Fingertapping-Test in der Neurologie: Durchführung, Bewertung und Anwendung

Einführung

Der Fingertapping-Test (FTT) ist eine einfache, aber aufschlussreiche neurologische Untersuchungsmethode, die zur Beurteilung der feinmotorischen Fähigkeiten und der Geschwindigkeit der Bewegungsabläufe dient. Er findet Anwendung bei der Diagnose und Verlaufskontrolle verschiedener neurologischer Erkrankungen, insbesondere bei Morbus Parkinson und Schlaganfall. Dieser Artikel beleuchtet die Durchführung, Bewertung und klinische Bedeutung des Fingertapping-Tests.

Durchführung des Fingertapping-Tests

Der Fingertapping-Test kann auf verschiedene Weisen durchgeführt werden, wobei die grundlegende Methodik darin besteht, dass der Patient mit einem oder mehreren Fingern so schnell wie möglich auf eine Unterlage oder ein Gerät tippt. Die Anzahl der Tippbewegungen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne (meist 10-60 Sekunden) wird gemessen und ausgewertet.

Hier sind einige gängige Varianten des Fingertapping-Tests:

  • Einfinger-Test: Der Patient tippt mit dem Zeigefinger auf einem oder zwei voneinander entfernt liegenden Pads.
  • Zweifinger-Test: Der Patient tippt mit Zeige- und Mittelfinger auf zwei benachbarten Pads.
  • Alternierender Fingertapping-Test: Zusätzlich zum Tippen der Finger wird gleichzeitig die kontralaterale Hand in Pronation und Supination bewegt.

Ergänzende Untersuchungen

Zusätzlich zum Fingertippen werden oft andere motorische Tests durchgeführt, um ein umfassenderes Bild der motorischen Fähigkeiten des Patienten zu erhalten. Dazu gehören beispielsweise:

  • Diadochokinese: Beurteilung der Fähigkeit, schnell wechselnde Bewegungen auszuführen (z.B. "Händedrehen", Klatschen mit wechselnder Pronation/Supinationsbewegung der Hand).
  • Fuß-Tippen: Patient soll im Sitzen mit Ferse rasch hintereinander auf den Fußboden klopfen oder Selbe Position, Durchführung mit Fußspitze.

Bewertung des Fingertapping-Tests

Die Ergebnisse des Fingertapping-Tests werden anhand verschiedener Kriterien bewertet. Dazu gehören:

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  • Geschwindigkeit: Die Anzahl der Tippbewegungen pro Zeiteinheit. Eine Verlangsamung der Tippgeschwindigkeit kann auf eine motorische Störung hindeuten.
  • Regelmäßigkeit: Die Gleichmäßigkeit der Tippbewegungen. Unregelmäßige Tippbewegungen können auf einen Tremor oder eine Ataxie hindeuten.
  • Amplitude: Die Größe der Tippbewegungen. Eine verminderte Amplitude kann auf eine Steifigkeit oder eine Bradykinesie hindeuten.
  • Seitenvergleich: Vergleich der Ergebnisse beider Hände. Eine Seitendifferenz kann auf eine einseitige motorische Störung hindeuten.

Bei der Beurteilung des Fingertapping-Tests ist es wichtig, das Alter, Geschlecht und Bildungsniveau des Patienten zu berücksichtigen, da diese Faktoren die Testergebnisse beeinflussen können.

Qualitative Beobachtungen

Neben der quantitativen Auswertung der Tippgeschwindigkeit werden auch qualitative Aspekte des Testverhaltens beobachtet. Dazu gehören:

  • Eudiadochokinese: Fähigkeit, flüssige, rhythmische, wechselseitige Bewegungen auszuführen.
  • Bradydiadochokinese: Verlangsamte Ausführung wechselseitiger Bewegungen.
  • Ataxie: Koordinationsstörung.
  • Tremor: Zittern.
  • Dysmetrie: Ungenauigkeit bei zielgerichteten Bewegungen.
  • Athetose: Langsame, wurmartige Bewegungen.

Klinische Bedeutung des Fingertapping-Tests

Der Fingertapping-Test ist ein wertvolles Instrument zur Diagnose und Verlaufskontrolle verschiedener neurologischer Erkrankungen.

Morbus Parkinson

Der Fingertapping-Test ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnose und Verlaufskontrolle von Morbus Parkinson. Patienten mit Morbus Parkinson zeigen oft eine Verlangsamung der Tippgeschwindigkeit, eine Abnahme der Amplitude und eine Zunahme der Unregelmäßigkeit der Tippbewegungen. Der Fingertapping-Test kann auch verwendet werden, um die Wirksamkeit von Medikamenten zur Behandlung von Morbus Parkinson zu überwachen.

Eine Studie untersuchte die diskriminatorische Leistungsfähigkeit verschiedener Finger-Tapping-Tests (FT) bei 86 Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS) und 136 gesunden Freiwilligen. Die Ergebnisse wurden mit den Testwerten beim Purdue Pegboard-Tests (PPB) und dem Rating auf der Modified Columbia Scale (MCS) verglichen. Alle FT-Werte korrelierten signifikant mit den Testergebnissen des Steckbord-Tests und invers mit der Krankheitsdauer sowie mit der Krankheitsschwere nach der MCS.

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Schlaganfall

Der Fingertapping-Test kann auch zur Beurteilung der motorischen Funktion nach einem Schlaganfall eingesetzt werden. Patienten mit einem Schlaganfall zeigen oft eine Schwäche oder Lähmung einer Körperseite, die sich auch in einer Verlangsamung der Tippgeschwindigkeit und einer Abnahme der Amplitude der Tippbewegungen auf der betroffenen Seite äußern kann. Der Fingertapping-Test kann verwendet werden, um den Fortschritt der Rehabilitation nach einem Schlaganfall zu überwachen.

