Die vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, ist eine spezielle Form der Migräne, die neben den typischen Kopfschmerzen auch Schwindel und Gleichgewichtsstörungen verursacht. Oftmals treten die Symptome auch ohne Kopfschmerzen auf, was die Diagnose erschwert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne.
Einführung
Migräne ist eine weitverbreitete neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, starke Kopfschmerzen auszeichnet. Bei 30 bis 50 Prozent der Migränepatienten treten während einer Attacke zusätzlich Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen auf. Diese Form wird als vestibuläre Migräne bezeichnet und gewinnt in der Forschung zunehmend an Bedeutung.
Was ist vestibuläre Migräne?
Die vestibuläre Migräne ist eine Sonderform der Migräne, bei der Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Der Begriff "vestibulär" bezieht sich auf das vestibuläre System, das im Innenohr für die Steuerung des Gleichgewichts und der Haltung verantwortlich ist. Bei einer vestibulären Migräne ist dieses System gestört.
Abgrenzung zu anderen Schwindelerkrankungen
Die Symptome der vestibulären Migräne können denen anderer Schwindelerkrankungen ähneln, was die Diagnose erschwert. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:
- Morbus Menière: Eine Erkrankung des Innenohrs, die ebenfalls mit anfallsartigem Schwindel, Übelkeit und Ohrgeräuschen einhergeht. Im Gegensatz zur vestibulären Migräne führt Morbus Menière jedoch häufig zu einem fortschreitenden Hörverlust.
- Basilarismigräne: Eine seltene Form der Migräne, die durch Durchblutungsstörungen im Hirnstamm verursacht wird und neben Kopfschmerzen und Schwindel auch Seh- und Sprachstörungen oder Taubheitsgefühle auslösen kann.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Hierbei handelt es sich um eine Schwindelart, die durch bestimmte Kopfbewegungen ausgelöst wird.
Ursachen
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass die enge räumliche Nähe zwischen dem Gleichgewichtssystem und dem schmerzverarbeitenden System im Hirnstamm eine Rolle spielt. Es wird angenommen, dass eine erhöhte Reizverarbeitung im Gehirn von Migränepatienten in Kombination mit bestimmten Auslösern zu Veränderungen im Gehirn führen kann, die letztendlich einen Migräneanfall mit Schwindel auslösen.
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Mögliche Auslöser (Trigger)
Ähnlich wie bei der normalen Migräne gibt es auch bei der vestibulären Migräne bestimmte Trigger, die die Beschwerden auslösen können:
- Stress
- Schlafmangel
- Hormonelle Veränderungen (z.B. während Schwangerschaft und Wechseljahren)
- Wetterveränderungen
- Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien
- Licht- oder Geräuschreize
- Alkohol und Zigarettenrauch
Symptome
Die Symptome der vestibulären Migräne können von Person zu Person variieren. Typische Anzeichen sind:
- Schwindel: Meist Drehschwindel, aber auch Schwankschwindel oder ein Gefühl der Unsicherheit beim Gehen oder Stehen sind möglich. Der Schwindel kann zwischen 5 Minuten und 72 Stunden andauern.
- Kopfschmerzen: Müssen nicht zwingend auftreten. Wenn Kopfschmerzen vorhanden sind, ähneln sie den typischen Migränekopfschmerzen (einseitig, pulsierend, mittel bis stark).
- Begleitende Migränesymptome: Licht- und Lärmempfindlichkeit (Photophobie und Phonophobie), Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen (z.B. visuelle Auren).
- Weitere Symptome: Ohrgeräusche (Tinnitus), Hörminderung, Schwierigkeiten bei der Konzentration, Angstzustände.
Diagnosekriterien
Um eine vestibuläre Migräne zu diagnostizieren, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society haben folgende Diagnosekriterien festgelegt:
- Mindestens fünf Attacken mit vestibulären Symptomen, die zwischen 5 Minuten und 72 Stunden andauern.
- Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura.
- Bei mindestens 50 % der Schwindelanfälle treten ein oder mehrere Migränesymptome auf (Kopfschmerz mit bestimmten Charakteristika, Photophobie oder Phonophobie, visuelle Aura).
- Die Beschwerden sind nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen.
Diagnose
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden können. Ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese) ist entscheidend, um die Krankheitsgeschichte zu erfassen und mögliche Auslöser zu identifizieren.
Neurologische Untersuchung
Eine neurologische Untersuchung kann helfen, andere Ursachen für den Schwindel auszuschließen.
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Apparative Diagnostik
- Videonystagmografie (VNG): Eine Untersuchung, bei der die Augenbewegungen aufgezeichnet werden, um die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu beurteilen.
- Audiometrie: Ein Hörtest, um einen Hörverlust auszuschließen.
- Bildgebung des Gehirns (MRT): Kann erforderlich sein, um andere Erkrankungen des Gehirns auszuschließen.
Behandlung
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren.
Akutbehandlung
- Medikamente gegen Übelkeit: Antiemetika wie Dimenhydrinat können helfen, Übelkeit und Erbrechen zu lindern.
- Schmerzmittel: Bei Kopfschmerzen können nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Triptane eingesetzt werden.
- Antivertiginosa: Medikamente, die speziell gegen Schwindel wirken.
Prophylaktische Behandlung
Eine prophylaktische Behandlung kann sinnvoll sein, wenn die Attacken häufig auftreten oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Folgende Medikamente können zur Vorbeugung eingesetzt werden:
- Betablocker: Substanzen wie Metoprolol, die ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt werden.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Topiramat ist ein Antiepileptikum, das auch zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden kann.
- Kalziumkanalblocker: Flunarizin ist ein Kalziumkanalblocker, der speziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen ist.
- CGRP-Antikörper: Eine neue Klasse von Medikamenten, die gezielt gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wirken, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne spielt.
- Gepante: Eine neue Wirkstoffklasse zur Migräne-Prophylaxe, die im Gehirn einen Rezeptor blockiert, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Behandlung können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen helfen, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren:
- Vermeidung von Triggern: Identifizieren und vermeiden Sie individuelle Auslöser wie Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel oder Wetterveränderungen.
- Gesunder Lebensstil: Achten Sie auf ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung.
- Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Meditation, um Stress abzubauen.
- Gleichgewichtstraining: Spezielle Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können helfen, die Schwindelbeschwerden zu reduzieren.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, mit der Erkrankung umzugehen und Stressoren zu bewältigen.
- Ausdauersport: Regelmäßiger, moderater Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken reduzieren.
Was tun bei akuten Symptomen?
- Ruhe in einer dunklen und ruhigen Umgebung kann bei vestibulärer Migräne für Linderung sorgen.
- Ein Nickerchen oder das Hinlegen mit geschlossenen Augen kann helfen, Schwindel, Übelkeit und Müdigkeit zu verringern.
- Achten Sie darauf viel zu trinken, um den Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten.
Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?
Bei Verdacht auf vestibuläre Migräne sollte ein Arzt aufgesucht werden. In der Regel ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, der bei Bedarf an einen Neurologen oder HNO-Arzt überweisen kann.
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