia nimmt bis heute zweimal täglich 500 mg Propionsäure zu sich) und testeten die Fettsäure in einer nicht randomisierten Studie an MS-Patienten.
Die Ergebnisse waren durchaus positiv. Nach einer Einnahme über 1,5- 2 Jahre hinweg war in der Propionsäure-Gruppe die Schubrate gegenüber dem Zeitraum vor Propionsäure-Einnahme deutlich reduziert (0,1 statt 0,2 Schübe, was auch zeigt, dass die Patienten immunmodulatorisch bereits gut eingestellt waren), die Behinderungsprogression um 20 % reduziert, gemessen an einer gematchten Gruppe, und der EDSS-Wert gesunken. Im MRT zeigte sich sogar, dass die Atrophie rückgängig war; es gab eine Zunahme des Gehirnvolumens (typisch für MS ist eigentlich eine verstärkte Hirnatrophie, also Abnahme des Hirngewebes bei gleichzeitiger Zunahme der flüssigkeitsgefüllten Ventrikeln im Innern des Gehirns).
Haghikia empfiehlt Propionsäure als Nahrungsergänzung für MS-Patienten ganz klar. Die Einnahme der täglich 1.000 mg (nicht mehr) sei völlig frei, so Haghikia auf eine Zuschauerfrage hin, ob nun als 2-Mal-Dosis oder auf einmal, ob morgens, mittags oder abends, Hauptsache, es handele sich um reines Propionat. Nach ca. 14 Wochen ist ein ausgeglichener Propionsäurelevel erreicht. Die durch die Einnahme erhöhten Werte würden nach Absetzen sieben bis acht Wochen anhalten, danach gingen sie wieder zurück. Übrigens: Propionsäure kommt auch in Nahrungsmitteln vor, zum Beispiel im Emmentaler Käse.
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Wichtiger Hinweis
Wichtig auch: Vor lauter Studien und Beweisen für eine ausgewogene Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel wie Propionsäure: Nicht statt, sondern zusammen mit der passenden Immunmodulation lautet die Devise. Zum einen ist der Einfluss der Lifestyle-Änderungen nicht sehr groß, zum anderen will man ja die Vorteile addieren. Darum also: nur als Add-On. Die Hoffnung bleibt allerdings, dass diese Add-Ons uns künftig dabei helfen, die Immunmodulation in ihrer Dosis zu reduzieren.
Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten
Eine gezielte Ernährung kann das Mikrobiom stabilisieren und die Krankheitsaktivität möglicherweise verringern. Eine entzündungshemmende Ernährung, die reich an folgenden Nahrungsmitteln ist, kann das Mikrobiom positiv beeinflussen und den Krankheitsverlauf von MS lindern:
- Omega-3-Fettsäuren: Diese kommen in fettem Fisch wie Lachs und Makrele sowie in pflanzlichen Quellen wie Leinsamen und Walnüssen vor. Omega-3-Fettsäuren haben entzündungshemmende Eigenschaften und können die Immunantwort regulieren.
- Antioxidantien: Obst und Gemüse, insbesondere solche mit hohem Gehalt an Polyphenolen (z. B. Beeren, Spinat, Kurkuma), helfen, oxidativen Stress zu reduzieren, der bei MS eine zentrale Rolle spielt.
- Ballaststoffe: Ballaststoffreiche Nahrungsmittel fördern die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren wie Butyrat, die entzündungshemmend wirken und die Darmbarriere stärken.
Bestimmte Nahrungsmittel können jedoch Entzündungen fördern und das Mikrobiom negativ beeinflussen. MS-Patienten sollten daher den Konsum von stark verarbeiteten Lebensmitteln, zuckerhaltigen Getränken und gesättigten Fetten reduzieren.
Diäten zur Stabilisierung des Mikrobioms
Einige spezielle Diäten zielen darauf ab, das Mikrobiom zu stabilisieren und entzündliche Prozesse zu minimieren:
- Die Paleo-Diät: Die Paleo-Diät setzt auf unverarbeitete Nahrungsmittel wie Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Nüsse und Samen und vermeidet Getreide, Hülsenfrüchte und Milchprodukte.
- Die ketogene Diät: Die ketogene Diät, die einen hohen Fettanteil und eine sehr reduzierte Zufuhr von Kohlenhydraten beinhaltet, könnte die Energieversorgung der Nervenzellen verbessern und Entzündungen im Körper verringern.
- Das Wahls-Protokoll: Dieses Ernährungsprogramm wurde von der Ärztin Dr. Terry Wahls entwickelt, die selbst an MS leidet. Es basiert auf einer nährstoffreichen Ernährung, die insbesondere Omega-3-reiche Lebensmittel und viel Gemüse umfasst.
