Neurologie und Neurorehabilitation: Ein umfassender Leitfaden

Die neurologische Rehabilitation hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer hochspezialisierten Fachdisziplin entwickelt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über wichtige Aspekte der Neurologie und Neurorehabilitation, basierend auf aktuellen Lehrbüchern und Fachliteratur. Dabei werden sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Anwendungen für Therapeuten und andere Fachkräfte beleuchtet.

Einführung in die Neurologie und Neurorehabilitation

Nach einer Schädigung des Nervensystems verbleiben oft behindernde Defizite, die eine langsame oder gar keine Rückbildungstendenz zeigen. Die neurologisch-neurochirurgische Rehabilitation hat sich zu einem zunehmend technisierten Zweig der Neurowissenschaften entwickelt. Moderne, validierte Therapieverfahren mit Wirkungsnachweisen im Sinne der evidenzbasierten Medizin ermöglichen eine signifikante Reduktion des pflegerischen Unterstützungsbedarfs und können sogar zur Wiedererlangung der Berufsfähigkeit beitragen.

Grundlagen der Physiotherapie in der Neurologie

Ein wichtiger Aspekt der Neurorehabilitation ist die Physiotherapie. Der "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" von Anke Hengelmolen-Greb und Michael Jöbges unterstützt Therapeuten bei der individuellen Therapiegestaltung und gibt Orientierung in der täglichen Praxis mit neurologischen Patienten.

Clinical Reasoning als Basis der Therapieplanung

Ausgehend vom Clinical-Reasoning (CR)-Prozess als Grundlage jeder Therapieplanung und -durchführung werden häufige neurologische Syndrome, die neurofunktionellen Systeme sowie Diagnosen und Krankheitsbilder beschrieben. Im Sinne des CR werden für die Therapie immer auch die zugrundeliegenden Störungen bzw. betroffenen Systeme einbezogen und berücksichtigt. Ein separates Kapitel stellt die physiotherapeutischen Behandlungsverfahren mit ihren spezifischen Herangehensweisen vor. Darüber hinaus erhalten Therapeuten aktuelles Wissen über Lernprozesse, diagnostische Verfahren, Medikamente sowie wissenschaftliches Arbeiten.

Inhalte und Struktur des "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie"

Der Leitfaden ist in zehn Kapitel unterteilt, die verschiedene Aspekte der neurologischen Physiotherapie abdecken:

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  1. Physiotherapeutische Befunderhebung und Diagnostik: Dieses Kapitel bildet den Start mithilfe der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit). An einem Patientenbeispiel wird die ICF-Sprache erklärt.
  2. Häufige Neurologische Symptome: Dieses Kapitel ist als "Schlagwort-Kapitel" konzipiert, um Therapeuten, die nach gängigen Begrifflichkeiten suchen, schnell weiterzuleiten.
  3. Neurofunktionelle Systeme: Dieses Kapitel dient als Checkliste der neurofunktionellen Systeme. Der therapeutische Grundgedanke ist: "Was ist denn das Hauptproblem meines Patienten?" Wenn das Hauptproblem definiert wurde, soll der Therapeut an weitere Systeme denken, die mit dem betroffenen System in Verbindung stehen. Dieses System-Kapitel begleitet und lenkt den Clinical-Reasoning-Prozess des Therapeuten.
  4. Krankheitsbilder: Dieses Kapitel beschreibt Diagnosen und Krankheitsbilder, deren Symptome sich häufig in Kapitel 3 wiederfinden. Es werden spezifische Aspekte, Risikofaktoren und Kontraindikationen für jedes Krankheitsbild erläutert.
  5. Therapeutische Verfahren - Grundlagen und Spezifika: Dieses Kapitel stellt die verschiedenen therapeutischen Schulen vor. Es wird erläutert, wie die einzelnen Verfahren mit den Störungen der neurofunktionellen Systeme umgehen und was für die jeweilige Herangehensweise spezifisch ist.
  6. Neuronale Plastizität: Unsere Fähigkeit zu Lernen: Dieses Kapitel erklärt und beleuchtet menschliche Lernprozesse. Es werden die Unterschiede herausgearbeitet, wie sich der Lernprozess eines neurologisch geschädigten Menschen verändern kann und ob und wie diese Lernprozesse ggf. trotzdem vergleichbar sind.
  7. Technische Zusatzdiagnostik: Dieses Kapitel beleuchtet diagnostische Verfahren.
  8. Medikamente: Ziel dieses Kapitels ist es, Medikamente zu nennen und zu erklären, die den Lernprozess des Patienten deutlich beeinflussen können und somit hohe therapeutische Relevanz haben.
  9. Wissenschaftliches Arbeiten für Therapeuten: Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem wissenschaftlichen Arbeiten und zielt darauf ab, dass Therapeuten in der Lage sein sollten, Studien zu finden, diese zu lesen und zu werten. Die Literatursuche soll vom Clinical-Reasoning-Prozess geprägt sein.
  10. Adressen: Dieses Kapitel bietet wichtige Adressen von Selbsthilfegruppen, Gesellschaften, Vereinen und Institutionen, an die sich Therapeuten wie auch Patienten, Angehörige etc. wenden können, um Hilfestellung und Informationen zu erhalten.

