Einführung
Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Die Suche nach den Ursachen und Risikofaktoren dieser neurodegenerativen Erkrankung ist daher von entscheidender Bedeutung. Jüngste Studien deuten darauf hin, dass Übergewicht nicht nur ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere körperliche Beschwerden ist, sondern auch das Risiko für die Entwicklung von Alzheimer erhöhen könnte. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsergebnisse zu diesem Thema, wobei die komplexen Zusammenhänge zwischen Übergewicht, Körperzusammensetzung und dem Risiko für Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen betrachtet werden.
Verräterische Spuren im Blut: Wie Fettleibigkeit Alzheimer beschleunigen könnte
Eine aktuelle US-Studie der Washington University School of Medicine in St. Louis hat ergeben, dass Menschen mit starkem Übergewicht schneller im Blut nachweisbare Anzeichen einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung entwickeln. Die Forschenden konzentrierten sich auf Blutbiomarker, also Eiweiße im Blut, die Hinweise auf Veränderungen im Nervengewebe und Eiweißablagerungen im Gehirn geben. Zudem wurden Gehirnscans durchgeführt, um mögliche Ablagerungen des Eiweißes Amyloid sichtbar zu machen. Amyloid ist ein Protein, das bei der Alzheimer-Krankheit verklumpt und sogenannte Plaques bildet.
Paradoxerweise zeigten die Ergebnisse zu Beginn der mehrjährigen Untersuchung, dass fettleibige Menschen scheinbar besser geschützt waren, da sie im Durchschnitt niedrigere Blutwerte und weniger Amyloid-Ablagerungen aufwiesen. Im Laufe der Zeit kehrte sich dieser Effekt jedoch um. Bei Menschen mit starkem Übergewicht nahmen die krankhaften Veränderungen im Blut und im Gehirn deutlich schneller zu als bei nicht fettleibigen Teilnehmenden. Die Autoren der Studie vermuten, dass die anfangs niedrigen Werte bei fettleibigen Menschen auf deren höheres Blutvolumen zurückzuführen sind.
Die Studie wertete Fünfjahresdaten von rund 400 Frauen und Männern aus, die anhand des Body-Mass-Index (BMI) in fettleibige und nicht fettleibige Gruppen eingeteilt wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass bei fettleibigen Personen der Wert eines bestimmten Markers um bis zu 95 Prozent schneller anstieg. Auch die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn nahmen messbar schneller zu. Laut Cyrus Raji, dem leitenden Autor der Studie, ist dies das erste Mal, dass der Zusammenhang zwischen Adipositas und Alzheimer anhand von Blutbiomarker-Tests nachgewiesen wurde. Raji sieht in diesem Ergebnis einen vielversprechenden Forschungsbereich, da es bereits Medikamente gibt, die Fettleibigkeit sehr wirksam behandeln können. Zukünftige Studien könnten daher die Wirkung von Medikamenten zur Gewichtsreduktion auf Alzheimer-Biomarker untersuchen.
Der Body-Mass-Index (BMI) und das Demenz-Risiko: Ergebnisse einer schwedischen Studie
Eine schwedische Forschungsgruppe von der Universitätsklinik in Göteborg veröffentlichte die Ergebnisse einer großen Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem Gewicht einer Person und dem Risiko für eine spätere Demenz untersuchte. Die Wissenschaftler beobachteten von 1970 bis 1998 insgesamt 7.402 Männer im Alter von 47 bis 55 Jahren. Sie verglichen die BMI-Werte der Demenz-Betroffenen mit denen der gesunden Männer.
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Die Ergebnisse zeigten, dass Männer mit einem BMI zwischen 22,5 und 25 (also im normalgewichtigen Bereich) am seltensten eine Demenz entwickelten. Oberhalb dieser BMI-Werte stieg mit Zunahme des Gewichts auch das Demenz-Risiko deutlich an. Personen mit einem BMI größer als 30 (= starkes Übergewicht) waren im Beobachtungszeitraum 2,5 mal häufiger von einer Demenz betroffen. Diese Studie deutet darauf hin, dass Übergewicht mit einem erhöhten Demenz-Risiko verbunden sein könnte.
Die Rolle der Körperzusammensetzung: Bauchfett als Risikofaktor
Eine Studie von Forschenden der Sichuan University in China und vom Karolinska Institutet in Schweden untersuchte den Zusammenhang zwischen der Körperzusammensetzung (u.a. Körperfett) und dem Risiko neurodegenerativer Erkrankungen. Dabei standen nicht nur Maße wie das Körpergewicht im Mittelpunkt, sondern auch die Verteilung des Körperfetts, etwa an den Armen und am Bauch.
Die Studie umfasste mehr als 412.000 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 56 Jahren, die aus der UK Biobank stammten. Die durchschnittliche Nachbeobachtungszeit betrug rund 9 Jahre. Die Ergebnisse zeigten, dass die Körperzusammensetzung bei Menschen mittleren Alters einen Einfluss auf das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen hat. Stammfettsucht (die Fetteinlagerung am Bauch) sowie Fett an den Armen waren mit einem höheren Risiko zur Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen verbunden. Teilnehmende mit viel Bauchfett hatten ein um rund 13 Prozent höheres Risiko, an Alzheimer-Demenz oder Parkinson zu erkranken.
Die Forschenden betonen, dass die zentrale Rolle der Fett- und Muskelverteilung bei der Prävention neurodegenerativer Erkrankungen berücksichtigt werden muss. Sie empfehlen, Bauch- und Armfett zu reduzieren und gleichzeitig eine gesunde Muskelentwicklung zu fördern, beispielsweise durch Krafttraining.
