Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) besteht. Diese Neuronen sind über 100 Billionen Nervenverbindungsstellen (Synapsen) miteinander verbunden und bilden ein riesiges Netzwerk, das für alle unsere Denkprozesse, Bewegungen und Empfindungen verantwortlich ist. Im Laufe des Lebens sterben Nervenzellen auf natürliche Weise ab. Die Frage, wie viele Neuronen man pro Tag verliert, ist jedoch komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Der natürliche Alterungsprozess des Gehirns
Mit zunehmendem Alter verliert das Gehirn an Volumen. Dies ist ein normaler Alterungsprozess, der sich jedoch bei Erkrankungen des Gehirns beschleunigen kann. "Ab dem 20. Lebensjahr gehen täglich mindestens 1.000 Nervenzellen zugrunde", sagt Prof. Kathrin Reetz, Vizepräsidentin der Deutschen Hirnstiftung und Leiterin der Neurologischen Gedächtnisambulanz in der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen. "Aufgrund der großen Menge an vorhandenen Nervenzellen und Netzwerken ist es dennoch möglich, bis ins hohe Alter eine gute Gehirnleistung zu haben. Das Gehirn kann schwächer werdende Hirnregionen sehr lange ausgleichen."
Dieser Verlust an Nervenzellen bleibt oft lange unbemerkt, da das Gehirn über eine hohe Kompensationsfähigkeit verfügt. Erst wenn ein großer Schaden entstanden ist, machen sich die ersten Anzeichen bemerkbar. Ein Beispiel hierfür ist die Parkinson-Krankheit, bei der bereits 70 Prozent der dopaminergen Nervenzellen untergegangen sind, bevor die ersten klinischen Symptome auftreten.
Schlaganfall: Ein dramatischer Nervenzellverlust
Ein Schlaganfall ist ein plötzliches Ereignis, das zu einem massiven Verlust von Nervenzellen führen kann. Ursache ist meist ein blockiertes Blutgefäß, das die Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr zum Gehirn unterbricht. "Time is brain", sagen Neurologen deshalb. Zeit ist Hirn. Ein amerikanischer Wissenschaftler hat erstmals die verheerenden Folgen eines Schlaganfalls in Zahlen gefasst: Nach einem unbehandelten Anfall sterben demnach jede Minute knapp 2 Millionen Gehirnzellen. Im Vergleich zum normalen Alterungsprozess lässt dieser immense Zellverlust das Gehirn pro Stunde um 3,6 Jahre altern.
Direkt nach dem Schlag sterben jede Minute 1,9 Millionen Nervenzellen, 14 Milliarden Kommunikationsstellen und 12 Kilometer Nervenfasern ab. Dies kann zu schweren neurologischen Ausfällen wie Seh- oder Sprachstörungen, Schwindel oder Lähmungen führen.
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Weitere Faktoren, die den Nervenzellverlust beeinflussen
Neben dem Alterungsprozess und Schlaganfällen gibt es weitere Faktoren, die den Verlust von Nervenzellen beeinflussen können:
- Neurodegenerative Erkrankungen: Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson führen zu einem fortschreitenden Abbau von Nervenzellen.
- Kopfverletzungen und Infektionen: Auch diese können Nervenzellen zerstören.
- Lebensführung: Eine ungesunde Lebensweise mit wenig Bewegung, ungesunder Ernährung, Bluthochdruck und Nikotinkonsum kann das Risiko für Nervenzellverlust erhöhen.
- Alkohol: Obwohl Alkohol nicht direkt Nervenzellen tötet, kann er ihre Kommunikation untereinander stören und langfristig indirekte Schäden verursachen.
Neuroplastizität: Die Fähigkeit des Gehirns zur Reparatur
Trotz des Verlusts von Nervenzellen ist das Gehirn in der Lage, sich bis zu einem gewissen Grad selbst zu reparieren. Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet. Sie ermöglicht es Nervenzellen, sich neu zu organisieren und geschädigte Funktionen zu kompensieren.
"Auf Grund seiner Komplexität und weil sich Nervenzellen nur sehr eingeschränkt neu bilden, ist das Gehirn mit begrenzten Selbstheilungskräften ausgestattet", sagt Christian Grefkes-Hermann, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Frankfurt. "Doch unser Gehirn kann ein Leben lang neue Inhalte abspeichern oder unbekannte Bewegungen erlernen. Deshalb sind Nervenzellen es gewohnt, sich ständig neu zu vernetzen." Diese Fähigkeit der Plastizität ist nach einem Schlaganfall oder einem Unfall Gold wert. Schon Stunden später beginnen die überlebenden Nervenzellen, sich anders zu verknüpfen. Sie bilden Fortsätze, Axone genannt, die aussprießen und sich über Synapsen mit anderen Nervenzellen verbinden. "Man muss sich das Gehirn vorstellen wie ein Netzwerk aus Kabeln", erklärt Christian Grefkes-Hermann. "Geht eins davon kaputt, bilden Ersatzkabel Umgehungskreisläufe."