Andere neurologische Erkrankungen

Der Fingertapping-Test kann auch bei der Diagnose und Verlaufskontrolle anderer neurologischer Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Chorea Huntington und Dystonie eingesetzt werden.

Fingertapping-Test und Wearable-Technologie

Neue Technologien wie Smartwatches und Smartphones eröffnen neue Möglichkeiten für die Durchführung und Auswertung des Fingertapping-Tests. Diese Geräte sind mit Akzelerometern und Gyroskopen ausgestattet, die die Bewegungen des Patienten präzise aufzeichnen können. Dies ermöglicht eine objektivere und kontinuierlichere Überwachung der motorischen Funktion.

Eine Studie untersuchte die Möglichkeiten der Nutzung von Wearables zur Verfolgung des Verlaufs von Morbus Parkinson. Die Ergebnisse zeigten, dass Smartwatches und Smartphones in der Lage sind, Veränderungen in der motorischen Funktion von Parkinson-Patienten zu erfassen, wie z.B. eine Verringerung des Armschwungs, eine Zunahme des Tremors und eine Abnahme der Schrittzahl. Am Smartphone können die Patienten neurophysiologische Tests durchführen wie das „Finger tapping“, bei dem die Patienten in rascher Folge auf das Display tippen.

Validierung motorischer Funktionstestergebnisse

Bei der Interpretation der Ergebnisse des Fingertapping-Tests ist es wichtig, mögliche Einflüsse von motivationalen Faktoren zu berücksichtigen. Eine Verlangsamung der Tippgeschwindigkeit kann nicht nur auf eine motorische Störung, sondern auch auf eine mangelnde Motivation des Patienten zurückzuführen sein.

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Um motivationale Faktoren zu berücksichtigen, können Performanz-Validierungs-Tests (PVT) eingesetzt werden. PVTs sind Tests, die entwickelt wurden, um die Gültigkeit der Testleistungen des Patienten zu überprüfen. Wenn schwierige Teilbereiche einer motorischen Funktion gut gelingen, einfache Teilbereiche der gleichen Funktion aber nicht, so gilt dies als neuropsychologisch nicht plausibel und deutet auf eine mögliche Unterschätzung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit hin.

Feinmotorische Funktionen im Überblick

Motorische Funktionen leisten wichtige Beiträge zur individuellen Alltagsbewältigung, entsprechend kann ihre differenzierte Beschreibung und Bewertung wesentlich zum Verständnis und zur Beurteilung des Funktionsniveaus, aber auch arbeitsbezogener und sportlicher Aktivitäten einer Person beitragen. Eine Sonderstellung nehmen dabei feinmotorische Funktionen ein. Sie bezeichnen die Kontrolle umschriebener präziser Bewegungen, die mit den Händen, Fingern, dem Mund und Gesichtsmuskeln, gegebenenfalls auch mit Füßen oder Zehen durchgeführt werden. Insbesondere der Feinmotorik der Hände kommt in der Funktionsbeurteilung eine exponierte Bedeutung zu, weil Hände in sehr vielen Situationen gebraucht werden und sich Einschränkungen hier auf das gesamte Leistungsniveau der Betroffenen auswirken können. Solche Einschränkungen können es schwer oder unmöglich machen, selbst einfache praktische Tätigkeiten durchzuführen und Alltagsanforderungen, erst recht aber komplexe motorische Anforderungen zu meistern.

Fleishmans Systematik motorischer Fähigkeiten

Fleishman entwickelte 1967 eine fähigkeitsbezogene Systematik zur Unterscheidung und Beurteilung motorischer Funktionsmerkmale. Nach seinen Literaturanalysen und darauf basierender umfassender wissenschaftlicher Reflexion entstand die in Tab. 1 aufgeführte Zusammenstellung, die auch für die Beurteilung feinmotorischer Funktionen genutzt werden kann (Fleishman et al., 1984).

Die Systematik umfasst unter anderem folgende Fähigkeiten:

  • Wahrnehmungsgeschwindigkeit
  • Präzision der Kontrolle
  • Mehrfachkoordination
  • Reaktionsorientierung
  • Ratensteuerung
  • Reaktionszeit
  • Arm-Hand-Stabilität
  • Manuelle Geschicklichkeit
  • Fingerfertigkeit
  • Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit
  • Bewegungsgeschwindigkeit der Körperglieder
  • Selektive Aufmerksamkeit
  • Time-Sharing
  • Statische Kraft
  • Explosive Kraft

Apraxie-Prüfung

Im klinischen Kontext wird insbesondere bei vermuteter Demenz oder bei älteren Menschen das zielgerichtete, zweckmäßige motorische Handeln, basierend auf Bewegungsplanung mit zeitlicher und räumlicher Koordinierung von Bewegungsabläufen, auch als „Praxie“ bezeichnet. Die Apraxie-Prüfung dient der Beurteilung dieser Fähigkeit.

Geeignete Instrumente für die Apraxie-Prüfung sind z. B. das KAS Kölner Apraxie-Screening (Weiss et al., 2013), das im Internet kostenlos herunterzuladende Screening-Verfahren AST Apraxia Screen of TULIA (Vanbellingen & Bohlhalter, 2009) oder FABERS Florida Apraxia Battery-Extended and Revised Sydney (Power et al., 2009).

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