Die komplexen Mechanismen: Wie Übergewicht das Gehirn beeinflusst
Die genauen Mechanismen, durch die Übergewicht das Gehirn beeinflusst und das Risiko für Alzheimer erhöht, sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen könnten:
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- Chronische Entzündungen: Übergewicht, insbesondere abdominale Fettleibigkeit, führt zu chronischen Entzündungsprozessen im Körper. Diese Entzündungen können auch das Gehirn betreffen und die Entstehung von schädlichen Ablagerungen fördern, die typisch für Alzheimer sind.
- Vaskuläre Schäden: Übergewicht ist oft mit Bluthochdruck, hohen Blutzucker- und Cholesterinwerten verbunden. Diese Faktoren belasten die Gefäße und können zu Durchblutungsstörungen im Gehirn führen, was das Risiko für vaskuläre Demenz erhöht.
- Beeinträchtigung der "Müllabfuhr des Gehirns": Bluthochdruck, der häufig mit Übergewicht einhergeht, kann die Funktion des lymphatischen Systems beeinträchtigen, das für den Abtransport von Rückständen aus den Gehirnzellen verantwortlich ist.
- Dysbalance des Belohnungssystems: Bei Menschen mit Adipositas kann das Belohnungssystem im Gehirn aus der Balance geraten sein. Sie haben möglicherweise eine hohe Belohnungserwartung beim Essen, aber eine geringere innere Belohnung durch Dopamin. Dies kann dazu führen, dass sie mehr essen, um diese Erwartungen zu erfüllen, was wiederum zu Übergewicht führt.
Weitere Risikofaktoren für Demenz
Neben Übergewicht gibt es eine Reihe weiterer Risikofaktoren, die das Risiko für die Entwicklung von Demenz erhöhen können. Dazu gehören:
- Erhöhtes Cholesterin: Vor allem bei Menschen unter 65 Jahren kann erhöhtes Cholesterin die Ablagerung von schädlichen Proteinen wie Amyloid-beta und verändertem Tau im Gehirn fördern.
- Depressionen: Anhaltende Niedergeschlagenheit, sozialer Rückzug und mangelnde Selbstfürsorge belasten nicht nur die Seele, sondern auch das Gehirn.
- Kopfverletzungen: Schwere oder wiederholte Kopfverletzungen erhöhen das Risiko für Demenzerkrankungen wie Alzheimer und die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE).
- Bewegungsmangel: Wer sich im Alltag kaum bewegt, erhöht sein Risiko, an einer Demenz zu erkranken.
- Typ-2-Diabetes: Typ-2-Diabetes zählt zu den am besten belegten Risikofaktoren für Demenz.
- Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko für Alzheimer und vaskuläre Demenz.
- Bluthochdruck: Bluthochdruck im mittleren Lebensalter erhöht das Risiko für alle Demenzformen, insbesondere für die vaskuläre Demenz.
- Hoher Alkoholkonsum: Regelmäßiger hoher Alkoholkonsum kann zum Verlust der grauen Masse im Gehirn führen und das Risiko für alle Formen der Demenz erhöhen.
- Soziale Isolation: Soziale Isolation kann das Risiko erhöhen, an Demenz zu erkranken, da das Gehirn Anregung durch Gespräche, Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten benötigt.
- Luftverschmutzung: Feine Partikel aus Abgasen, Industrie, Holz- und Kohleöfen können Entzündungen auslösen, die Gefäße schädigen und langfristig die geistige Gesundheit beeinträchtigen.
- Sehschwäche: Wenn das Sehvermögen nachlässt und nicht ausgeglichen wird, gehen dem Gehirn wichtige Reize verloren, was das Demenzrisiko erhöhen kann.
Es ist wichtig zu beachten, dass das Vorliegen mehrerer Risikofaktoren das Demenzrisiko deutlich erhöht. Wer jedoch an einer Stelle ansetzt, kann oft mehrere Risiken gleichzeitig verringern.
Präventive Maßnahmen: Was Sie tun können
Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um Ihr Demenzrisiko zu senken:
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten. Vermeiden Sie stark verarbeitete Lebensmittel, zuckerhaltige Getränke und übermäßigen Konsum von gesättigten Fetten.
- Regelmäßige Bewegung: Bewegen Sie sich regelmäßig, idealerweise mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Bewegung pro Woche.
- Gewichtskontrolle: Halten Sie ein gesundes Gewicht, indem Sie sich gesund ernähren und regelmäßig Sport treiben.
- Rauchverzicht: Wenn Sie rauchen, hören Sie auf.
- Blutdruckkontrolle: Lassen Sie Ihren Blutdruck regelmäßig überprüfen und behandeln Sie ihn, falls er zu hoch ist.
- Cholesterinkontrolle: Lassen Sie Ihre Cholesterinwerte regelmäßig überprüfen und behandeln Sie sie, falls sie zu hoch sind.
- Blutzuckerkontrolle: Lassen Sie Ihren Blutzucker regelmäßig überprüfen und behandeln Sie ihn, falls er zu hoch ist.
- Soziale Kontakte pflegen: Pflegen Sie soziale Kontakte und nehmen Sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teil.
- Geistige Aktivität: Fordern Sie Ihr Gehirn regelmäßig heraus, indem Sie lesen, lernen, spielen oder andere geistig anregende Aktivitäten ausüben.
- Hör- und Sehvermögen überprüfen: Lassen Sie Ihr Hör- und Sehvermögen regelmäßig überprüfen und behandeln Sie eventuelle Probleme.
- Stressmanagement: Finden Sie Wege, um Stress abzubauen, beispielsweise durch Entspannungsübungen, Meditation oder Yoga.
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