Die Rolle der ICF in der Neurorehabilitation

Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) spielt eine zentrale Rolle in der modernen Neurorehabilitation. Sie ermöglicht eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Patienten, bei der die Arbeit an der jeweiligen Aktivität und Partizipation im Vordergrund steht. Der ICF-Bezug wird im "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" konsequent umgesetzt und dient als Grundlage für die Therapieplanung und -durchführung.

Evidenzbasierung in der Neurorehabilitation

Die Neurorehabilitation basiert zunehmend auf evidenzbasierten Erkenntnissen. Dies bedeutet, dass Therapieentscheidungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien und klinischer Erfahrung getroffen werden. Der "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" trägt diesem Aspekt Rechnung, indem er aktuelles Wissen über wissenschaftliches Arbeiten vermittelt und Therapeuten in die Lage versetzt, Studien zu finden, zu lesen und zu bewerten.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die neurologische Rehabilitation erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften und anderen Fachkräften. Nur so kann eine umfassende und individuelle Betreuung der Patienten gewährleistet werden. Der "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" fördert die interdisziplinäre Arbeit, indem er einen Überblick über die verschiedenen Fachrichtungen und ihre jeweiligen Beiträge zur Neurorehabilitation gibt.

Spezifische Krankheitsbilder und therapeutische Ansätze

Die Neurorehabilitation umfasst die Behandlung einer Vielzahl von neurologischen Erkrankungen, darunter Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit und Rückenmarksverletzungen. Für jede dieser Erkrankungen gibt es spezifische therapeutische Ansätze und Behandlungsverfahren.

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept ist ein weit verbreitetes therapeutisches Konzept in der Neurorehabilitation. Es basiert auf der Annahme, dass das Gehirn nach einer Schädigung die Fähigkeit zur neuronalen Plastizität besitzt und neue Verbindungen knüpfen kann. Ziel des Bobath-Konzepts ist es, die Bewegungskontrolle und die funktionellen Fähigkeiten des Patienten zu verbessern, indem normale Bewegungsmuster gefördert und abnormale Bewegungsmuster gehemmt werden. Anke Hengelmolen-Greb ist eine anerkannte Bobath-Instruktorin und Expertin auf diesem Gebiet.

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Andere therapeutische Verfahren

Neben dem Bobath-Konzept gibt es eine Vielzahl weiterer therapeutischer Verfahren, die in der Neurorehabilitation eingesetzt werden, darunter:

  • Manuelle Therapie
  • Ergotherapie
  • Logopädie
  • Neuropsychologie
  • Sporttherapie

Die Auswahl der geeigneten Therapieverfahren hängt von der individuellen Situation des Patienten und seinen spezifischen Bedürfnissen ab.

Technische Unterstützung in der Neurorehabilitation

In den letzten Jahren hat die technische Unterstützung in der Neurorehabilitation an Bedeutung gewonnen. Es gibt eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln und Geräten, die den Therapieprozess unterstützen und die Selbstständigkeit des Patienten fördern können. Dazu gehören beispielsweise:

  • Exoskelette
  • Robotik
  • Virtuelle Realität
  • Biofeedback

Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln sollte jedoch immer in Abstimmung mit dem behandelnden Therapeuten erfolgen.

