Die Tiefe Hirnstimulation (THS), umgangssprachlich auch als "Hirnschrittmacher" bezeichnet, ist eine etablierte und vielversprechende Therapieoption zur Behandlung verschiedener neurologischer Bewegungsstörungen. Seit ihrer Einführung in den späten 1980er Jahren hat sich die THS weltweit bei etwa 85.000 Patienten bewährt. Diese Therapieform kann eine deutliche und lang anhaltende Linderung der Symptome bewirken und somit die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern.
Was ist Tiefe Hirnstimulation (THS)?
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine etablierte Therapieoption für Bewegungsstörungen. Bei der THS werden feine Elektroden in das Gehirn implantiert. Diese Elektroden stimulieren die gestörte Hirnfunktion mit schwachen, hochfrequenten Strömen. Durch diese Stimulierung wird die Hirnfunktion weitgehend normalisiert.
Für die Hirnstimulation werden dem Patienten mit einem stereotaktischen Zielgerät eine oder zwei dünne Elektroden implantiert. Diese Elektroden sind mit unter der Haut verlegten Kabeln mit einem Impulsgeber im Bereich der Brust verbunden. Der Impulsgeber gibt dauerhaft elektrische Impulse an die Zielregion im Gehirn ab, wodurch diese in ihrer Funktion moduliert wird und überaktive Gehirnareale dauerhaft elektrisch beruhigt werden.
Anwendungsbereiche der THS
Die THS ist zur Behandlung vieler neurologischer Erkrankungen zugelassen. Etabliert hat sich die THS weltweit zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung. Daneben werden Patienten mit essentiellem Tremor sowie mit schwerwiegenden Dystonien mittels THS behandelt. In Einzelfällen kommt die THS zudem bei der Huntington-Erkrankung (Chorea Huntington) sowie bei ausgewählten Tic-Störungen (Tourette-Syndrom) in Frage.
Im August wurde berichtet, dass eine tiefe Hirnstimulation im Kleinhirn, die einen Signalweg zur Großhirnrinde verstärkt, in einer Phase-1-Studie die Rehabilitation (Reha) von Schlaganfallpatienten verbessert hat, die zuvor über mehr als ein Jahr kaum Fortschritte erzielt hatten.
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Wirkungsweise der THS
Bei der THS handelt es sich um eine sogenannte symptomatische Behandlung. Das bedeutet, dass die THS im Idealfall die Symptome der zu Grunde liegenden Krankheit deutlich bessert. Zum Beispiel kann mittels THS bei Patienten mit M. Parkinson eine bessere Beweglichkeit erreicht werden und das Muskelzittern gemindert oder mitunter sogar vollständig ausgeschaltet werden. Analog kann durch die THS das Zittern beim essentiellen Tremor oder die Überbeweglichkeit oder Gelenkfehlstellung bei der Dystonie häufig deutlich gebessert werden. Somit kann in aller Regel eine deutliche Reduktion der notwendigen Medikamentendosis erreicht werden, insbesondere bei der Parkinson-Krankheit. Sobald die THS ausgeschaltet wird, treten die ursprünglichen Beschwerden allerdings erneut auf. Die THS führt also nicht zu einer Heilung der jeweiligen Erkrankung.
Der Behandlungsprozess
Die Behandlung mit THS kann bis zu fünf Phasen umfassen, sodass die gesamte Behandlung von Anfang bis Ende einige Zeit in Anspruch nehmen kann.
Phase 1: Eignungsprüfung
Der erste Schritt Ihrer Behandlung besteht darin zu verstehen, ob die THS für Sie in Frage kommt. In dieser Phase werden durch Fachärzt:innen für Neurologie eingehende Untersuchungen und Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass Sie ein guter Kandidat / eine gute Kandidatin für die THS sind. Dazu gehören in der Regel eine routinemäßige Blutuntersuchung, die Erfassung des allgemeinen Gesundheitszustands, eine neuropsychologische Beurteilung, die Bildgebung des Gehirns mittels MRT / CT sowie ein L-Dopa-Test.
Phase 2: Die THS-Operation
Die THS-Operation gliedert sich in zwei Phasen. Zuerst werden die Elektroden im Gehirn platziert. Dieser Eingriff erfolgt manchmal im Wachzustand, da während des Eingriffs in einigen Implantationszentren bestimmte Tests durchgeführt werden, mit denen man die korrekte Platzierung der Elektroden sicherstellen kann. Der Eingriff kann zwischen 4 und 8 Stunden dauern. Im zweiten Schritt wird der Stimulator unter die Haut im Bereich des Schlüsselbeins implantiert. Der Stimulator kann auch im Bauchbereich implantiert werden. Die bereits zuvor implantierten Elektroden werden durch eine Verlängerung mit dem Stimulator verbunden. Die Implantation des Stimulators wird immer in Vollnarkose durchgeführt.
