Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) stellt Betroffene vor zahlreiche Herausforderungen, die weit über die gesundheitlichen Aspekte hinausgehen. Eine besonders sensible Frage ist, ob und wann man den Arbeitgeber über die Erkrankung informieren sollte. Diese Entscheidung ist oft von Ängsten und Unsicherheiten geprägt, da sie sowohl berufliche als auch persönliche Konsequenzen haben kann.
Die Unsicherheit des "Outings"
Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen scheuen davor zurück, sich am Arbeitsplatz zu "outen". Sie fürchten Nachteile, Vorurteile und eine Stigmatisierung. Als Beispiele werden neben MS auch HIV-Infektionen, Morbus Crohn und Rheuma genannt. Die Sorge, Vorurteilen ausgesetzt zu sein, ist groß.
Anna Kraft, ehemalige Profi-Leichtathletin und Sportmoderatorin, hielt ihre MS-Erkrankung jahrelang geheim, aus Angst, ihr Arbeitgeber könnte ihr aufgrund der MS Schwäche zuschreiben. Sie befürchtete, dass man direkt an Gehhilfen oder Rollstühle denken würde, anstatt zu wissen, dass MS heutzutage gut behandelbar ist.
Auch in Online-Foren berichten Betroffene von ihren Erfahrungen. Eine Person im öffentlichen Dienst mit über 50 Kollegen möchte ihre Erkrankung nicht öffentlich machen, da "bei uns immer viel geredet wird". Sie verweist auf eine Kollegin mit MS, über die sich das Team negativ äußerte, und möchte dies vermeiden.
Die Vorteile der Offenheit
Trotz der genannten Bedenken kann ein offener Umgang mit der Erkrankung auch positive Auswirkungen haben. Experten empfehlen in der Regel, den Arbeitgeber zu informieren, da dies zu Erleichterung führen kann. Mitarbeiter, die offen über ihre chronische Erkrankung sprechen, sind oft zufriedener, produktiver, engagierter, couragierter und gelassener.
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Anna Kraft empfand ihr "Outing" als befreiend. Die Geheimhaltung hatte sie rückblickend sehr belastet. Sie musste lügen, wenn sie Infusionen erhielt oder Termine erfand, wenn sie für einen Job nicht auf Abruf sein konnte.
Ein offenes Gespräch mit dem Arbeitgeber ermöglicht es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Umgang mit der Erkrankung erleichtern. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten oder der Wechsel zu einer Tätigkeit, bei der die Krankheit weniger einschränkend ist. Betroffene wünschen sich mehr Aufklärung und weniger Scheu und Angst im Umgang mit chronischen Erkrankungen am Arbeitsplatz.
Die Rolle des Arbeitgebers
Arbeitgeber spielen eine entscheidende Rolle bei der Schaffung eines unterstützenden Umfelds für Mitarbeiter mit MS. Ein gutes Verhältnis zum direkten Vorgesetzten und das Angebot von Unterstützung erleichtern die Entscheidung für ein "Outing". Unternehmen können auch durch Aufklärung über chronische Erkrankungen dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein Klima der Offenheit zu fördern.
Einige Unternehmen gehen bereits mit gutem Beispiel voran. Ein Betroffener berichtet von einem sehr mitarbeiterorientierten Unternehmen, das ihm nach seiner Diagnose einen spannenden, "ruhigeren" Job bei gleicher Bezahlung und kürzerem Arbeitsweg ermöglichte.
Rechtliche Aspekte und Schutzmaßnahmen
In Deutschland gibt es rechtliche Rahmenbedingungen, die Menschen mit chronischen Erkrankungen am Arbeitsplatz schützen. Andreas Czech, Rechtsanwalt für Arbeitsrecht, beantwortet regelmäßig Fragen rund um das Thema Arbeitsrecht und MS.
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Zu den wichtigen Fragen gehören:
- Wann muss man dem Arbeitgeber sagen, dass man eine chronische Erkrankung hat?
- Wie viel von der Erkrankung muss ich preisgeben?
- Welche Vorteile hat es, wenn mein Arbeitgeber Bescheid weiß?
- Ist MS ein Kündigungsgrund?
- Gibt es zusätzlich Urlaub?
- Kann ich mich von besonderen Tätigkeiten oder Schichten freistellen lassen?
Ein Schwerbehindertenausweis kann zusätzliche Sicherheit am Arbeitsplatz geben. Er ermöglicht es, bestimmte Rechte und Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen.
Schrittweise Öffnung und der Umgang mit Reaktionen
Experten raten dazu, mit der Öffnung schrittweise vorzugehen: Zuerst im eigenen Umfeld, dann vielleicht am Arbeitsplatz gegenüber vertrauten Personen. Wenn die Angst, sich zu öffnen, erst einmal überwunden ist, macht sich oft Erleichterung breit. Negative Erfahrungen wie Ablehnung oder Reserviertheit kommen selten vor.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass man nicht für die Reaktionen anderer verantwortlich ist. Wenn jemand ablehnend reagiert, liegt das oft an dessen eigenen Ängsten und Unsicherheiten.
Persönliche Erfahrungen und Ratschläge
Die Erfahrungen von Menschen mit MS am Arbeitsplatz sind vielfältig. Einige berichten von positiven Erfahrungen, andere von Diskriminierung und Mobbing. Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob man den Arbeitgeber informieren sollte oder nicht.
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Einige Ratschläge, die sich aus den Berichten von Betroffenen ableiten lassen:
- Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl.
- Informieren Sie sich über Ihre Rechte.
- Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten und Kollegen.
- Seien Sie offen und ehrlich, aber wahren Sie Ihre Grenzen.
- Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie auf Unverständnis stoßen.
- Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken und Fähigkeiten.