RNA-Impfstoffe in der Forschung zu Multipler Sklerose: Hoffnung und Herausforderungen

Die Entwicklung von Impfstoffen auf Basis von Boten-RNA (mRNA) hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht, insbesondere durch ihren Einsatz gegen SARS-CoV-2. Diese Erfolge haben auch das Interesse an mRNA-Impfstoffen zur Behandlung anderer Krankheiten, einschließlich Multipler Sklerose (MS), geweckt. Die Idee, mit einer Impfung gegen MS vorzugehen, ist verlockend, doch die Umsetzung birgt einige wissenschaftliche Herausforderungen.

mRNA-Impfstoffe: Ein vielversprechender Ansatz

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hat sich zu den Problemen geäußert, die bei dem Versuch auftreten, mit einer mRNA-Vakzinierung gegen Multiple Sklerose (MS) zu impfen. Hintergrund ist, dass dieses Verfahren durch die Impfungen gegen SARS-CoV-2 sehr bekannt geworden ist und dass es zweitens gelungen ist, die Entstehung von experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis bei Mäusen durch einen entzündungshemmenden Impfstoff zu unterdrücken. Dieses Tiermodell stellt Aspekte der MS nach.

Eine Studie von Christina Krienke und Kollegen unter der Leitung von Ugur Sahin, Mitbegründer von BioNTech, hat gezeigt, dass ein mRNA-Impfstoff im Mausmodell der Multiplen Sklerose vielversprechende Ergebnisse liefert. Die Studie, veröffentlicht in Science, weckte Hoffnungen bei MS-Betroffenen.

Die Herausforderungen bei der Übertragung auf den Menschen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse im Tiermodell der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE) ist die Übertragung dieser Impfstrategie auf die Behandlung von MS beim Menschen komplex. Das KKNMS wies darauf hin, dass das Hauptproblem darin besteht, dass die Zielantigene bei MS im Menschen - im Gegensatz zum Tiermodell - nicht bekannt sind. Über Jahrzehnte haben Wissenschaftler versucht, die für MS relevanten Antigene zu identifizieren, jedoch ohne Erfolg.

In den 1990er-Jahren führten antigenspezifische Therapieansätze bei der Übertragung aus Laborbedingungen auf den Menschen sogar teilweise unerwartet zu einer Verstärkung der Entzündung im Gehirn, indem Immunantworten gegen das zentrale Nervensystem (ZNS) sogar befördert und nicht unterdrückt wurden.

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MS gilt heute als komplexe Störung immunregulatorischer Netzwerke. Bislang ist kein antigenspezifischer Therapieansatz bei MS erfolgreich gewesen. Dies ist bei einer Infektion anders, da sich eine Impfung gegen Virusantigene richten kann.

Inverse Impfung: Ein neuer Ansatz

Ein weiterer Forschungsansatz zielt darauf ab, das Immunsystem nicht zu aktivieren, sondern es toleranter gegenüber körpereigenen Strukturen zu machen. Dies wird als "inverse Impfung" bezeichnet. Anstatt das Immunsystem auf bestimmte Erreger "scharf" zu machen, soll das übereifrige Immunsystem, das sich gegen den eigenen Körper richtet, beruhigt werden.

Bei der inversen Impfung werden die körpereigenen Antigene, die beispielsweise eine MS auslösen, in der Leber als unschädlich gekennzeichnet. Sie erhalten ein Etikett, ein Label namens "unschädlich". Die US-amerikanischen Forscher erreichten dies in Tiermodellen, indem sie dem körpereigenen, schädlichen Antigen einen als unschädlich bekannten Zucker anhefteten, den das periphere Immunsystem immer toleriert: N-Acetyl-Galactosamin, kurz: pGal.

Der Schweizer Biotech-Entwickler Anokion SA hat eine Methode entwickelt, die sowohl bei Nagern als auch bei Primaten funktionierte, und zwar auch dann, wenn die Tiere erst nach Beginn der (künstlich hervorgerufenen) Erkrankung geimpft wurden. Nach positiven Studien aus Mausmodellen und solchen mit Primaten läuft im Moment eine Phase-1-Studie mit MS-betroffenen Patientinnen und Patienten. Oberstes Ziel dieser Phase-1-Studie ist die Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffes namens ANK-700.

