Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. In Deutschland sind schätzungsweise 120.000 bis 150.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung manifestiert sich meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, kann aber auch in der Kindheit oder im höheren Alter auftreten. MS ist durch verstreute Entzündungsherde im ZNS gekennzeichnet, die die Myelinscheide der Nervenzellen angreifen und dadurch die Nervenimpulsweiterleitung stören.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umgibt. Diese Myelinscheide ist für die schnelle und effiziente Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich. Durch die Entzündung und Schädigung der Myelinscheide kommt es zu einer Verlangsamung oder Blockierung der Nervenimpulsweiterleitung, was zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen kann.
Die Erkrankung wird medizinisch in vier verschiedene Verlaufsformen unterteilt, und zwar je nach Aktivität und Fortschreiten der Krankheit:
Klinisch isoliertes Syndrom (KIS): Hierbei handelt es sich um den Zeitpunkt, an dem die Beschwerden das erste Mal auftreten und möglicherweise auf eine Multiple Sklerose hindeuten.
Schubförmig verlaufende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form der MS mit etwa 85 Prozent aller Erkrankten. Es ereignen sich schubartig neurologische Ausfälle (anfangs etwa zwei Mal pro Jahr), die sich teilweise oder sogar ganz zurückbilden. Zwischen den Schüben nehmen mögliche Behinderungen nicht zu. Es existiert noch eine weitere Unterform, nämlich das radiologisch isolierte Syndrom (kurz: RIS). Bei diesen Patienten lassen sich in der Bildgebung zwar Verletzungen am Rückenmark oder Gehirn erkennen, sie haben allerdings keine Beschwerden.
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Ursachen der Multiplen Sklerose
Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren eine Rolle spielt, darunter:
Genetische Veranlagung: Multiple Sklerose ist keine klassische Erbkrankheit, aber die Veranlagung für die Erkrankung kann vererbt werden, was das Erkrankungsrisiko erhöht.
Umweltfaktoren: Verschiedene Umweltfaktoren werden als mögliche Auslöser oder Risikofaktoren für MS diskutiert:
Virusinfektionen: Infektionen mit bestimmten Viren, wie dem Epstein-Barr-Virus (EBV), könnten das Risiko für MS erhöhen.
Vitamin-D-Mangel: Ein Mangel an Vitamin D, der durch unzureichende Sonneneinstrahlung entstehen kann, wird mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht. Vitamin D hat eine immunmodulatorische Funktion und beeinflusst das Immunsystem.
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Ernährung: Eine erhöhte Kochsalzzufuhr in Industrieländern wird als möglicher Risikofaktor diskutiert, da sie in Tiermodellen die Blut-Hirn-Schranke schädigen und das Eindringen von Immunzellen ins Gehirn fördern konnte.
Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko, an MS zu erkranken, um etwa 50 Prozent.
Geschlecht: Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger von MS betroffen als Männer. Die Gründe für diesen Unterschied sind noch nicht vollständig geklärt, möglicherweise spielen hormonelle Faktoren eine Rolle.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Die Erkrankung wird daher auch als "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet. Je nachdem, welcher Teil des Zentralen Nervensystems von einem Schub betroffen ist, können unterschiedliche Funktionen ausfallen.
Häufige Symptome im Frühstadium der MS sind:
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Spannungsgefühl in Armen, Beinen oder im Rumpf
- Sehstörungen: Unscharfes Sehen, Doppelbilder oder Lichtblitze aufgrund einer Entzündung des Sehnervs
- Lähmungen: Muskelschwäche oder Schwierigkeiten bei der Koordination von Bewegungen
- Koordinationsstörungen
- Sprachstörungen
Weitere mögliche Symptome im Krankheitsverlauf sind:
- Gesichtslähmung
- Muskelschwäche
- Gleichgewichtsstörungen
- Störungen des Geschmackssinns
- Gangunsicherheit
- Schmerzen
- Inkontinenz oder Harnverhalt
- Verstopfung
- Rasche Ermüdbarkeit (Fatigue)
- Konzentrationsstörungen
- Persönlichkeitsveränderungen (z. B. Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Depressionen)
- Schlaflosigkeit
- Sexuelle Funktionsstörungen
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose der Multiplen Sklerose kann eine Herausforderung darstellen, da es keine spezifischen Symptome oder Tests gibt, die ausschließlich bei MS vorkommen. Die Diagnose wird in der Regel durch eine Kombination aus verschiedenen Untersuchungen gestellt:
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Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Art, des Verlaufs und der Dauer der Symptome. Es ist wichtig, dass Betroffene in diesem Gespräch von allen Beschwerden berichten, an die sie sich erinnern - auch dann, wenn sie harmlos erscheinen oder ein Symptom schon lange wieder abgeklungen ist.
Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Funktion des Gehirns und der Nerven, einschließlich der Muskelkraft, der Koordination, der Reflexe, der Sensibilität und der Hirnnerven. Die verschiedenen Parameter werden standardisiert ermittelt und dokumentiert. Zur Anwendung kommt oftmals die „Expanded Disability Status Scale“ (EDSS). Anhand dieser Skala lässt sich der Grad der Behinderung bei Multipler Sklerose systematisch erfassen.
Kernspintomografie (MRT): Eine MRT des Gehirns und des Rückenmarks ist ein wichtiger Bestandteil der MS-Diagnostik. Mithilfe eines Kontrastmittels können aktive Entzündungsherde im ZNS sichtbar gemacht werden. Die Diagnose-Kriterien verlangen bei einer schubförmig verlaufenden MS, dass diese Entzündungsherde räumlich und zeitlich zerstreut (disseminiert) auftreten.
Liquoruntersuchung: Bei einer Liquoruntersuchung wird Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen und im Labor analysiert. Chronisch-entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem, wie sie unter anderem bei Multipler Sklerose ablaufen, führen zu verschiedenen Auffälligkeiten im Nervenwasser. Dazu zählt unter anderem der Nachweis von bestimmten Eiweiß-Mustern, sogenannten oligoklonalen Banden (OKB).
Neurophysiologische Untersuchungen: Neurophysiologische Untersuchungen, wie evozierte Potenziale (VEP, SSEP, MEP, AEP), können helfen, klinisch nicht nachweisbare Schäden im zentralen Nervensystem nachzuweisen und bestehende Symptome objektiv zu erfassen.
Blut- und Urinuntersuchungen: Die Untersuchung von Blut und Urin im Rahmen der MS-Diagnostik ist vor allem notwendig, um andere mögliche Ursachen für die auftretenden Symptome und Entzündungen im zentralen Nervensystem auszuschließen.
Die Diagnose MS wird in der Regel anhand der McDonald-Kriterien gestellt, die klinische, radiologische und laborchemische Befunde berücksichtigen.
Therapie der Multiplen Sklerose
Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Ziel der Behandlung ist es, die Entzündungen im ZNS und die damit einhergehenden Funktionsausfälle einzudämmen, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Die Behandlung der MS umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien:
Schubtherapie: Während eines akuten Schubs werden entzündungshemmende Medikamente, insbesondere hochdosierte Glukokortikoide (z. B. Kortison), eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Immunprophylaxe (Basistherapie): Zwischen den Schüben werden immunmodulierende Medikamente eingesetzt, um die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es stehen zahlreiche Wirkstoffe zur Verfügung, die abhängig von der Schwere der Schübe und des Krankheitsverlaufs angewendet werden.
Symptomatische Therapie: Verschiedene Medikamente und Therapien können eingesetzt werden, um spezifische Symptome der MS zu behandeln, wie z. B. Spastik, Schmerzen, Fatigue, Blasenfunktionsstörungen oder Depressionen.
Nicht-medikamentöse Therapien: Verschiedene unterstützende Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der MS, darunter:
- Krankengymnastik: zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit
- Ergotherapie: zur Verbesserung der Alltagsfähigkeiten
- Logopädie: zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen
- Psychotherapie: zur Bewältigung der psychischen Belastungen der Erkrankung
Leben mit Multipler Sklerose
Das Leben mit Multipler Sklerose kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können viele Betroffene ein erfülltes Leben führen. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen.
Weitere wichtige Aspekte im Leben mit MS sind:
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen: zur Überwachung des Krankheitsverlaufs und Anpassung der Therapie
- Gesunde Lebensweise: ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen
- Stressmanagement: Stress kann Schübe auslösen oder verstärken, daher ist es wichtig, Stress zu reduzieren und Entspannungstechniken zu erlernen
- Anpassung des Arbeitsplatzes und des Wohnumfelds: um den Alltag zu erleichtern
- Sozialleistungen: Informationen über mögliche Sozialleistungen und Unterstützungsmöglichkeiten
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