Der Dokumentarfilm „Ein Sommer für Wenke. Wenn Kinder zuhause sterben dürfen“ erzählt die Geschichte der 13-jährigen Wenke, die an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt ist. Der Film, der vom Filmemacher Max Kronawitter gedreht wurde, begleitet Wenke und ihre Familie in den letzten Monaten ihres Lebens und zeigt, wie sie mit der Krankheit umgehen, Lebensfreude bewahren und sich auf den Tod vorbereiten.
Wenkes Kampfgeist und Lebenswille
Wenke, die ihren Gehirntumor spöttisch „Hugo“ nennt, lässt sich trotz der schlechten Prognose nicht entmutigen. Voller Lebenslust möchte sie mit ihrer Familie so normal wie möglich weiterleben. Sie beschließt, nicht mehr in die Klinik zu gehen und wird stattdessen von der Initiative HOMe (Hospiz ohne Mauern) unterstützt.
Hospiz ohne Mauern: Palliativversorgung im vertrauten Umfeld
Die Initiative HOMe, ins Leben gerufen von der Münchener Palliativmedizinerin Prof. Monika Führer, ermöglicht die Versorgung schwerkranker und sterbender Kinder im vertrauten, häuslichen Umfeld. Das Team besteht aus Medizinern, Kinderkrankenschwestern, einer Psychologin, einer Sozialarbeiterin und einer Seelsorgerin. Sie bringen die notwendige Palliativbetreuung zu den Kindern und ihren Familien und nicht umgekehrt.
HOMe betreut sterbenskranke Kinder in ganz Südbayern. Seit 2004 haben sie sich um etwa 250 Kinder und Jugendliche gekümmert, von denen zwei Drittel gestorben sind. Auch in Nürnberg gibt es jetzt eine ambulante Palliativversorgung, in Augsburg und Amberg sind zwei Teams in Vorbereitung. Die Kinder nicht alleine zu lassen, wenn sie nach Hause wollten, das war Führers Motivation.
Der Film: Einblick in ein Leben mit dem Tod
Ein halbes Jahr lang hat der Filmemacher Max Kronawitter Wenke und ihre Familie mit der Kamera begleitet. Entstanden ist ein Dokumentarfilm, der zeigt, dass auch dort, wo der Tod seinen Schatten vorauswirft, sehr viel Leben möglich ist und wie hilfreich es für alle sein kann, die Erfahrung von Sterben und Tod wieder zurück in die Familie zu holen.
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Kronawitter beschreibt den Film als einen, der zeigt, "dass auch dort, wo der Tod seinen Schatten vorauswirft, sehr viel Leben möglich ist und wie hilfreich es für alle sein kann, die Erfahrung von Sterben und Tod wieder zurück in die Familie zu holen".
Kronawitter, der mit seiner Produktionsgesellschaft „Ikarus“ seit 1989 rund 250 Beiträge, Dokumentarfilme und Fernsehbeiträge produziert hat, meist als Autor, Regisseur, Kameramann, Produzent und Cutter in Personalunion. Oft ging es darin um existenzielle Themen, um Krankheit und Tod.
Wenkes Auseinandersetzung mit dem Tod
"Vor dem Tod habe ich keine Angst", sagt Wenke, "aber vor dem Sterben." Sie setzt sich mit ihrer Krankheit auseinander, plant ihre Beerdigung und sucht sich auf dem Friedhof in ihrem Heimatort in der Nähe von Plattling den Baum aus, unter dem sie begraben sein möchte. Es ist ein Ahornbaum.
Die Familie als Stütze
Wenke lebt alleine mit ihrer Mutter, der Vater in Berlin, die zwei älteren Brüder aus dem Haus. Nun kommen sie alle zurück. Der große Bruder nimmt sich unbezahlten Urlaub, um bei der kleinen Schwester zu sein, der Vater kommt zurück, alte Streitereien sind nicht mehr wichtig. Wenke feiert ihren 14. Geburtstag. Freizeitpark, Wasserrutsche, ein glückliches Mädchen. "Gut ist, dass wir niemals gleichzeitig heulen", sagt Mama Simone.
Als es Wenke schlechter geht, kümmert sich die Familie im Schichtdienst um das Mädchen. Monika Führer und ihre Kollegen kommen regelmäßig vorbei, sie unterstützen die Eltern, medizinisch, aber auch psychologisch. 24 Stunden sind sie in Rufbereitschaft.
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Wenkes Vermächtnis
Wenke wollte ihr Schicksal teilen, deswegen hat sie die Kamera zugelassen. Damit es einen Fünkchen Sinn haben könnte, wenn sie schon sterben musste. Sie zog Trost aus der Vorstellung, dass ihre Geschichte und ihre Erfahrungen anderen Menschen in ähnlicher Situation vielleicht helfen könnten.
