Naloxon: Wirkung, Rezeptoren und Anwendung in der Nervenzelle

Naloxon ist ein lebensrettendes Medikament, das als Antidot bei Opioid-Vergiftungen und zur Behandlung von Atemdepressionen nach Operationen eingesetzt wird. Es gehört zur Klasse der Opioid-Antagonisten und wirkt, indem es die Opioid-Rezeptoren im Körper blockiert. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Naloxon, seine Anwendungsgebiete, die richtige Anwendung, mögliche Nebenwirkungen und wichtige Hinweise zur Verabreichung.

Wirkungsweise von Naloxon

Naloxon ist ein morphinähnlicher Wirkstoff, der an Opioid-Rezeptoren im Gehirn und Rückenmark binden kann. Opioide, wie Heroin, Methadon, Fentanyl und andere, entfalten ihre Wirkung, indem sie an diese Rezeptoren andocken und die Erregbarkeit von Nervenzellen hemmen. Naloxon konkurriert mit diesen Opioiden um die Bindungsstellen und verdrängt sie von den Rezeptoren. Dadurch wird die Wirkung der Opioide aufgehoben oder zumindest reduziert.

Die Blockade der Rezeptoren durch Naloxon ist kompetitiv, was bedeutet, dass eine ausreichend hohe Dosis an Opioid den Wirkstoff wieder von den Rezeptoren verdrängen kann. Daher ist es wichtig, bei einer Opioid-Überdosierung genügend Naloxon zu verabreichen, um die Opioide wirksam zu blockieren.

Trotz seiner Fähigkeit, an Opioid-Rezeptoren zu binden, hat Naloxon selbst keine opioidartige Wirkung und führt nicht zu psychischer oder physischer Abhängigkeit.

Anwendungsgebiete von Naloxon

Naloxon wird in verschiedenen Situationen eingesetzt, in denen Opioide eine Rolle spielen:

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  • Opioid-Überdosierung: Naloxon ist das Mittel der Wahl bei jeder Art von Überdosierung oder Vergiftung mit Opioiden. Es hebt die lebensbedrohliche Atemdepression auf und kann so Leben retten. Mehr als zwei Drittel der Drogentoten im Jahr 2017 in den USA starben an einer Opioid-Überdosis.
  • Atemdepression: Eine herabgesetzte Atmung (Atemdepression) infolge einer zu hohen Dosis Opioid-Schmerzmittel kann ebenfalls mit Naloxon behandelt werden. Dies ist besonders relevant nach Operationen, bei denen Opioid-Analgetika zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
  • Differenzialdiagnose bei unklarer Atemdepression: Naloxon kann auch zur Diagnose eingesetzt werden, wenn die Ursache einer Atemdepression unklar ist. Da Naloxon nur die Wirkung von Opioiden aufhebt, kann es helfen, andere Ursachen wie eine Überdosierung von Benzodiazepinen auszuschließen.

Zusätzlich zu diesen Akutsituationen wird Naloxon auch in Kombination mit Opioiden in bestimmten Medikamenten eingesetzt:

  • Missbrauchsprävention: In Deutschland und der Schweiz ist Naloxon in Kombination mit dem Opioid-Schmerzmittel Tilidin erhältlich (zur oralen Anwendung). Bei korrekter oraler Anwendung hat Naloxon keine Wirkung, da es in der Leber schnell inaktiviert wird. Wird das Tilidin-Naloxon-Mischpräparat jedoch missbräuchlich von Heroin-Abhängigen injiziert, entfaltet Naloxon seine Wirkung und hemmt den opioiden Effekt von Tilidin. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Oxycodon-Naloxon-Präparate.
  • Reduktion von Nebenwirkungen: In Kombination mit Oxycodon wird Naloxon auch in Retardtabletten verarbeitet. Hierbei hat der Wirkstoff die Aufgabe, die Nebenwirkungen des Opioids im Darm (Verstopfung) aufzuheben.