Medikamentöse Therapie in der Neurorehabilitation

Die medikamentöse Therapie spielt eine wichtige Rolle in der Neurorehabilitation. Es gibt verschiedene Medikamente, die den Therapieerfolg unterstützen und die Symptome der neurologischen Erkrankung lindern können. Dazu gehören beispielsweise:

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  • Muskelrelaxantien
  • Antidepressiva
  • Antiepileptika
  • Schmerzmittel

Die medikamentöse Therapie sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.

Palliativmedizin in der Neurorehabilitation

In der Neurorehabilitation spielt auch die Palliativmedizin eine wichtige Rolle, insbesondere bei Patienten mit fortschreitenden neurologischen Erkrankungen. Ziel der Palliativmedizin ist es, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und ihre Symptome zu lindern. Dazu gehören beispielsweise:

  • Schmerztherapie
  • Atemtherapie
  • Ernährungsberatung
  • Psychologische Betreuung

Die Palliativmedizin sollte immer in enger Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten erfolgen.

Bedeutung der Angehörigen

Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle im Rehabilitationsprozess. Sie können den Patienten unterstützen, motivieren und ihm helfen, seinen Alltag zu bewältigen. Es ist wichtig, die Angehörigen in den Therapieprozess einzubeziehen und ihnen Informationen und Unterstützung anzubieten.

Wissenschaftliches Arbeiten in der Neurorehabilitation

Das wissenschaftliche Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil der Neurorehabilitation. Therapeuten sollten in der Lage sein, Studien zu finden, zu lesen und zu bewerten, um ihre Therapieentscheidungen auf der Grundlage der besten verfügbaren Evidenz zu treffen. Der "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" vermittelt die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens und unterstützt Therapeuten bei der Literatursuche und -bewertung.

Qualitätsmanagement in der Neurorehabilitation

Das Qualitätsmanagement ist ein wichtiger Aspekt der Neurorehabilitation. Es dient dazu, die Qualität der Behandlung zu sichern und zu verbessern. Dazu gehören beispielsweise:

  • Die Entwicklung von Behandlungsleitlinien
  • Die Durchführung von Qualitätskontrollen
  • Die Erfassung von Patientendaten
  • Die Auswertung von Behandlungsergebnissen

Das Qualitätsmanagement sollte immer in enger Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften erfolgen.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Die Neurorehabilitation steht vor einer Reihe von Herausforderungen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Der demografische Wandel und die Zunahme von neurologischen Erkrankungen
  • Der Fachkräftemangel
  • Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind innovative Konzepte und Strategien erforderlich. Dazu gehören beispielsweise:

  • Die Entwicklung neuer Technologien
  • Die Stärkung der interdisziplinären Zusammenarbeit
  • Die Förderung der evidenzbasierten Medizin
  • Die Verbesserung der Versorgungsstrukturen

Die Neurorehabilitation hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Dank neuer Erkenntnisse und Technologien können heute viele Patienten mit neurologischen Erkrankungen erfolgreich behandelt und rehabilitiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Neurorehabilitation auch in Zukunft weiterentwickelt wird, um noch mehr Patienten zu helfen und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Autoren und Herausgeber

Der "Leitfaden Physiotherapie in der Neurologie" wurde von Anke Hengelmolen-Greb und Michael Jöbges herausgegeben.

Anke Hengelmolen-Greb ist Physiotherapeutin, Bobath-Instruktorin (IBITA) und hat einen Master of Science in Neurorehabilitation & Neurorehabilitations-Forschung. Sie ist seit 1992 in der Neurologischen Rehabilitationsklinik Bad Camberg tätig und berät Kliniken in konzeptionellen Fragen. Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bobath-Therapeuten Deutschlands und hat in Fachzeitschriften und Büchern insbesondere zu den Themen Bobath, Neurorehabilitation und evidenzbasierte Therapie publiziert.

Prof. Dr. med. Michael Jöbges ist Chefarzt der Neurologie der Brandenburgklinik Bernau bei Berlin und Ärztlicher Direktor der Brandenburgklinik. Zusätzlich hat er eine Professur für Neurowissenschaften an der Hochschule für Gesundheit in Gera inne. Prof. Jöbges ist derzeit 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neurorehabilitation sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bobath-Therapeuten Deutschlands.

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