Prä- und Probiotika zur Unterstützung der Darmgesundheit
Präbiotika und Probiotika spielen eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Mikrobioms und der Darm-Hirn-Achse. Präbiotika, die in Ballaststoffen enthalten sind, fördern das Wachstum nützlicher Darmbakterien, während Probiotika, lebende Mikroorganismen wie Lactobacillus oder Bifidobacterium, das Mikrobiom unterstützen können. Probiotische Lebensmittel wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi können helfen, das Mikrobiom zu stabilisieren und entzündungshemmende Effekte zu erzielen. Präbiotische Lebensmittel wie Knoblauch, Zwiebeln, Spargel und Hafer fördern das Wachstum der nützlichen Bakterien im Darm.
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Vitamin D und Mikronährstoffe
Vitamin D spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Immunsystems und ist für MS-Patienten besonders wichtig. Ein Mangel an Vitamin D wurde mit einem erhöhten Risiko für MS sowie schwereren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht. Auch andere Mikronährstoffe wie B-Vitamine, Eisen, Magnesium und Zink sind für die Gehirnfunktion und das Immunsystem von Bedeutung.
Die Rolle von Myelin und Cholesterin
Für die Funktion des Zentralnervensystems spielt die Myelinscheide eine entscheidende Rolle. Es handelt sich um eine spezielle, besonders fettreiche Membran, die Nervenfasern so isoliert, dass elektrische Signale schnell und effizient weitergeleitet werden. Wird diese Hülle beschädigt, kann es zu Ausfallerscheinungen wie Lähmungen kommen.
Die Regeneration der Myelinscheide ist bei MS grundsätzlich möglich, aber in den meisten Fällen unzureichend. Einer der Gründe dafür sind vermutlich chronische Entzündungen, die an den beschädigten Stellen entstehen. „Myelin hat einen sehr hohen Anteil an Cholesterin“, erläutert Prof. Simons. „Wenn Myelin zerstört wird, muss das Cholesterin, das dabei freigesetzt wird, aus dem Gewebe beseitigt werden.“ Diese Aufgabe erledigen Fresszellen, oder auch Mikroglia und Makrophagen genannt. Sie nehmen die beschädigte Myelinscheide in das Innere der Zelle auf, verdauen diese und befördern die unverdaulichen Reste über Transportmoleküle wieder aus der Zelle heraus. Häuft sich jedoch in kurzer Zeit zu viel Cholesterin in der Zelle an, kann es passieren, dass Kristalle gebildet werden. Anhand eines Mausmodells konnten Simons und sein Team die verheerenden Folgen des kristallinen Cholesterins zeigen: Es aktiviert in den Fresszellen ein sogenanntes Inflammasom, dass unter anderem dafür sorgt, dass Entzündungsmediatoren freigesetzt und mehr Immunzellen angelockt werden.
Rehabilitation bei MS: Neue Synapsen knüpfen
Nicht zu unterschätzen bei der Behandlung der MS ist die Rehabilitation. Reha heißt: Trotz MS mache ich etwas. "Mach, was Du kannst, wo Du bist, so gut wie Du es kannst," fasst Prof. Jürg Kesselring Reha zusammen und definiert Trotz-Haltung neu: Ich habe MS und trotzdem kann ich einiges machen. In einer Reha soll der Zustand der Patienten und das Potenzial erfasst werden, woraus man etwas machen kann. Das Augenmerk sollte man auf das richten, was geht, nicht auf das, was nicht geht. Was auch bedeutet: Die Trainingsziele danach abzustimmen, was man kann. Realistische Ziele setzen.
Reha ist keine passive, sondern eine aktive Therapie. Inaktivität sei toxisch, so der Schweizer Kesselring - physisch wie mental. Es sei nicht der Arzt oder Therapeut, der dem Patienten in der Reha „aufhelfen“ soll, der Patienten selbst muss etwas tun. Die Musik komme schließlich auch nicht vom Cello, sondern es sei der Musiker, der die Musik erzeuge.
Grundlage ist die Neuroplastizität. Das Gehirn ist in der Lage, bestimmte Störungen zu kompensieren, sich veränderten Bedingungen anzupassen, sich zu reorganisieren. Synapsen können immer wieder neu geknüpft werden, wodurch Fähigkeiten oder Funktionen (neu bzw. wieder) erlernt werden können. Daher sei es fundamental, aktiv zu bleiben - auch nach einer Reha.