Richtige Anwendung von Naloxon

Naloxon wird in der Regel parenteral verabreicht, d.h. direkt in eine Vene (intravenös), einen Muskel (intramuskulär) oder unter die Haut (subkutan). Dies ermöglicht eine schnelle Verteilung des Wirkstoffs im Körper und ein rasches Anfluten im Gehirn.

  • Dosierung bei Erwachsenen: Zur Behandlung einer Atemdepression nach einer Operation erhalten erwachsene Patienten in der Regel 0,1 bis 0,2 Milligramm des Wirkstoffes intravenös alle zwei bis drei Minuten, bis eine ausreichende Atemfunktion wiederhergestellt ist. Bei einer Opioidvergiftung werden ebenfalls 0,1 bis 0,2 Milligramm alle zwei bis drei Minuten verabreicht bis zu einer Enddosis von vier bis zehn Milligramm. Die Maximaldosis von 24 Milligramm Naloxon pro Tag sollte nicht überschritten werden.
  • Dosierung bei Kindern: Bei Kindern richtet sich die Dosierung nach dem Körpergewicht.
  • Naloxon-Nasenspray: Für Angehörige von Opioid-Abhängigen ist mittlerweile ein Naloxon-haltiger Nasenspray zugelassen. In den USA steht darüber hinaus ein Auto-Injektor zur Verfügung. In Deutschland ist ein Naloxon-Nasenspray mit dem Namen „Nyxoid“ zugelassen. Nyxoid ist kein Ersatz für die medizinische Notfallversorgung. Es ermöglicht eine einfache und schnelle Anwendung ohne Dosierungsfragen und Verletzungsrisiken.

Anwendung von Nyxoid Nasenspray:

  1. Lege die Person auf den Rücken.
  2. Stütze den Nacken ab und beuge den Kopf leicht nach hinten.
  3. Führe die Sprühdüse vorsichtig in ein Nasenloch ein.
  4. Drücke kräftig auf den Kolben, bis es klickt und die Dosis freigegeben wird.
  5. Entferne anschließend die Düse aus dem Nasenloch.

Es ist wichtig zu beachten, dass Naloxon eine kurze Wirkdauer hat (ca. 30-90 Minuten). Die Wirkdauer ist also deutlich kürzer als die von Heroin. Daher kann es erforderlich sein, die Dosis zu wiederholen oder eine kontinuierliche Infusion zu verabreichen, um einen Rückfall der Atemdepression zu verhindern. Nach der Anwendung von Naloxon ist eine sorgfältige Überwachung des Patienten erforderlich, da die Wirkung langwirksamer Opioide nach dem Abklingen der Naloxon-Wirkung erneut auftreten kann.

Nebenwirkungen von Naloxon

Obwohl Naloxon ein sicheres Medikament ist, können unerwünschte Wirkungen auftreten, insbesondere bei Opioid-abhängigen Personen:

  • Sehr häufige Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Blutdruckanstieg, akutes Entzugssyndrom und - bei operierten Patienten, die ein Opioid-Schmerzmittel erhalten haben - eine Aufhebung der schmerzstillenden Wirkung.
  • Häufige Nebenwirkungen: Schwindel, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen (Tachykardie), Blutdruckschwankungen (Hypertonie oder Hypotonie).
  • Gelegentliche Nebenwirkungen: Tremor, Schwitzen, Nervosität, Hyperventilation, Arrhythmien oder Bradykardien.
  • Seltene Nebenwirkungen: Krampfanfälle, Herzstillstand, Lungenödem.

Ein akutes Opioid-Entzugssyndrom ist keine Nebenwirkung von Naloxon im eigentlichen Sinne, sondern eine Folge der plötzlichen Aufhebung der Opioidwirkung bei abhängigen Personen. Zu den typischen Entzugssymptomen gehören Erregung, Angst, Unruhe, Tachykardie, Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen. In schweren Fällen kann es zu Hypertonie, Herzrhythmusstörungen, Herzstillstand und Lungenödem kommen.

