Ein auditorisches Hirnstammimplantat (ABI), auch Auditory Brainstem Implant genannt, ist eine Hörprothese, die Menschen mit schwerem Hörverlust oder Taubheit aufgrund von Schädigungen im Bereich des Hörnervs oder des Innenohrs helfen kann. Im Gegensatz zu herkömmlichen Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten (CI) umgeht das ABI den geschädigten Hörnerv und stimuliert direkt den Hirnstamm, um Höreindrücke zu erzeugen.
Indikation für ein Hirnstammimplantat
Ein ABI wird in der Regel bei folgenden Erkrankungen oder Zuständen in Betracht gezogen:
- Neurofibromatose Typ 2 (NF2): Diese seltene, genetisch bedingte Erkrankung verursacht Tumoren des Nervensystems, insbesondere an den Hörnerven. Die operative Entfernung dieser Tumoren kann zu einer Schädigung der Hörnerven und somit zu Taubheit führen.
- Nicht angelegter oder fehlgebildeter Hörnerv: In seltenen Fällen sind Kinder mit einem fehlenden oder unterentwickelten Hörnerv geboren.
- Komplett verknöcherte Cochlea: Dies kann nach einer Meningitis oder Otosklerose auftreten.
- Felsenbeinfrakturen: Unfälle können zu Frakturen des Felsenbeins führen, die den Hörnerv schädigen.
- Innenohrmissbildungen: Angeborene Fehlbildungen des Innenohrs können ebenfalls eine Indikation für ein ABI darstellen.
Funktionsweise eines auditorischen Hirnstammimplantats
Ein ABI besteht aus zwei Hauptkomponenten:
- Externer Audioprozessor: Dieser wird hinter dem Ohr getragen und enthält ein Mikrofon, das Schall aufnimmt und in elektrische Signale umwandelt. Diese Signale werden dann an das Implantat gesendet.
- Internes Implantat: Dieses wird operativ unter die Haut hinter dem Ohr eingesetzt. Es enthält eine Empfangseinheit und eine Elektrode, die direkt am Nucleus cochlearis, einem Teil des Hirnstamms, platziert wird. Die Elektrode stimuliert den Hirnstamm mit elektrischen Impulsen, die vom Gehirn als Höreindrücke interpretiert werden.
Der Soundprozessor wandelt Schall in elektrische Signale um, die drahtlos an das Implantat übertragen werden. Das Implantat leitet diese Signale an die Elektrode weiter, die den Hirnstamm stimuliert. Dadurch werden Hörnervenbahnen aktiviert, die zum Gehirn führen, wo die Signale als Geräusche wahrgenommen werden.
Operation und Anpassung
Die Implantation eines ABIs ist ein komplexer neurochirurgischer Eingriff, der von einem erfahrenen Team aus HNO-Ärzten und Neurochirurgen durchgeführt wird. Der Zugang zum Hirnstamm kann entweder durch das Innenohr (translabyrinthär) oder durch die hintere Schädelgrube (retrosigmoidal) erfolgen. Die Wahl des Zugangs hängt von den anatomischen Gegebenheiten und eventuell notwendigen Tumorresektionen ab.
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Während der Operation wird die Elektrode mithilfe von elektrophysiologischem Monitoring präzise am Nucleus cochlearis positioniert, um eine optimale Stimulation zu gewährleisten und Nebenwirkungen zu minimieren. Nach der Operation dauert die Wundheilung etwa zwölf Tage, bevor das ABI aktiviert und angepasst werden kann.
Die Anpassung des ABIs erfolgt durch Audiologen, die die Stimulationseinstellungen individuell auf den Patienten abstimmen. Dieser Prozess erfordert mehrere Sitzungen und kann einige Zeit in Anspruch nehmen, da jeder Patient unterschiedlich auf die Stimulation reagiert.
Ergebnisse und Rehabilitation
Die Ergebnisse mit einem ABI sind sehr unterschiedlich und hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Alter des Patienten, der Ursache der Taubheit, der Dauer der Taubheit vor der Implantation und der individuellen Fähigkeit, die neuen Höreindrücke zu verarbeiten.
Einige Patienten können mit einem ABI Sprache verstehen, während andere lediglich Umgebungsgeräusche wahrnehmen. Viele Patienten berichten von einer Verbesserung des Lippenlesens und einer gesteigerten Fähigkeit, sich in ihrer Umgebung zu orientieren.
Nach der Implantation ist eine intensive Rehabilitation erforderlich, um das Gehirn an die neuen Höreindrücke zu gewöhnen und die Sprachwahrnehmung zu verbessern. Diese Rehabilitation umfasst in der Regel Hörtraining, Sprachtherapie und das Erlernen von Strategien zur Kompensation des Hörverlusts.
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Vorteile und Nachteile
Wie jede medizinische Behandlung hat auch das ABI Vor- und Nachteile, die sorgfältig abgewogen werden müssen:
Vorteile:
- Wiederherstellung des Hörvermögens bei Patienten, bei denen andere Hörhilfen nicht in Frage kommen
- Verbesserung der Lebensqualität und der sozialen Interaktion
- Unterstützung des Lippenlesens
- Wahrnehmung von Umgebungsgeräuschen, die die Sicherheit erhöhen können
Nachteile:
- Komplexer neurochirurgischer Eingriff mit potenziellen Risiken und Komplikationen
- Variable Hörergebnisse
- Intensive und langwierige Rehabilitation erforderlich
- Mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel, Muskelzuckungen oder Kribbeln
- Hohe Kosten
Mögliche Nebenwirkungen
Obwohl die ABI-Implantation als relativ sicher gilt, können in seltenen Fällen Nebenwirkungen auftreten. Dazu gehören:
- Schwindel: Dies kann durch die Stimulation des Gleichgewichtsnervs verursacht werden.
- Muskelzuckungen: Diese können im Gesicht oder anderen Körperteilen auftreten, wenn die Elektrode benachbarte Nerven stimuliert.
- Kribbeln im Hals: Auch dies kann durch die Stimulation von Nerven in der Nähe der Elektrode verursacht werden.
- Schluckbeschwerden: In seltenen Fällen kann die Stimulation des Hirnstamms zu Schluckbeschwerden führen.
- Gesichtsnervlähmung: Eine Schädigung des Gesichtsnervs während der Operation kann zu einer Lähmung der Gesichtsmuskulatur führen.
- Weitere Komplikationen: Wie bei jeder Operation können auch Infektionen, Blutungen oder Reaktionen auf die Narkose auftreten.
Das Auditory Midbrain Implant (AMI)
Als Weiterentwicklung des ABI wurde in Australien das auditorische Mittelhirnimplantat (AMI) entwickelt. Dieses Implantat stimuliert den Colliculus inferior im Mittelhirn mit einer penetrierenden Elektrode. Der Colliculus inferior bietet einen Zugang zu neuronalen Projektionen, die für die Sprachwahrnehmung und die dafür erforderliche spektrale Information notwendig sind.
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