Phase 3: Individuelle Anpassung der Stimulation
Die Stimulation wird dabei für jeden Patienten / jede Patientin individuell angepasst. In den Monaten nach der THS-Operation sind Sie im engen Austausch mit dem medizinischen Team, denn in diesem Zeitraum wird die Stimulation immer weiter individuell an Sie angepasst.
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Wie erfolgt die Indikationsstellung?
Wenn Sie sich unverbindlich informieren wollen, ob in Ihrem Fall eine THS in Frage kommt, können Sie sich jederzeit in der Ambulanz für Tiefe Hirnstimulation vorstellen. In einem Gespräch mit dem zuständigen THS-Arzt werden wir dort Ihre Krankengeschichte (Anamnese) erheben und Ihre Befunde (MRT, CT u.a.) auswerten. Bitte bringen Sie dazu alle Ihnen vorliegen Voruntersuchungen mit. In einem nächsten Schritt erfolgt eine interdisziplinäre Besprechung in unserem THS-Board, um die Indikation in Ihrem individuellen fall zu überprüfen und mögliche Risiken sorgfältig abzuwägen. Sollten Sie für eine THS-OP in Frage kommen, erhalten Sie einen zeitnahen Aufnahmetermin auf unsere Spezialstation für THS.
Wie verläuft die Behandlung?
Die eigentliche Operation erfolgt bei uns in zwei Schritten. Im ersten Schritt werden dem Patienten durch 2 kleine Bohrlöcher im Schädelknochen Elektroden in das Gehirn eingeführt und - je nach Erkrankung - an den jeweils für die optimale Wirkung besten Zielpunkt platziert. Um mit Hilfe von verschiedenen Tests die Wirksamkeit der Stimulation noch während der OP überprüfen zu können, bleiben die Patienten in der Regel wach und benötigen keine Narkose. Selbstverständlich sind sie jedoch so durch Anästhesisten betreut, dass sie während des Eingriffes schmerzfrei sind. Der Impulsgenerator (Hirnschrittmacher) wird in der Regel im Rahmen einer zweiten, kurzen Operation an einem Folgetag implantiert. Im Anschluss werden die Patienten auf unserer Spezialstation überwacht und weiterbehandelt. Der Impulsgeber ist durch die Haut programmierbar und wird einige Tage nach der Operation erstmals eingeschaltet. Die Anpassung der Stimulationsparameter erfolgt langsam und über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Die Weiterbehandlung nach dem stationären Aufenthalt erfolgt in der Regel in einer Rehabilitationseinrichtung. Anschließend sind die Patienten regelmäßig in ambulanter Kontrolle in unserer Spezialambulanz für die Hirnschrittmachertherapie.
Wer behandelt Sie?
Eine erfolgreiche Behandlung mittels THS erfordert eine enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachgebieten einschl. der Neurologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie und Psychiatrie/Neuropsychologie. Alle diese Disziplinen sind am LMU Klinikum vertreten, um die Ihrem Fall bestmögliche Therapie festzulegen. Sollte bei Ihnen eine THS durchgeführt werden, werden Sie während Ihres Aufenthaltes in der Neurologischen Klinik betreut. Die Operation erfolgt durch die Kollegen der Neurochirurgie unter der Leitung von PD Dr. J.H. Mehrkens (Leiter der Abtl. für Stereotaktische Neurochirurgie) in Zusammenarbeit mit der Neurologischen Klinik (Dr. Th. Köglsperger). Die Ambulanz für THS wird von Prof. J.
Erfahrungen von Patienten
Stefan erkrankte bereits vor seinem 30. Lebensjahr an Parkinson. Schon zwei Jahre nach der Diagnose wurde er mit der Tiefen Hirnstimulation behandelt. Heute, mehrere Jahre nach der Operation, ist er wieder voll berufstätig, braucht keine Medikamente mehr einzunehmen und kann sich seiner Familie und seinen Hobbys widmen.
Laura erkrankte schon jung an Parkinson und musste aufgrund der Erkrankung ihre berufliche Karriere beenden.
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Ein anderer Patient berichtet: "Ein Jahr mit deutlich besserer Lebensqualität liegt zwischen der Operation und heute. Ich benötige - wenn überhaupt - die Hälfte meiner bisherigen Medikamente. Entsprechend sind auch die Medikamentennebenwirkungen geringer. Alle, die mich kennen, sagen, ich sei jetzt viel besser drauf, wirke stabiler, energischer, würde wieder schneller laufen und gestikulieren."