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Wichtige Hinweise zur Anwendung von Naloxon

Bei der Anwendung von Naloxon sind folgende Punkte zu beachten:

  • Gegenanzeigen: Bei einem Opiatentzugssyndrom darf Naloxon nicht gegeben werden. Bei Bluthochdruck und Koronarer Herzkrankheit (KHK) sollte der Wirkstoff nur mit Vorsicht angewendet werden. Es kann Kammerflimmern auftreten - eine lebensgefährliche Herzrhythmusstörung.
  • Wechselwirkungen: Mit Ausnahme von Opioiden, deren Wirkung Naloxon antagonisiert, liegen keine ausreichenden Daten vor, die eine klinisch relevante Wechselwirkung mit anderen Medikamenten nahelegen. Allerdings kann es bei Patienten, die aufgrund einer Clonidin-Überdosierung im Koma liegen, zu schwerwiegenden Hypertonien kommen, wenn Naloxon verabreicht wird. Auch die Datenlage zu Wechselwirkungen zwischen Naloxon und Alkohol ist nicht eindeutig.
  • Altersbeschränkung: Naloxon kann bei gegebener Indikation ab der Geburt verabreicht werden.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Während der Schwangerschaft und Stillzeit wird die Anwendung von Naloxon sehr sorgfältig überlegt. Der Wirkstoff wird nur, wenn unbedingt notwendig, gegeben (strenge Indikationsstellung). Es ist nicht bekannt ob Naloxon in die Muttermilch übergeht. Das Stillen sollte sicherheithalber für 24 Stunden unterbrochen werden. Tierexperimentelle Studien zeigten bei Ratten, die in utero Naloxon ausgesetzt waren, postnatal Veränderungen der Geschwindigkeit in der neurobehavioralen Entwicklung sowie einen Anstieg der neonatalen Morbidität und ein verringertes Körpergewicht.
  • Verkehrstüchtigkeit und Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen: Nach Anwendung von Naloxon zur Aufhebung der Wirkung von zuvor verabreichten Opioiden muss eine sorgfältige Überwachung sichergestellt sein, da wegen der langen Halbwertszeit von manchen Opioiden trotz vorübergehender ausreichender Atemfunktion und Vigilanz des Patienten eine erneute Atemdepression auftreten kann. Aus diesem Grund dürfen Patienten für 24 Stunden keine Tätigkeiten ausüben, die volle geistige Aufmerksamkeit erfordern, so etwa das Bedienen von gefährlichen Maschinen oder eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr.
  • Verschreibungspflicht: Naloxon ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig, also nur nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts in der Apotheke erhältlich. Nyxoid darf auf Kassenrezept allerdings nur Opioidkonsument*innen verschrieben werden sowie Personen, die sich in einer Substitutionsbehandlung befinden.

Naloxon und Opioid-Rezeptoren in der Nervenzelle

Naloxon bindet selektiv und reversibel an alle drei Opioid-Rezeptoren (μ-, κ-, δ-). Der für die Pharmakologie wichtigste Opioid-Rezeptor ist der μ-Rezeptor, weil hauptsächlich über ihn die erwünschte, starke spinale und supraspinale Analgesie einerseits, aber auch die Atemdepression, Euphorie und starke Abhängigkeit andererseits vermittelt wird.

Naloxon hebt die über die βγ-Untereinheit des G-Proteins vermittelte Hemmung der neuronalen Erregung infolge einer Hyperpolarisation der Nervenzelle durch Öffnung von Kalium-Kanälen und Hemmung des Calcium-Einstroms auf.

Alternative Schmerztherapie ohne Opioide

Die Opioidkrise in den USA hat die Notwendigkeit alternativer Schmerztherapien ohne das Suchtpotential von Opioiden verdeutlicht. Studien haben gezeigt, dass Meditation das Schmerzempfinden beeinflussen kann, jedoch nicht über die Opioid-Rezeptoren im Gehirn. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung chronischer Schmerzen ohne die Risiken einer Opioidtherapie.

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