Max Kronawitter: Filmemacher und Freund
Beziehung, Vertrautheit und fließende Übergänge sind zentrale Elemente im Werk des Filmemachers Max Kronawitter, der den Protagonisten seiner Filme oft sehr nahekommt. Das gilt auch für Wenke, deren letzten Lebensabschnitt er dokumentierte. Das Mädchen fragte ihn während der Dreharbeiten, ob er nicht die Trauerrede bei ihrer Beerdigung halten könne. Er sagte ja. Wie so oft in seinen Filmen, die sich meist um existenzielle, intime Fragen drehen und deshalb ein möglichst kleines Team erfordern, führte Kronawitter bei diesem Dreh die Kamera selbst.
Kronawitter sagt: „Es gab Zeiten während des Drehs, wo ich mich am liebsten im Boden verkrochen hätte, weil ich große Sorge hatte, zu stören. Aber als Wenke mich gefragt hat, ob ich für sie die Trauerrede halten würde, wurde das anders. Von dem Augenblick an habe ich mich in der Familie gut gefühlt, weil ich jetzt eine Aufgabe hatte - ähnlich wie der Arzt, der täglich kommt.“
Kronawitters eigene Erkrankung
Seit Dezember 2022 gibt es zwischen Kronawitter und seiner jungen Protagonistin aber noch ein weiteres „Schicksalsband“, wie es der Filmemacher nennt. Damals wurde bei Kronawitter ein Glioblastom diagnostiziert, ein bösartiger Hirntumor. Von einem Moment auf den anderen war alles anders. Bald deutete sich an, dass er auch nicht mehr als Filmemacher arbeiten könnte, denn nach der folgenden Operation war sein Sehvermögen stark eingeschränkt.
In seinem tagebuchartigen Buch „Ikarus stürzt - Mein Tumor, meine Filme und mein neues Leben auf Zeit“, das er nach der Diagnose zu schreiben begann, formuliert es Kronawitter im Mai 2023 so: „Bis ins Frühjahr hatte ich geglaubt, nach Tumorentfernung, Bestrahlung und Reha wenigstens reduziert arbeiten zu können und angefangene Projekte vielleicht noch abzuschließen. Oder mithilfe eines Kameramanns und Cutters kleine Ideen zu verwirklichen. Heute glaube ich das nicht mehr. Ich weiß, dass es nie wieder werden wird, wie es war. Mit meinem amputierten Blick und den kognitiven Einschränkungen hat es keinen Sinn. Ikarus, meine Firma, stürzt.“
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Die Arbeit am Buch, das Kronawitter mithilfe seiner Ehefrau niederschrieb und das mit Rückblicken und Erinnerungen an Dreharbeiten und viele seiner Protagonist:innen zugleich eine Art Werkschau ist, hatte zugleich therapeutischen Charakter. Auch wenn er sich dabei - ohne die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Films - zunächst „ein bisschen nackt“ fühlte. „Das Schlimmste am Anfang ist die Ohnmacht. Man hat das Gefühl, dass der Tumor mit mir jetzt macht, was er will. Und am Ende steht dann der Tod. Durch das Schreiben ist der Tumor dann aber ein Stück weit weggerückt. Weil ich ihn zu einem Gegenstand gemacht habe. Er wurde damit etwas, das ich anschauen und womit ich in einen Dialog treten kann. Wenke hatte ihrem Tumor den Namen ,Hugo‘ gegeben. Einen blöden Namen, wie sie fand. Doch von dem Augenblick an war es für sie erträglicher, weil sie über ihren Tumor lachen konnte; sie hat ihn auf diese Weise gefasst.“
Kronawitters Blick auf Leben und Tod
Kronawitter sagt: „Alles andere kann man erforschen, allem kann man sich wissenschaftlich nähern. Nur der Tod ist die absolute Grenze. Die Frage, was danach kommt, hat mich immer fasziniert. Zugleich habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass angesichts des Todes vieles von einem abfällt und man ehrlich wird. Man muss keine Fassade mehr aufrechterhalten.“
Die jahrzehntelange Beschäftigung mit existenziellen Lebens- und Sterbesituationen hat ihn auch auf seinen eigenen Schicksalsschlag vorbereitet. „Ich habe viele Ideen und Gedanken zu Tod und Sterben in der ein oder anderen Form schon einmal beackert. In dieser Beziehung hat mich nichts mehr aus der Bahn geworfen.“ Sein Glaube war ihm dabei eine wichtige Richtschnur.
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