Vorteile der THS
- Verbesserung der Beweglichkeit: Die THS kann die Beweglichkeit bei Patienten mit Parkinson deutlich verbessern.
- Reduktion von Muskelzittern: Muskelzittern kann gemindert oder sogar vollständig ausgeschaltet werden.
- Linderung von Tremor und Dystonie: Die THS kann das Zittern beim essentiellen Tremor oder die Überbeweglichkeit oder Gelenkfehlstellung bei der Dystonie häufig deutlich bessern.
- Reduktion der Medikamentendosis: In aller Regel kann eine deutliche Reduktion der notwendigen Medikamentendosis erreicht werden, insbesondere bei der Parkinson-Krankheit.
- Bessere Lebensqualität: Durch die Linderung der Symptome kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessert werden.
- Telemedizinische Nachsorge: Dank neuer Technik sind Anpassungen des Impulsgebers heute auch aus der Ferne möglich. Ärzte können bei einer telemedizinischen Videosprechstunde die Bewegungen der Patienten analysieren und über eine App den Impulsgeber nachjustieren.
Risiken und Komplikationen
Wie bei anderen medizinischen Eingriffen besteht auch bei der Tiefen Hirnstimulation (THS) ein gewisses Risiko für Komplikationen. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Patient oder jede Patientin für diese Therapie geeignet ist. Ein Team von Spezialist:innen wird sich mit Ihnen abstimmen und beraten, um Ihre individuellen Bedürfnisse zu verstehen und das bestmögliche Behandlungsergebnis zu erzielen. Trotz aller Anstrengungen des Teams kann das Ergebnis nicht für alle Patient:innen gleich sein.
- Bei etwa 2 von 100 Operationen kommt es zu einer Hirnblutung, die leicht bis schwer ausfallen kann.
- Es wird geschätzt, dass etwa 1 von 100 Operierten dauerhafte Folgeschäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen durch den Eingriff davonträgt.
- Nach der Operation kann es zu Problemen an den eingesetzten Elektroden und am Schrittmacher kommen. So kann eine Hirnelektrode verrutschen, der Schrittmacher kann aussetzen, außerdem sind Entzündungen oder Hautreizungen möglich.
- Es ist möglich, dass die Hirnstimulation Verhaltensänderungen wie einen gesteigerten Antrieb oder Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen auslöst. Auch Bewegungsprobleme wie eine Verschlechterung des Ganges, Gleichgewichtsstörungen, eine verwaschene Sprache und vorübergehende Verwirrtheit können auftreten.
Rehabilitation nach THS
Nach dem Eingriff bleibt man etwa zehn Tage in der Klinik. Danach schließt sich ein Aufenthalt in einer Rehaklinik an. Während der Rehabilitation werden die Einstellungen des Hirnschrittmachers solange angepasst, bis er die Parkinson-Beschwerden am besten lindert. Meist werden dann bereits die Medikamente neu angepasst. Zur Reha gehören außerdem Angebote wie Bewegungstherapie und Entspannungsverfahren.
Ein Rehabilitationsaufenthalt bietet die ideale Gelegenheit für die THS-Einstellung. Denn er dauert meistens mindestens drei Wochen. In dieser Zeit können wir die Wirkung der THS über mehrere Wochen beobachten. Bei Bedarf haben wir die Möglichkeit, die Einstellung nachzujustieren. Im Gegensatz zur ambulanten Einstellung kann der gesamte Tages- und Nachtverlauf beobachtet werden. Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen und Logopäd:innen sind speziell auf die Betreuung von Rehabilitand:innen mit Bewegungsstörungen geschult.
Leben mit einem Hirnschrittmacher
Die Elektroden und der Schrittmacher schränken im Alltag nur wenig ein. Man sollte aber Sportarten vermeiden, bei denen der Kopf stark erschüttert wird. Manche Menschen spüren den Schrittmacher unter der Haut des Schlüsselbeins, die meisten stört das jedoch nicht.
Technische Geräte beeinflussen den Schrittmacher normalerweise nicht. Man muss also keine Sorgen haben, dass sich die Impulse des Schrittmachers beispielsweise durch Handys oder Mikrowellen verändern. Auch die Sicherheitsscanner am Flughafen sind in der Regel unbedenklich. Dennoch wird bislang meist empfohlen, den Schrittmacher-Ausweis beim Sicherheitspersonal vorzuzeigen. Dann kann man mit dem Metalldetektor oder per Hand überprüft werden.
Allerdings sind Behandlungen oder Untersuchungen nicht oder nur eingeschränkt möglich, bei denen stärkere elektromagnetische Felder wirken. Dazu zählt beispielsweise die Kernspintomografie (MRT), die nur mit modernen Schrittmachern und in spezialisierten Zentren möglich ist.
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