ANK-700: Erste Ergebnisse und weitere Forschung

Die Rekrutierung der Probanden und Probandinnen für die Phase-1-Studie mit ANK-700 ist abgeschlossen, und erste Daten liegen vor. Diese deuten darauf hin, dass ANK-700 bei allen getesteten Dosierungen sicher und gut verträglich ist. Vorläufige Biomarkerdaten deuten außerdem auf eine antigenspezifische Immuntoleranz hin, und es gibt Hinweise auf die Unterdrückung verwandter Myelin-Antigene, ein gewollter Nebeneffekt, der für die Behandlung komplexer Autoimmunerkrankungen wie MS wichtig ist.

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Es gibt jedoch noch viele offene Fragen:

  • Ob sich die positiven Ergebnisse aus den Tierstudien überhaupt auf den Menschen übertragen lassen.
  • Wie stark die Wirkung sein wird, für den Fall, dass man die Methode vom Tier auf den Menschen übertragen kann.
  • Ob sich die Impfung zusätzlich zu Immunmodulatoren verabreichen ließe.
  • Welche Nebenwirkungen diese Impfung haben wird.
  • Wie lange sie anhält und ob man überhaupt "nachimpfen" könnte.
  • Welche Wechselwirkungen mit bereits verabreichten MS-Mitteln bestehen.
  • Wieviel sie Menschen mit bereits zahlreichen Behinderungen bringen würde.

Anokion geht davon aus, die vollständigen Ergebnisse seiner klinischen Studie in der zweiten Hälfte des Jahres 2024 zu veröffentlichen. Mit einer Zulassung von ANK-700, sollte alles passen, ist erfahrungsgemäß erst in rund zehn Jahren zu rechnen.

mRNA-Impfstoffe und Ocrelizumab-Behandlung

Eine Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Sven G. Meuth und PD Dr. David Kremer von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) untersuchte die Wirksamkeit von mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 bei MS-Patienten, die mit dem Antikörper Ocrelizumab behandelt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die neuen mRNA-basierten Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 auch bei einem medikamentös veränderten Immunsystem effektiv gegen das Virus helfen.

Nach der zweiten Impfung fanden die Forscher anti-SARS-CoV-2-Antikörper in 27,1 Prozent und eine SARS-CoV-2-spezifische T-Zell-Antwort in 92 Prozent der mit Ocrelizumab behandelten MS-Patienten. Bemerkenswerterweise war die T-Zell-Antwort bei Patienten, die keine anti-SARS-CoV-2-Antikörper bildeten, sogar stärker ausgeprägt als bei Patient*innen mit anti-SARS-CoV-2-Antikörpern. Krankheitsschübe der Multiplen Sklerose traten übrigens bei keinem einzigen der untersuchten Patienten nach den zwei Impfungen auf.

EBV als möglicher Auslöser von MS

Eine aktuelle Studie untersuchte über 10 Millionen Angehörige des US-Militärdienstes zwischen 1993 und 2013 und fand einen starken Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und MS. Die Studie ergab, dass von 801 MS-Fällen nur einer EBV-negativ war. Die an MS Erkrankten hatten mit 97% eine extrem hohe Serokonversionsrate.

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"Diese Daten legen einen kausalen Zusammenhang zwischen EBV-Infektion und MS nahe und zeigen, dass EBV höchstwahrscheinlich nicht nur ein Risikofaktor, sondern ein Auslöser ist", erklärt der MS-Experte Prof. Dr. Ralf Gold. "Der bisher gewichtigste Risiko für MS, das humane Leukozyten-Antigen (HLA)-DRB1*15:01, ist mit einem dreifach erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert - und wir sehen bei EBV nun ein 32-faches Risiko, was enorm ist und auf einen kausalen Zusammenhang hindeutet."

Vor dem Hintergrund dieser Daten gewinnt die Impfung gegen das EBV an Relevanz, gerade für gefährdetere Populationsgruppen. Noch gibt es keinen zugelassenen EBV-Impfstoff, aber verschiedene Firmen arbeitet daran, u.a. auch das Unternehmen Moderna.

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