Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), von der schätzungsweise 280.000 Menschen in Deutschland betroffen sind. Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden an, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Schädigung führt zu einer Vielzahl neurologischer Symptome, deren Verlauf und Ausprägung individuell sehr unterschiedlich sein können, was der MS den Beinamen "Krankheit der 1.000 Gesichter" eingebracht hat.
Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, haben die therapeutischen Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Ziel moderner Therapien ist es, Entzündungsschübe zu reduzieren, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Symptome zu lindern, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Aktuelle Therapiestrategien bei MS
Die Behandlung der MS basiert auf verschiedenen Säulen:
Schubtherapie: Akute Schübe werden in der Regel mit Kortison behandelt, um die Entzündung schnell zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Verlaufsmodifizierende Therapie (Basistherapie): Diese zielt darauf ab, die Häufigkeit und Schwere von Schüben zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung langfristig zu verlangsamen. Hier kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz, die in das Immunsystem eingreifen.
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Symptomatische Therapie: Diese dient der Linderung spezifischer MS-Symptome wie Spastik, Schmerzen, Fatigue oder Blasenfunktionsstörungen.
Medikamente zur Basistherapie der schubförmigen MS:
Für die schubförmig remittierende MS (RRMS), die häufigste Verlaufsform, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die das Immunsystem modulieren oder unterdrücken. Zu den etablierten Basistherapeutika gehören:
- Beta-Interferone: Diese werden regelmäßig gespritzt und können die Schubrate reduzieren.
- Glatirameracetat: Ebenfalls ein synthetisches Peptidgemisch, das gespritzt wird und ähnlich wie Interferone wirkt.
- Orale Medikamente: Seit 2011 sind verschiedene orale Basistherapeutika verfügbar, darunter Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Diese Medikamente wirken auf unterschiedliche Weise, um die Aktivität des Immunsystems zu dämpfen.
- Antikörpertherapien: Bei hoher Schubrate können Antikörperpräparate wie Natalizumab, Ocrelizumab und Ofatumumab eingesetzt werden. Alemtuzumab erfordert nur zwei kurze Behandlungsphasen für eine langanhaltende Wirkung.
Medikamente zur Basistherapie der primär progredienten MS:
Für die primär progrediente MS (PPMS), bei der die Symptome von Beginn an kontinuierlich fortschreiten, gab es lange Zeit keine zugelassenen Medikamente. Seit 2018 ist Ocrelizumab als erstes Medikament zur Behandlung der PPMS verfügbar und kann die Krankheitsaktivität bei einigen Patienten dämpfen.
Neue Entwicklungen und vielversprechende Therapieansätze
Die MS-Forschung ist weiterhin sehr aktiv, und es werden laufend neue Therapieansätze entwickelt und in klinischen Studien erprobt. Einige vielversprechende Entwicklungen sind:
Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi):
BTKi sind eine neue Klasse von Medikamenten, die die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) hemmen, ein Enzym, das eine wichtige Rolle bei der Aktivierung von B-Zellen und bestimmten anderen Immunzellen spielt. Durch die Hemmung der BTK können BTKi die Aktivität des Immunsystems sowohl in der Peripherie als auch im ZNS modulieren. Dies könnte besonders relevant sein, da den im ZNS kompartimentierten Entzündungsprozessen eine wichtige Rolle bei der Krankheitsprogression zugeschrieben wird.
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- Tolebrutinib: Dieser BTKi-Kandidat zeigte in klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung der nicht-schubförmigen sekundär progredienten MS (nsSPMS). In der HERCULES-Studie konnte Tolebrutinib das Fortschreiten der Behinderung signifikant verlangsamen. Die Ergebnisse der PERSEUS-Studie, die Tolebrutinib bei primär progredienter MS (PPMS) untersucht, werden im vierten Quartal 2025 erwartet.
- Evobrutinib: In den EVOLUTION-1 und -2 Phase-3-Studien wurde Evobrutinib gegen Teriflunomid bei Patienten mit schubförmiger MS untersucht. Allerdings ergab sich kein Vorteil von Evobrutinib gegenüber Teriflunomid in Bezug auf die jährliche Schubrate.
- Weitere BTKi: Neben Tolebrutinib und Evobrutinib werden weitere BTKi wie Fenebrutinib und Remibrutinib entwickelt und in klinischen Studien erprobt.
Zelltherapien:
Zelltherapien sind ein weiterer vielversprechender Ansatz zur Behandlung der MS. Bei diesen Therapien werden körpereigene Immunzellen außerhalb des Körpers verändert und dann wieder in den Körper infundiert, um das Immunsystem neu auszurichten.
CAR-T-Zelltherapie: Dieser Ansatz, der ursprünglich in der Onkologie entwickelt wurde, wird zunehmend auch für Autoimmunerkrankungen wie MS erforscht. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen des Patienten gentechnisch so verändert, dass sie spezifisch gegen bestimmte Immunzellen gerichtet sind, die an der MS beteiligt sind.
Peptidgekoppelte Zelltherapie: Bei diesem Verfahren werden aus dem Blut der MS-Patienten Leukozyten entnommen und mit Peptiden, die Bestandteil der Myelinscheide sind, gekoppelt. Diese veränderten Leukozyten werden dann wieder in den Körper infundiert, um eine Immuntoleranz gegenüber Myelin zu entwickeln.
Medikamente, die die Schutzbarriere des Gehirns überwinden:
Eine große Herausforderung bei der Behandlung der MS besteht darin, Medikamente in ausreichender Konzentration ins Gehirn zu bringen, wo die Entzündungsprozesse stattfinden. Ein neuer Ansatz besteht darin, Antikörper mit einem Transport-„Shuttle“-Eiweiß zu verknüpfen, das die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden wird derzeit ein solches Medikament in einer Phase-I-Studie getestet.
Das Ziel: "Disease Activity Free Status"
Das Therapieziel bei MS hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Während früher vor allem die Reduktion von Schüben im Vordergrund stand, wird heute ein umfassenderer Ansatz verfolgt, der als "Disease Activity Free Status" (NEDA) bezeichnet wird. NEDA bedeutet, dass der Patient keine Behinderungsprogression erleidet, keine neuen Läsionen im MRT entwickelt und keine Krankheitsschübe erfährt.
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Bedeutung von Forschung und Innovation
Die Fortschritte in der MS-Therapie sind das Ergebnis intensiver Forschung und Entwicklung. Pharmaunternehmen investieren erhebliche Summen in die Entwicklung neuer Medikamente und Therapieansätze. Dieser Einsatz hat dazu beigetragen, die Lebensqualität von Menschen mit MS deutlich zu verbessern und ihre Lebenserwartung an die der Allgemeinbevölkerung anzugleichen.
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