Die Neuroplastizität kann durch verschiedene Maßnahmen gefördert werden:
- Aktives Training und äußere Reize: Das Gehirn braucht äußere Reize, damit es Wachstumsfaktoren ausschüttet und eine zielgerichtete Reorganisation der Faserbahnen stattfinden kann.
- Rehabilitation: Eine frühzeitige und intensive Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder einer anderen Hirnschädigung ist entscheidend, um die Neuroplastizität zu fördern und verloren gegangene Funktionen wiederzuerlangen.
- Magnetstimulation: Die Stimulation mit Magnetfeldern kann die Hirnregeneration in die richtigen Bahnen lenken.
- Intelligente Orthesen: Diese können Menschen mit gelähmten Händen helfen, indem sie Hirnimpulse an die Orthese übertragen, die dann die gelähmten Finger öffnet. Durch die passive Bewegung entsteht eine Feedback-Schleife zurück zum Gehirn, die diesem hilft, sich neu zu organisieren und die Koordination der Hand wieder selbst zu lernen.
- Gehirntraining: Gehirntraining ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, um die Intelligenz und die mentalen Fähigkeiten dauerhaft zu verbessern.
- Körperliche Aktivität: Sportliche Betätigung und eine sinnvolle Ernährung sind gute Mittel, um das Risikoprofil zu senken.
- Eine abwechslungsreiche Umgebung: Eine bunte, abwechslungsreiche Umgebung, in der man auch körperlich aktiv ist, kann die Nervenzellbildung in den gedächtnisrelevanten Hirnstrukturen erhöhen.
Strategien zum Schutz des Gehirns
Obwohl ein gewisser Nervenzellverlust im Laufe des Lebens unvermeidlich ist, gibt es verschiedene Strategien, um das Gehirn zu schützen und seine Leistungsfähigkeit zu erhalten:
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- Gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum sind essenziell für die Gesundheit des Gehirns.
- Geistige Aktivität: Fordern Sie Ihr Gehirn regelmäßig durch Lesen, Lernen, Spielen oder andere anregende Aktivitäten heraus.
- Soziale Kontakte: Pflegen Sie soziale Kontakte und engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinschaft.
- Stressmanagement: Lernen Sie, mit Stress umzugehen, zum Beispiel durch Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation.
- Vorsorgeuntersuchungen: Nehmen Sie regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teil, um Risikofaktoren für Schlaganfälle und andere Hirnerkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Kopfbälle im Fußball: Ein Risiko für das Gehirn?
Auch im Fußball werden die Gefahren für Kopf und Gehirn genau beobachtet. Studien zeigen, dass Profis je nach Position bis zu 1500 Kopfbälle pro Jahr absolvieren. Die Frage ist, wie riskant diese ständigen Kontakte sind.
Dr. Matthias Pawlowski, Facharzt für Neurologie am UKM (Universitätsklinikum Münster), erklärt: "Der einfache, sauber durchgeführte Kopfball ist wahrscheinlich nicht schädlich. Wenn Kopfbälle aber häufig und wiederholt durchgeführt werden, kann es sein, dass öfter leichte Traumata des Gehirns auftreten, die dann negative langfristige Folgen im Sinne von kognitiven Einschränkungen haben und das Risiko für die Entstehung einer Demenz erhöhen können. Bei Zusammenstößen - die wir gerade auch bei der EM im Fernsehen sehen -, wenn Spieler etwa im Sprung heftig gegeneinander prallen, kann es neben anderen Verletzungen auch zu einer Gehirnerschütterung kommen, die auch Folgen für das Gehirn haben kann."
Es gibt Hinweise, dass das sich entwickelnde Gehirn von Kindern anfälliger für Schäden in Folge von Schädel-Hirn-Traumata ist. Daher gibt es in einigen Ländern bereits ein Kopfballverbot im Kinder- und Jugendfußball.
Um Kopfbälle sicherer zu machen, können im Jugendsport kleine und leichtere Bälle eingesetzt werden, Flanken aus kürzerer Distanz und weniger scharf geschossen werden und Kopfbälle nur sehr dosiert trainiert werden.
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